Ingolstadt: Muss man’s gelesen haben?
14 Regalmeter verbotene Literatur aus der Zeit des Nationalsozialismus werden in der „Remota-Abteilung“, dem „Giftschrank“ der Eichstätter Unibibliothek am Hofgarten, gehütet, darunter auch über ein Dutzend Exemplare von „Mein Kampf“. Im Bild Leiterin Constance Dittrich. - Fotos: Auer
Ingolstadt

Es war das hasserfüllte Glaubensbekenntnis der Nationalsozialisten. Verquaste paranoide Volksverhetzung. Deutsche Paare bekamen Adolf Hitlers Buch „Mein Kampf“ im „Dritten Reich“ vom Staat zur Hochzeit geschenkt. Gelesen haben sie es natürlich nie – jedenfalls beteuerten das alle nach dem Zweiten Weltkrieg, als 60 Millionen Menschen tot waren und die Verbrechen des deutschen NS-Staats in vielen grausamen Details ans Licht kamen. „Mein Kampf“, verfasst 1924/25, also lang vor der „Machtergreifung“ 1933, entwickelt schon jene zwei Kategorien, mit denen Hitler die Welt wahrnahm und denen seine Terrorherrschaft folgte: Rassismus und Krieg.

1945 übertrugen die Alliierten die Urheberrechte an „Mein Kampf“ dem Freistaat Bayern, der die Wiederveröffentlichung immer strikt ablehnte. 2015 sind die Urheberrechte erloschen. Das Münchner Institut für Zeitgeschichte hat eine gründlich kommentierte Neuausgabe des Buchs vorgelegt, die jetzt herauskommt – begleitet von Diskussionen und Kritik. Experten aus Schulen, Wissenschaft und Buchhandel helfen, die Veröffentlichung einzuschätzen.

 

  • Der Geschichtslehrer: Fritz Schäffer, Lehrer am Christoph-Scheiner-Gymnasium, hat die neue Ausgabe von Hitlers Buch noch nicht in der Hand gehabt, weil sie erst in den nächsten Tagen ausgeliefert wird, aber er ist schon gut darüber informiert. „Nach allem, was man hört, ist die kommentierte Ausgabe ein gelungener Versuch, diese Schrift zu entmystifizieren.“ Genau das hält Schäffer für „sehr sinnvoll“. Man müsse auch die Rezeptionsgeschichte des Buchs mit in den Blick nehmen, um wichtige Erkenntnisse über das NS-Reich zu erlangen. Sobald er die kritische Edition gelesen habe, könne er beurteilen, ob sie für die Schule geeignet ist. „Wir haben im Unterricht übrigens schon immer Auszüge aus ,Mein Kampf’ verwendet, um Hitlers Ideologie zu erläutern“, sagt Schäffer. Er rät dazu, nicht zu viel Wind um das Buch zu machen, und bittet, darauf zu vertrauen, dass der Umgang mit „Mein Kampf“ bei den Geschichtslehrern, die alle studierte Historiker sind, in besten Händen sei.

 

  • Der Historiker: Ansgar Reiß, der Leiter des Bayerischen Armeemuseums, sieht der neuen Ausgabe von Hitlers Machwerk ebenfalls gelassen entgegen. „Natürlich muss man das Buch ernstnehmen“, sagt der Historiker. „Die Frage ist aber: In welchem Sinn? ,Mein Kampf’ ist letztlich eine Form politischer Publizistik, an der sich nach dem Krieg die Diskussion entzündete, inwieweit man anhand des Buches hätte vorhersehen können, was später passierte.“ Er ist der Ansicht: Man konnte es nicht vorhersehen. „Vernichtungsdrohungen finden wir bei anderen auch“, sagt Reiß. Hitler gehe als Autor strategisch vor. Trotz all der Menschenverachtung und des Hasses bleibe sein in „Mein Kampf“ formuliertes Programm „doch vage und offen für alle möglichen Interpretationsspielräume“. Hitler habe beim Schreiben des Buchs 1924/25 „nicht von vornherein festgelegt, welchen Weg er gehen wird, aber er hat die Dinge, mit denen er in den 20er-Jahren Erfolg hatte, immer weiterentwickelt“. In seinem Buch erkenne man „das Denkmuster, mit dem er populär wurde und sich im Staat etabliert hat“. Es verrate auch viel über Hitlers starken Hang zu Verschwörungstheorien: „Er war eine verkrachte Existenz mit einem Weltbild voller Feinde. Hitler glaubte wirklich, dass alles, wogegen er kämpft, zusammenhängt, und dass hinter allem letztlich nur eines steckt: das Judentum.“ Muss man die Neuausgabe der Hetzschrift mit Sorge sehen? Nein, sagt Reiß. „Die Zeit ist über Hitlers Buch und seine Rhetorik hinweggegangen. Es ist nicht mehr gefährlich. Als Historiker begrüße ich es immer, wenn problematische Texte wissenschaftlich kommentiert werden, denn das dient der Entzauberung der Rhetorik. Die Frage ist natürlich, muss ich ,Mein Kampf’ gelesen haben“ Die Antwort des Historikers: „Nein. Denn ich kann Hitlers Aufstieg auch verstehen, wenn ich ,Mein Kampf’ nicht kenne.“

 

  • Der Realschulleiter: „Hitlers Buch wird bei uns niemals Teil des Lehrplans werden“, versichert der Direktor der Realschule Kösching, Bernhard Buchhorn. Das sei schon rechtlich gar nicht möglich. Ihm zufolge werden sich die Lehrer in nächster Zeit „intensiv mit dem Buch auseinandersetzen“. Die Zeit des Nationalsozialismus werde an der Realschule schon immer ausführlich behandelt. Im vergangenen Jahr hielt der Zeitzeuge Max Mannheimer einen Vortrag an der Schule, „um den Schülern eine kritische und intensive Auseinandersetzung mit dem NS-Regime zu ermöglichen“, sagt Buchhorn.

 

  • Die Universitätsbibliothek: In der Eichstätter Universität liegt „Mein Kampf“ neben anderen rassistischen, volksverhetzenden Schriften in einem „Giftschrank“, wie es die Bibliotheksleiterin Constance Dittrich formuliert. 14 Regalmeter hinter Schloss und Riegel. Sie betont, dass es strenge Regeln für das Benutzen der rassistischen Bücher und Zeitschriften gibt. Der Bestand kann generell nicht nach Hause ausgeliehen, sondern darf ausschließlich im Lesesaal eingesehen werden. Kopieren ist nur in begrenztem Umfang möglich. Und es darf auch nicht aus bloßer Neugier oder Faszination geblättert werden: Jeder Nutzer (die Personalien werden festgehalten) muss schriftlich begründen, wieso er ein wissenschaftliches oder didaktisches Interesse an einem Werk hat. Das ist keine Schikane: Hier, so betont Dittrich, geht es um den Straftatbestand der „Verbreitung von Propagandamitteln“ beziehungsweise „Volksverhetzung“. Ausnahmen gibt es nur bei wissenschaftlicher Nutzung.

 

  • Buchhandel: Bei Hugendubel in der Theresienstraße hält man sich sehr bedeckt und verweist auf die Münchner Zentrale. Unternehmenssprecherin Sophie von Klot teilt mit: „Unsere Kunden werden den Titel sowohl online als auch in den Filialen bestellen können. Von einer Präsentation des Titels in den Filialen und in unseren Online-Shops sehen wir ab.“ In Eichstätt hat der Buchhandel nicht den Eindruck, dass mit der 59 Euro teuren, zweibändigen Neuausgabe ein Geschäft zu machen ist. Die Buchhandlung St. Willibald ist mit sechs Vorbestellungen der „Spitzenreiter“, die Kunden sind zum Teil Wissenschaftler der Universität. Maria Rupprecht, Chefin von 34 Buchhandlungen in ganz Bayern, hat in ihrer Eichstätter Filiale aktuell drei Vorbestellungen. Man habe intern lange diskutiert, wie mit dem Thema umzugehen sei. Jetzt aber sei sie der Ansicht, die kommentierte Fassung sei eher positiv zu sehen: „Ich hoffe, dass dieses Buch dadurch seinen großen Symbolcharakter verliert.“ Buchhändlerin Annina Peter von der Buchhandlung Sporer sagt: „Bei uns gab es keine einzige Anfrage“ – und sie macht keinen Hehl daraus, dass sie damit gut leben kann.