Ingolstadt: Eine Droge als Medikament
Die cannabishaltigen Medikamente, die Luigi Spangenberg privatärztlich verschrieben bekam, muss er aus eigener Tasche bezahlen. Die AOK hat die Kostenübernahme abgelehnt. Der Ingolstädter hat jetzt eine Ausnahmegenehmigung für kostengünstigere Cannabisblüten beantragt. - Foto: Rössle
Ingolstadt
Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, krampfartige Schmerzen. Dazu die ständige Schlaflosigkeit und Appetitlosigkeit: Wenn Luigi Spangenberg seine fast 13-jährige Leidensgeschichte schildert, ist die Bitterkeit, die in seiner Stimme schwingt, unüberhörbar. Die Medikamente, die ihm seine Ärzte verordneten, wirkten kaum gegen die Krampfanfälle, hatten dafür aber jede Menge Nebenwirkungen. „Ich hab’ zum Teil acht Sorten Tabletten geschluckt“, erzählt der Programmierer. Doch sein Zustand wurde immer schlechter. Luigi Spangenberg verlor drastisch Gewicht. Um die Jahrtausendwende wog er gerade mal 38 Kilo.

Dann hat der junge Mann, der Rauchen, Trinken und andere Drogen verabscheut, etwas versucht, von dem er gelesen hatte, dass es gegen Schmerzen und Appetitlosigkeit helfen soll. Er probierte Cannabis. Und siehe da: Innerhalb kurzer Zeit nahm der Ingolstädter zu. „Ich hatte keine Nebenwirkungen, es ging mir gut“, erinnert sich Spangenberg.

Nach einem Artikel im DONAUKURIER, in dem es um Cannabis als Heilmittel für Schwerkranke ging, haben sich Luigi Spangenberg und seine Mutter intensiv mit dem Thema beschäftigt. Weil die Ärzte in Ingolstadt Luigi kein cannabishaltiges Medikament aufschreiben wollten, wandte sich die Familie an den Rüthener Arzt Franjo Grotenhermen. Er ist Vorsitzender der Internationalen Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin (IACM). Und von der Wirksamkeit der Hanfpflanze absolut überzeugt.

Unter den herkömmlichen Medikamenten gebe es für Luigi Spangenberg, vor allem wegen dessen ausgeprägter Reizdarm-Symptomatik, „nichts Vernünftiges“, sagt Grotenhermen. Er brauche eine Substanz, die wirklich wirke, damit er ein einigermaßen vernünftiges Leben führen könne – am besten Cannabis oder ein cannabishaltiges Medikament.

Nur: In Deutschland ist die Hanfpflanze eine illegale Droge. Seit 2011 können sich zwar auch hier schwer kranke Menschen Cannabis-Medikamente vom Arzt verschreiben lassen – jedoch nur in begründeten Ausnahmefällen. Laut Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte verfügen derzeit 147 Patienten über eine solche Erlaubnis von der Bundesopiumstelle. Sie dürfen Cannabis unter strenger ärztlicher Aufsicht konsumieren. Auf Privatrezept, denn die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten nicht.

Doch das mehr als 300 Euro teure Spray und die Tropfen, die 600 Euro kosten, übersteigen das Budget Spangenbergs und seiner Mutter bei Weitem. Der junge Mann kann wegen seiner Krankheit nicht arbeiten, seine Mutter Sabine versorgt ihn mit ihrer Erwerbsunfähigkeitsrente („etwa so viel wie Hartz IV“) mit. Die Kasse hat die Kostenübernahme für die Medikamente abgelehnt. Der Gemeinsame Bundesausschuss habe festgelegt, dass eben jenes, in Deutschland nicht zugelassene Präparat „nicht zulasten der gesetzlichen Krankenversicherung verordnet werden darf“, betont AOK-Direktor Ulrich Resch. Dazu gebe es Urteile. „Wir sind hier in einer juristischen Zwickmühle.“

Dabei wurde die Wirksamkeit von Cannabis oder cannabishaltiger Medikamente in mehreren klinischen Studien nachgewiesen. Der Ingolstädter Apotheker Christian Pacher ist von den Medikamenten überzeugt. Wegen der appetitanregenden Wirkung kann sich die Manchinger Heilpraktikerin Brigitta Arndt cannabishaltige Präparate auch als sinnvolle Ergänzung zur Chemotherapie für Krebskranke vorstellen. „Damit die Menschen wieder zu Kräften kommen.“