DER EINSERABSOLVENT

 

Es reicht nicht. Mit 1,6 hat er „keinerlei Chancen beim Staat“. Thomas Mayer, Referendar für Englisch und Geschichte, macht sich da nichts vor. „Ich kenne Leute, die haben in meiner Fächerkombination sogar mit einer 1,1 im Staatsexamen keine Stelle bekommen. Es ist der absolute Wahnsinn.“ Mayer heißt in Wirklichkeit anders, aber er will sich nicht exponieren, weil er sich jetzt viel bewerben muss; für befristete Aushilfsverträge an Realschulen, an beruflichen Schulen oder an Privatschulen. Irgendwas eben. Und irgendwo. Viel mehr gibt es derzeit in Bayern nicht. „Nächsten Freitag endet mein Referendariat“, erzählt der junge Lehrer aus der Region. Wenn er nicht bald einen Job findet, muss er sich arbeitslos melden. Wie gesagt: mit einem Einserexamen. Immerhin: „Die großen Kundgebungen der Referendare, an denen ich auch teilgenommen habe, ermutigen uns. Genauso wie der gemeinsame Protest der Lehrerverbände.“ Anderes entmutigt ihn: „Ich war vor Kurzem in einer Sitzung des Bildungsausschusses im Landtag. Es war frustrierend zu sehen, dass die Opposition keine Chance hat. Die CSU schmettert alles ab.“

 

DER FAMILIENVATER

 

Er fand während seines Referendariats in Franken die Frau fürs Leben. Das Paar hat ein Kind, das zweite ist unterwegs. Doch jetzt drohen der Familie harte Zeiten: Der Vater hat bald keine Stelle mehr. Hans-Peter Bauer (Name geändert), Lehrer für Englisch und Sport, ist mit einer Staatsexamensnote von 2,0 in der unrealistischen Sphäre der Warteliste gelandet; bis vor Kurzem hätte noch 3,5 gereicht. „Und auch vor der Landtagswahl ist natürlich großzügig eingestellt worden.“ Bauer, ein Ingolstädter, reist dieser Tage von Bewerbungsgespräch zu Bewerbungsgespräch, um wenigstens einen Aushilfsvertrag zu ergattern, „damit meine Familie über Wasser bleibt“. Die Referendare seien mit bis zu 17 Wochenstunden Unterricht plus Prüfungen ohnehin stärker belastet als früher, sagt er. „Und jetzt nimmt man uns auch noch jede Motivation. Davon haben die Schüler nichts. Darunter leidet die Bildungsqualität. Und wir haben es nach all der Mühe auch nicht verdient, so behandelt zu werden!“ Er und seine Familie stehen kurz davor, Bayern zu verlassen.

 

DER VERBANDSVERTRETER

 

Die Zeiten, da der Bayerische Philologenverband (bpv) von Skeptikern als „CSU-Tarnorganisation“ belächelt wurde, sind definitiv vorbei. Die Standesvertretung der Gymnasiallehrer feuert jetzt aus allen Rohren auf die Bayerische Staatsregierung. Auch Werner Kundmüller, einer der Ingolstädter bpv-Delegierten, sieht sich zu Zurückhaltung nicht mehr imstande. Die Angaben des Kultusministeriums zu Lehrerstellen ärgern ihn. „Die jonglieren mit Zahlen. Keiner blickt mehr durch. Das sind Tricksereien, eine ganz fiese Methode!“, klagt der Studiendirektor für Englisch und Erdkunde am Christoph-Scheiner-Gymnasium. Die CSU habe vor der Landtagswahl versprochen, dass alle Planstellen im System bleiben. Und nun würden doch viele gekürzt. Kundmüller: „Das ist Wahlbetrug!“ Dabei bräuchten die Gymnasien gerade jetzt Lehrer. „Wir haben immer noch Klassen mit bis zu 30 Schülern, und die müssen wir aufs Abitur vorbereiten. Früher im G 9 gab es dafür die Leistungskurse mit maximal 20 Schülern.“ Die hohe Beanspruchung im zweijährigen Referendariat sei auch nicht im Sinne der Schüler. „Die Referendare müssen im dritten Ausbildungsabschnitt bis zu 17 Wochenstunden eigenverantwortlichen Unterricht geben.“ So spare sich der Freistaat viel hauptamtliches Personal. „Zwei Referendare machen rund eineinhalb Lehrerstellen aus. Am Scheiner geben die Referendare etwa 60 Stunden eigenverantwortlichen Unterricht, das entspricht drei vollen Lehrerstellen. Hochgerechnet sind das rund 500 Stellen in ganz Bayern, die der Staat dank der Referendare einspart.“ Die Situation sei „total frustrierend für die jungen Kollegen, die unsere Zukunft mitgestalten sollen und jetzt hoch qualifiziert in die Arbeitslosigkeit geschickt werden“. Frustrierend aber auch für die älteren Kollegen, die sich fragen, was in den bayerischen Gymnasien wirklich besser geworden ist. So wie Kundmüller. Er hat eine Antwort: „Nichts. Nichts ist besser geworden.“

 

DER SCHULLEITER

 

Auch das Apian-Gymnasium ist eine Seminarschule, wie die Stützpunkte der Lehrerausbildung heißen. Die Lage ist noch nicht dramatisch, weil das Apian primär als Stammschule für Referendare mit den Fächern Mathematik, Physik, Biologie und Chemie dient. Hier gibt es noch reichlich Personalbedarf. „Im vorigen Herbst sind 70 Prozent unserer Referendare in den Staatsdienst übernommen worden“, berichtet der Schulleiter Karl-Heinz Haak. Für die nicht eingestellten Junglehrer sei die Situation „natürlich ein Schlag ins Gesicht“. Das Thema werde auch im Apian rege diskutiert. „Es muss das Ziel sein, die besten Köpfe, die wir haben, zu behalten“, sagt Haak. „Denn von diesen Köpfen hängt die Zukunft unseres Schulsystems ab.“ Der Schulleiter nennt das „vorausschauende Investitionen“. Doch wenn er höre, dass sogar Referendare mit einer Note von 1,2 nicht übernommen werden, könne davon keine Rede sein.