Akte des Sondergerichts: Auch die Unterlagen von Verfahren gegen Ingolstädter Regimekritiker lagern in München.
Ingolstadt
Simon Riedl war ein Mann, der viel herumkam: Insgesamt 34 Ortschaften im Großraum Ingolstadt betreute der Eieraufkäufer in den 1940er Jahren. Am 6. August 1943 besuchte der damals 52-Jährige seine Kunden im Landkreis Eichstätt und traf dabei einen Postschaffner, der Feldpostbriefe austrug. Simon Riedl hatte wohl eine recht lockere Zunge, denn im Gespräch mit dem Briefträger sagte er: "Den Krieg verlieren wir ja doch." Nun ja: 20 Monate nach der verheerenden Niederlage in Stalingrad gehörte nicht viel Prophetie dazu, diesen Ausgang der verbrecherischen NS-Angriffskriege klar vorhersagen zu können.

Aber in aller Öffentlichkeit konnte so eine Meinung schnell ins Zuchthaus führen: 1944 galt im Tausendjährigen Reich ein spezielles Kriegsrecht. Und auf Wehrkraftzersetzung stand die Todesstrafe. Das drohte nun auch dem Eierhändler, der schnell denunziert worden war. Das Oberlandesgericht München sprach dennoch ein vergleichsweise mildes Urteil: zwei Jahre Gefängnis. Bevor er seine Haft antreten konnte, wurde Simon Riedl mit seiner Familie und zahlreichen weiteren Bürgern Ingolstadts am 1. März 1945 Opfer eines Luftangriffs der Alliierten.

Mutiger Eierhändler

"Der Eierhändler kam viel herum und war daher für die Nazis potenziell gefährlich", analysiert 65 Jahre später der Ingolstädter Historiker Albert Eichmeier die bedrohliche Lage für den Wehrkraftzersetzer. Zugunsten des Angeklagten Riedl sprach jedoch sein Sohn, der freiwillig in der SS-Standarte "Adolf Hitler" diente. Andere, das hat der Ingolstädter Gymnasiallehrer Eichmeier nun herausgefunden, kamen nicht so ungeschoren davon: Ein Hilfsarbeiter aus Ingolstadt bekam 1940 drei Jahre NS-Gefängnis aufgebrummt, weil er gesagt haben soll: "Deutsche Soldaten haben im 1. Weltkrieg ähnliche Grausamkeiten begangen wie die Polen 1939."
 
Besonders hart traf es eine polnische Landarbeiterin aus Ingolstadt wegen "abwertender Äußerungen über Hitler und die Deutschen". Vier Jahre verschärftes Straflager erhielt die 29-Jährige, wahrscheinlich aus der Heimat verschleppte Frau.
 
Insgesamt 84 verschiedene Gerichtsverfahren mit Beteiligten aus der Stadt und dem ehemaligen Landkreis Ingolstadt hat Historiker Eichmeier nun aus den Originalakten im Münchner Staatsarchiv gefiltert. "Nie war Widerstand in Deutschland so gefährlich wie damals", erläutert der Lehrer. "Fast alle Angeklagten mussten mit dem Tod rechnen." Die Aktenarbeit ist ihm ein Herzensanliegen: "Jede Zeit benötigt Menschen, die Rückgrat zeigen und genau hinschauen."
 
Wie der Ingolstädter Dentist, der 1935 wegen Verbreitung von Gräuelnachrichten aus dem KZ Dachau zu einem Jahr Haft verurteilt wurde. Andere Historiker weisen allerdings darauf hin, dass sich Eichmeier nur auf eine Gruppe von Regimekritikern konzertiert.

Gefährliche Gestapo

Denn auch in Ingolstadt gab es neben dem offiziellen Gerichtsweg – der meist vor dem Münchner Sondergericht oder sogar dem Volksgerichtshof in Berlin endete – auch die Aktionen der Geheimen Staatspolizei. Die Gestapo konnte dank eigener Befugnisse Beschuldigte ohne Verfahren in die Konzentrationslager bringen.
 
Für den Ingolstädter Historiker und Kulturpreisträger Theodor Straub ist das Engagement von Albert Eichmeier "sehr wertvoll". Auch Straub hat sich mit den Strafakten, die im Münchner Staatsarchiv gelagert werden, bereits beschäftigt, als er 1995 für den Katalog zur Ausstellung "Ingolstadt im Nationalsozialismus" arbeitete. Die akribische Auswertung und Zusammenstellung der Verurteilten oder Freigesprochenen ist jedoch ein Verdienst des 46-jährigen Gymnasiallehrers. Denn Albert Eichmeier gibt den Ingolstädter Helden ohne Namen endlich eine Identität.