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20.05.2010 21:34 Uhr | 188x gelesen
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Mit Farbdosen aus der Illegalität


Bild: Mit Farbdosen aus der Illegalität . Ingolstadt Ingolstadt (DK) Hoch die Dosen: Die zweite Auflage der \

Ingolstadt (DK) Hoch die Dosen: Die zweite Auflage der "Grande Schmierage" bringt Anfang Juni wieder die Sprayerszene nach Ingolstadt. Gemeinsam verschönern sie die "Hall of Fame" genannte Unterführung bei Unsernherrn mit ihren Graffiti-Werken. Alles völlig legal.



Ingolstadts einzige legale Sprayerfläche befindet sich in der Bahnunterführung bei Unsernherrn. Seit 1995 können sich hier auch angehende Künstler probieren und verwirklichen. Anfang Juni kommen Szenegrößen für eine Neuauflage der "Grande Schmierage" an der Mauer zusammen. - Foto: Schalles
Es wird ohne Übertreibung das größte Graffiti-Treffen Süddeutschlands. 60 Sprayer, darunter sogar einer aus Japan, kommen für die 250 Meter lange Mauer, die von der Stadt als Verschönerungsfläche freigegeben worden ist. Bereits seit 15 Jahren können sich dort alle – auch angehende – Künstler verwirklichen. Von 11. bis 13. Juni schauen die Größen der Szene vorbei.

 
Boris Schmelter ist schon jetzt geradezu elektrisiert beim Gedanken an das Wochenende. Der 30-Jährige aus der Künstlergruppe xhoch4 organisiert mit dem Stadtjugendring (SJR) das Festival als Teil der Jugendkulturszene. Schmelter alias Dyset hat die Sprayergruppe in Ingolstadt mitgeprägt, die sich in einem Arbeitskreis über den Jugendring und die Fronte seit jeher entwickeln konnte.

Rasanter Imagewandel

"Aber man darf sich nicht täuschen", sagt er. "Alle haben irgendwo in der Illegalität begonnen. Es ist eine Utopie zu glauben, dass sich Schmierer und Künstler in ihren Ansichten trennen." Rein rechtlich wird das Besprühen von fremden Hauswänden – und mag es auch künstlerisch noch so ansprechend sein – als Straftat gewertet. "Als würde man jemandem die Scheibe einschlagen. Wir sind aber alles keine Typen, die Scheiben einschlagen", sagt Schmelter. Für ihn ist Graffiti keine Sachbeschädigung, sondern Sachveränderung.

Das Image der Sprayer habe sich in den vergangenen Jahren stark gewandelt, findet Fronte-Leiterin Simona Schreyer. "Es ist eine anerkannte Kunstform geworden." Kürzlich sei sie sogar in New York im Museum of Modern Art auf die Werke renommierter Künstler gestoßen. Auch SJR-Geschäftsführer Stefan Moser sagt: "Die Kunstform Graffiti ist legalisiert." Wovon Ingolstadt mit seiner offenen Sprayerwand besonders profitiere. "Wir dürften im Ranking der Städte mit den wenigsten illegalen Schmierereien ziemlich weit vorne sein", sagt Moser. Wie er betont, habe sich Kulturreferent Gabriel Engert stets als Unterstützer gezeigt.

Das findet auch Schmelter: "In ganz München gibt es nur eine Fläche, die nie und nimmer ausreicht. Da ist Ingolstadt ein Luxusstandort." Legale Flächen seien der einzige Weg, das illegale Sprayen in den Griff zu bekommen, gibt Schmelter zu.

Er freut sich über ein grundsätzliches Umdenken in der Gesellschaft. "Man wird nicht mehr belächelt", sagt der Künstler. Doch die Wertschätzung sei durchaus ausbaufähig. "Immer wenn ich draußen in Unsernherrn war, haben zwei bis drei Leute gehalten und sich meine Nummer geben lassen. Aber da habe ich nie einen Auftrag bekommen", schmunzelt Schmelter. Bei Privatleuten schwanke die Reaktion zwischen Erstaunen und Entsetzen, wenn sie seinen Tagessatz erfahren.

Männlichkeitsrituale

"Zum Glück muss ich mit Sprayen nicht meinen Lebensunterhalt bestreiten", sagt Schmelter, der sich mit Design selbstständig machte. Graffiti ist für ihn Selbstverwirklichung. "Es ist wie Fußball", sagt er etwas überraschend. Er spricht von Männlichkeitsritualen in der Szene, in der es kaum Frauen gibt. "Es geht immer darum, sich mit anderen zu messen."

Graffiti ist auch die Geschichte vom Scheitern. Dem Sprayer rücke das aber kaum ins Bewusstsein. "Alles, was man macht, wird wieder zerstört", sagt Schmelter. "Wenn du es illegal gemacht hast, wird es einfach weggewischt. Und auf den legalen Flächen wird es von einem anderen überpinselt." Auch hier wirke das männliche Ego. "Wenn man über jemanden drübersprayt, dann gibt das natürlich erst mal Ärger. Das Wenigste ist, dass man auch selbst ein Werk übermalt bekommt", sagt Schmelter.

Auch für das Festival vom 11. bis 13. Juni wird die gesamte Unterführung überstrichen, ehe die Künstler loslegen dürfen. Am Freitag kommen sie aber zuerst in den Innenhof der Sparkasse am Rathausplatz, bevor es hinaus nach Unsernherrn geht, wo am Samstag und Sonntag die großen Kunstwerke entstehen werden. Samstagabend läuft auch eine Party in der Diskothek Suxul. Denn feiern können Sprayer freilich auch.


Von Christian Rehberger

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