Ingolstadt: Unter Schutt und Trümmern
Dunkel und feucht: In den Räumen unter dem Scherbelberg drängten sich bei Angriffen während des Zweiten Weltkriegs rund 300 Leute. Der Luftschutzbunker wurde in den Gängen der einstigen Festungsanlage eingerichtet. - Foto: Strisch
Ingolstadt
Sirenengeheul schreckte am Vormittag des 22. April 1945 die Ingolstädter auf. In der Anatomiestraße packte Gertrud Osterberg schnell die wichtigsten Sachen zusammen. Wie so oft in den Tagen und Monaten zuvor. Dieses Mal allerdings wurde Daueralarm gegeben, niemand wusste, wie lange sie im Bunker werden bleiben müssen. Besonders schwierig war es wohl für ihren fünfjährigen Sohn. Gemeinsam machten sich die beiden auf zum nahen Scherbelberg. Die Stadt war vom Krieg schon stark gezeichnet. Immer wieder war Ingolstadt in den Kriegsjahren bombardiert worden. Erst am Tag zuvor war die Altstadt, das Schloss und die Bahnhöfe von heftigen Explosionen erschüttert worden. Mehrer hundert Mal hatten Mutter und Sohn den Weg in den Bunker schon angetreten.

 

Eine Treppe führte hinunter in den „ÖLSR 2A“, den öffentlichen Luftschutzraum unter dem Hügel. 300 Menschen drängten sich auf den 227 Quadratmetern unter dem künstlichen Hügel. Die meisten waren Frauen mit ihren Kindern. Die Türen wurden geschlossen, das Innere durch ein paar Kerzen spärlich erhellt. „Ich glaube, Angst hatten wir zu diesem Zeitpunkt keine mehr, durch die zahlreichen vorangegangenen Fliegeralarme war man schon etwas abgestumpft. Die allgemeine Stimmung war aber trotzdem sehr bedrückt, denn alle warteten nur noch auf das Ende dieser schrecklichen Zeit“, erinnerte sich Osterberg Jahre später.

Der Scherbelberg war zu diesem Zeitpunkt schon zehn Jahre alt. Ein bisschen haben die Ingolstädter ihn dem Donaunebel zu verdanken. Der erschien den Stadtoberen Anfang der 1930er Jahre so lästig, dass sie beschlossen, einen künstlichen Berg aufzuschütten, um auch an dunstigen Tagen einen Blick über die Stadt zu ermöglichen, berichtet Stadthistoriker Hans Fegert. Als 1934 die Fronten Preysing und Buttler sowie der Kaiserwall entlang der heutigen Jahnstraße abgebrochen wurden, schütteten die Schanzer den Schutt am Stadtrand auf. Der Scherbelberg erwuchs über den Resten der Festungsanlage, die knapp 150 Jahre vorher zum Schutz vor den napoleonischen Truppen errichtet worden war. Die alten Gewölbe darunter wurden zu einem Luftschutzbunker ausgebaut. „Einer der wenigen echten in der Stadt, die meisten Schutzräume waren ja nur Brauereikeller“, sagt Fegert.

Auch wenn der Hügel mit 25 Metern nicht einmal halb so hoch wurde wie geplant, galt der Scherbelberg – oder „Monte Scherbelino“, wie ihn manche nannten – 1934 als höchste Erhebung der Stadt. 1936 stellten die Nazis auf dem Hügel als „Symbol bajuwarischer Lebensfreude“ einen Maibaum auf, ein Brauch, der in Ingolstadt vorher nicht gepflegt worden war. Dann begann der Krieg.

Zwei Tage und zwei Nächte verbrachten die Ingolstädter im Bunker. Osterbergs Nachbarin, die Bäuerin Blank, durfte den Keller kurz verlassen, um ihre Kühe zu versorgen. Die frisch gemolkene Milch brachte sie den Kindern in den Bunker mit. Dann waren die Amerikaner da und der Krieg in Ingolstadt zu Ende. „Draußen schien die Sonne strahlend hell. Man musste sich erst wieder an das Licht gewöhnen“, berichtet Osterberg in dem Buch „Luftangriff auf Ingolstadt“ von Hans Fegert.

Über 65 Jahre später erzählt Maximilian Schuster, Geschichtslehrer an der Fronhofer Realschule, seinen Schülern von jenen Tagen im ÖLSR 2A. Für seine Wahlfachgruppe hat er einen Besuch in dem Bunker ermöglicht. „Diese Art von Entdeckungscharakter und Lichtspiele in den dunklen Gängen, sowie das Wissen um die traurigen Tage des Zweiten Weltkrieges sind es, die eine Faszination bei den Schülern auslösen“, erklärt er.

Ab den 1960er Jahren, so erinnert sich Fegert, probten in dem einstigen Bunker Beat-Bands. Allerdings litten die E-Gitarren und Felle der Trommeln unter der immensen Feuchtigkeit in den Gängen und so war es mit der Rockmusik unter dem Scherbelberg irgendwann vorbei. Eine Nutzung der zehn Räume unter dem Berg ist schwierig, erklärt Josef Lehner vom städtischen Gebäudemanagement. Zu feucht ist das Gemäuer und der Grundriss mit keiner Brandschutzbestimmung zu vereinbaren. Wenn es draußen warm ist, ziehen heute nur noch ein paar Nebelschwaden durch die dunklen Gänge unter dem Scherbelberg.