Machtprobe an den Gymnasien
Ingolstadt (DK) An den Gymnasien schwelt ein Konflikt: Viele Schüler wollen am kommenden Freitag in München an einer Demonstration teilnehmen. Die Direktoren halten strikt dagegen. Wer unentschuldigt fehle, kündigen sie an, bekomme einen Verweis. Die Schüler berichten von gezielter Einschüchterung.
"Wir streiken, weil wir als Jugendliche nicht mehr Stunden pro Woche arbeiten wollen als unsere Eltern", postulieren die engagierten Schüler auf Flugblättern. "Wir streiken, weil wir es satt haben, Versuchskaninchen der Politik zu sein!"
Und da das zahlreiche Ingolstädter Schüler genauso sehen, wollen sie in München protestieren. Das gibt jetzt schon Ärger, weil die Initiatoren die Demonstration bewusst in der Unterrichtszeit angesetzt haben. Die Direktoren der fünf Gymnasien halten Seit an Seit dagegen. Wer am 12. Februar unentschuldigt fehle, sagen sie, müsse mit Sanktionen rechnen.
Protestwillige Gymnasiasten berichten unisono, von diversen Lehrern und Mitgliedern der Schulleitungen gezielt eingeschüchtert worden zu sein. "Die drohen uns offen mit Verweisen", erzählt eine 16-jährige Schülerin. "Bei uns herrscht eine große Verunsicherung", sagt ein Elftklässler. Die Zahl derer, die trotz des Risikos demonstrieren wollen, sei sehr hoch. Wie es aussieht, steht den Gymnasien eine Machtprobe bevor.
Am stattlichsten scheint das Protestpotenzial am Christoph-Scheiner-Gymnasium zu sein. Einige zehnte und elfte Klassen haben angekündigt, geschlossen zu demonstrieren. Dass eine Klasse sogar schon Fahrkarten nach München gelöst hat, bestätigte auch Schulleiter Peter Bergmann. Er geht das Problem offensiv und ehrlich an. "Von Angst erzeugen kann keine Rede sein! Aber ich muss unseren Schülern einfach klar machen, dass die Teilnahme an der Demonstration unzulässig ist." Bergmann verhehlt nicht, "dass in meinen Äußerungen der Begriff ,Verweis’ gefallen ist". Grundsätzlich gelte es, "die offizielle Haltung des Kultusministeriums zu vertreten".
Der Chef des Scheiner weist auf weitere Aspekte hin, die der Beachtung bedürfen, etwa die Frage der Aufsichtspflicht. Die stelle sich, wenn 14-Jährige alleine nach München fahren. Er missbilligt die Strategie der Aktivisten, die Demonstration in die Unterrichtszeit gelegt zu haben. "Die wollen provozieren."
Gestern verfasste Bergmann ein Rundschreiben, um über juristische Konsequenzen eines – wie die Organisatoren sagen – "Bildungsstreiks" aufzuklären.
Das Apian-Gymnasium äußert sich ähnlich klar. "Wir gehen davon aus, dass alle Schüler zum Unterricht erscheinen", betonte Gabi Rost, Mitarbeiterin im Direktorat. "Es wird für diese Demonstration keine Befreiungen geben." Sie findet es grundsätzlich "sehr begrüßenswert, dass junge Leute ihre Anliegen artikulieren". Streng fügt sie an: "Aber nicht während des Unterrichts!" Wenn es den Jugendlichen wirklich wichtig sei, "dann können sie doch genauso gut nachmittags oder am Samstag demonstrieren".
Edith Philipp-Rasch, die Chefin des Reuchlin-Gymnasiums, beharrt gleichwohl auf den Regeln. "Ich kann das nicht zulassen!" Sie habe die Lage mit den Sprechern der Jahrgangsstufen zehn und elf? ausführlich sowie in konstruktiver Atmosphäre erörtert, sagte die Direktorin. Das Resultat: "ein gespaltenes Meinungsbild." An die Adresse der Aktionsgruppe gerichtet, kritisiert Philipp-Rasch: "Es wäre gewinnbringender, wenn sie für ein klares Ziel demonstrieren würden, und nicht, um irgendwie in Erscheinung zu treten."
Im eigenen Haus setzt sie auf den Dialog. "Ich bin immer bereit, mit Eltern und Schülern über interne Verbesserungsmöglichkeiten zu sprechen."
Auch Reinhard Kammermayer, der Direktor des Katharinen-Gymnasiums, baut auf Vertrauen. Er hat sich lange mit Schülervertretern unterhalten und regelmäßige Treffen angeboten. "Sie sollen sagen, wo der Schuh drückt." Von Demonstrationen hält er nichts. "Die führen nur zu Verhärtung." Deshalb stellt auch Kammermayer klar: Wer am 12. Februar unentschuldigt fehle, riskiere einen Verweis.
Im Gnadenthal-Gymnasium hatte Direktor Kurt Müller gestern wegen zahlreicher Termine keine Zeit für ein Gespräch.
Von Christian SilvesterKommentare
Die Schüler wollen also boykottieren.
Damit die Lehranstalten Anstalten machen, wieder mehr ihrem Lehrauftrag nachzukommen und dieser nicht leerläuft.
Wenn das mal nicht schiefläuft.
Boykott ist zu negativ: lasst unsere Kleinen mal schön streiken, denn dann zeigen sie schon mal, dass sie keine angepassten Ja-Sager werden, sondern für ihre Rechte eintreten: Stand up for your rights, Ingolstädter Schüler. Ich bin dafür und das Klassenziel werden sie deshalb auch erreichen!
Wie würde der werte Schweinehüter sagen (mit vielen Ausrufezeichen): Da wird nichts geändert, aber jede Wette!!!!!
PS: Auch Boykotte bringen bisweilen etwas, man denke nur an den Boykott der Schwarzen in Amerika, nicht Bus zu fahren. Damit wurde letztlich die Apartheid in den USA beendet.
Ich finde das auf jeden Fall sehr mutig von den Schülern. Das G8 ist in seiner jetzigen Form eine Katastrophe. Die Einführung wurde über die Köpfe derer, die es eigentlich angeht, nämlich der Schüler (und auch der Lehrer), beschlossen. Das ist deren gutes Recht, sich gegen unsinnige Beschlüsse zu wehren.
Ich verstehe die Direktoren nicht. Auf der einen Seite sind sie mehr oder weniger gezwungen, den "Schwänzern" einen Verweis zu erteilen; auf der anderen müsste ihnen doch genauso viel an einer Reform des G8 gelegen sein wie den Schülern. Statt dessen stellen sie sich hinters KuMi und nehmen die Anordnungen von höchster Stelle entgegen, ohne auch nur deren Sinn zu hinterfragen. Auf jeden Fall kommt es so rüber.
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