Suche nach den verschwundenen Millionen
Ingolstadt (DK) Ein Ingolstädter Repräsentant der Deutschen Vermögensberatung AG (DVAG) soll das Geld seiner Kunden veruntreut haben. Im Herbst 2007 ist der Mann gestorben. Von zwei Millionen Euro fehlt seither jede Spur. Die 31 Geschädigten, fast alle Ingolstädter, fordern von der DVAG jetzt Wiedergutmachung.

Er ließ die Millionen verschwinden. Das Foto entstand 2007 während einer Portugalreise mit Kunden. Wenig später starb der Mann. - Foto: kx
Zudem schätzte man sich privat. Er pflegte die Kontakte rege, lud auf Kosten der DVAG zu Weihnachtsessen, schmiss rauschende Feste für die Kunden, organisierte Hubschrauberflüge über Ingolstadt und Gruppenreisen mit sattem Rabatt nach Portugal, Las Vegas, Dubai. Zufrieden legten die Bekannten des Gerald F. – fast alle kommen aus Ingolstadt – immer wieder aufs Neue Geld bei ihm an. Ziemlich viel Geld. Insgesamt über zwei Millionen Euro.
Staatsanwalt machtlos
Im September 2007 starb Gerald F. Wie es heißt unerwartet. Herzinfarkt mit 49 Jahren. Seine Kunden eilten herbei, um zu kondolieren. In ehrlicher Trauer vereint, denn sie "hatten den Gerald mit seiner charmanten, natürlichen Art echt gemocht". Etwas später fragten die Anleger dezent bei der Witwe nach. Wegen des Geldes. Die beteuerte glaubhaft, davon gar nichts zu wissen. Alles habe ihr Mann geregelt. Die Millionen – fort.
Zwei Monate nach dem Todesfall erstatteten 31 Geschädigte gemeinsam Anzeige gegen Unbekannt. Die Staatsanwaltschaft Ingolstadt ermittelte gründlich. Das Ergebnis: keines. "Unsere Untersuchungen haben zwar einige Ansatzpunkte ergeben", berichtet Oberstaatsanwalt Wolfram Herrle, "aber wir können nichts hundertprozentig beweisen." Es sei nie gegen F. ermittelt worden, weil er tot ist, betont der stellvertretende Behördenleiter. Die Recherchen zielten auf Mittäter und Spuren der zwei Millionen. "Aber das hat alles nichts ergeben. Die Ermittlungen sprechen eher dafür, dass keine weiteren Personen beteiligt waren."
Viele Anleger haben ihr gesamtes Sparguthaben verloren, einige mehr. Der Rekordhalter versenkte allein 563 000 Euro bei Gerald F. Jetzt fordern die Opfer Wiedergutmachung und ziehen gegen die DVAG vor Gericht. Sie unterstellen dem Finanzdienstleister eine gehörige Mitschuld. Die erste Klage wurde bereits abgeschmettert, die Revision läuft. Im Januar wird vor dem Landgericht Ingolstadt Klage Nummer zwei verhandelt. Die Erfolgsaussichten gelten als düster. Das Hauptargument: F. war nie Angestellter, sondern freier Handelsvertreter, der für die DVAG Verträge abschloss.
Doch das wollen die Betrogenen nicht einfach hinnehmen. Und sie kämpfen mithin gegen den Vorwurf, dumm und gierig agiert zu haben. "Ja, wir waren gutgläubig", bekennen sie heute, "aber gewiss nicht fahrlässig." Denn dafür sei das ganze System "viel zu seriös aufgebaut gewesen". Jedenfalls hatte es den Anschein. Verträge habe Gerald F. auf Dokumenten mit DVAG-Briefkopf im luxuriösen Büro des Unternehmens an der Herkommerstraße abgeschlossen. Draußen stand groß DVAG, drinnen hing ein gerahmtes Foto, das F. mit dem DVAG-Werbepartner Günter Netzer zeigt. Unaufgefordert führte der Anlageberater auch gerne ein Video vor, das bei einer glamourösen Auszeichnung der erfolgreichsten DVAG-Vertreter im Münchner Hotel Bayerischer Hof gedreht wurde. Der Ingolstädter spielt darin eine Hauptrolle. Er war 2001 "Berater des Monats".
"Das war wirklich beeindruckend. Auch deshalb haben wir ihm voll vertraut." Die Klageführer wiederholen es immerfort. "Und heute wissen wir, dass er über Leichen gegangen ist." Sie müssen aber auch zugeben: Es kam früh zu gewissen Merkwürdigkeiten. Etwa, dass die DVAG-Vertretung von 1998 bis 2002 auf F.s Frau lief, die mit der Finanzbranche nichts zu tun hat. Inzwischen ahnen die Geprellten den möglichen Grund: Ihre Nachforschungen hätten ergeben, dass F. vor seiner Zeit bei der DVAG mehrfach wegen Betrugs verurteilt worden war, zuletzt zu zehn Monaten Haft auf Bewährung. "Der hat das Ende der Bewährungsfrist abgewartet und dann den Laden wieder auf sich umgeschrieben", vermutet einer, der F. einst vertraut hat.
Dubios mutete außerdem an, dass auf den Verträgen F.s Privatadresse stand. Sein Beharren auf Einzahlungen in bar scheint dagegen niemanden irritiert zu haben. "Er hat immer gesagt, möglichst große Beträge sammeln zu wollen, denn je mehr er anlege, desto höher die Zinsen", bestätigen die Betrogenen unisono. "Er hat außerdem behauptet, in der DVAG-Hierarchie schon so weit oben zu stehen, dass er an lukrative Spezialdepots rankommt." – Hochstapelei, wie man heute weiß.
Das angelegte Geld sei sauber gewesen, beteuern jene, die es verloren haben. "Ich habe meine Mandanten nachdrücklich auf die Konsequenzen hingewiesen, falls da was illegal ist", sagt der Anwalt Michael Regler. Er vertritt den größten Teil der Betrogenen. Dass jemand wegen veruntreuten Schwarzgelds vor Gericht zieht, hält er für sehr schwer vorstellbar.
"Wir fangen bei null an"
Wer keine Rechtsschutzversicherung hat, klagt besser nicht. Etwa eine Witwe, deren gesamtes Erbe mit F. verschwunden ist. Samt der Waisenrente ihrer Tochter. "Wir fangen jetzt wieder bei null an."
Als F. im Sommer 2007 mit zwei Dutzend Kunden Urlaub in Portugal machte, stand sein System wohl kurz vor dem Kollaps. Die ersten wollten ihr Geld sehen, doch der Berater lieferte nicht. Unbehagen breitete sich aus. Ärger. Angst. Der Druck soll ihm zugesetzt haben. "Wie lange kannst du das eigentlich noch so machen", hatte ihn eine Bekannte gefragt, auf deren Vermögen er saß. Seine Antwort: "So lange ich lebe."
Von Christian SilvesterKommentare
Günter Netzer ersetzt nicht die Einlagensicherung.
DVAG. Seriöser gehts doch gar nicht. Michael Schumacher macht den Daumen rauf. Jogi Löw setzt zur schwäbischen Säge an. Die Bank gewinnt immer.
"Bei de Reiche lernt ma s spara, bei de Arme s kocha."
Dann auch noch in Bar. Und da gehen keine Alarmglocken an.
Ich habe mit niemanden Mitleid von den Dummen: auch mit der Witwe nicht, alle selber schuld.
Wobei die versprochene Rendite eher gering war: es gab hier im Raum vor Jahren auch schon 19%! Kamen aber auch nicht zur Auszahlung.
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