Ingolstadt: Das ist ja die Höhe
Foto: Cornelia Hammer
Ingolstadt

Beim Weg durch Ingolstadt kommt ein Spaziergänger alle 150 bis 200 Meter an einem solchen Metallteil vorbei. Rund 400 gibt es im Stadtgebiet. "HP" ist in einige eingestanzt. Johann Freund kann erklären, für was diese Abkürzung steht. Für "Höhenpunkt" nämlich. Dabei hat der Leiter des Ingolstädter Amtes für Digitalisierung, Breitband und Vermessung streng genommen gar nichts mit der Höhenmessung zu tun. Er kümmert sich eher um die Fläche. Geht es in die Senkrechte, kommen die Kollegen vom Landesvermessungsamt wie Vermessungsingenieur Franz Müller und sein Messgehilfe Josef Mühlbauer ins Spiel. Sie sind in ganz Bayern unterwegs, um das so genannte Haupthöhennetz zu kontrollieren. Sie reisen dabei von einem Höhenmesspunkt zum anderen. Rund 110 000 gibt es davon im Freistaat. Mit optischem Nivelliergerät und Messstangen ermitteln die Experten die Höhenunterschiede zwischen den einzelnen Punkten. "Auf den hundertstel Millimeter genau", betont Müller. Dazu wird auf den Metallbolzen in der Wand zunächst eine Latte mit Markierungen gestellt. Um die Messung nicht zu verfälschen, wird davor sowohl der Fuß der Latte als auch der Knopf an der Wand sauber gewischt. "Schon ein Steinchen würde die Messung verfälschen", sagt Müller.

Anhand der Messungen kann etwa festgestellt werden, ob sich der Boden gesenkt hat. Eine Frage, für die sich unter anderem Geologen interessieren. Erkennbar wird auch, ob sich Gebäude, Staudämme oder Berghänge in ihrer Struktur verändert haben und ob dadurch eventuell eine Gefahr ausgehen könnte. Eine exakte Höhenmessung ist auch nötig, um Bauprojekte wie Brücken oder Kanäle mit Gefälle berechnen zu können. Müller, Mühlbauer und ihre Kollegen setzen deswegen immer wieder neue Messpunkte und kontrollieren, ob die Werte der bestehenden noch korrekt sind.

Der Nullpunkt dieser Messungen ist der vielzitierte Meeresspiegel. Wegen Tidenhub und Wellengang ändert sich der ständig und ist nicht exakt zu messen. Bereits in historischen Zeiten wurde er deswegen als theoretischer Wert unverrückbar festgelegt. Allerdings an mehreren Orten auf der Welt. Von 1850 bis 1890 maß man in Bayern etwa relativ zum Adria-Pegel in Venedig. In Österreich gilt dieses Maß noch heute, während man sich in Deutschland mittlerweile am Nullpegel von Amsterdam orientiert. Der wurde bereits Anfang des 17. Jahrhunderts festgelegt. Seit dieser Zeit wurden in Holland exakte Wasserstandmessungen vorgenommen. "Die waren nötig, um die Gefälle der Kanäle zu berechnen, mit denen der Unrat aus den Städten ins Meer geleitet wurde", so Müller. Außerdem musste dazu der richtige Zeitpunkt zwischen Ebbe und Flut ermittelt werden, um sicherzugehen, dass die Abfälle hinaus ins Meer gezogen und nicht in die Stadt zurückgedrückt werden.

Der damals festgelegte Nullpunkt ist jener, der noch heute definiert, dass etwa der Messpunkt an der Ostseite des Alten Rathauses von Ingolstadt genau 369,639 Meter über dem Meeresspiegel liegt. Genau 1,286 Meter darüber liegt eine historische Messmarke, die hier im Jahr 1910 angebracht wurde.

Würde ein österreichischer Messtrupp die Marke kontrollieren, käme er auf ein anderes Ergebnis. Denn der Adria-Pegel liegt rund 34 Zentimeter unter dem holländischen. "Die paar Zentimeter. Geht es wirklich so genau", könnte der Laie fragen. Freund und Müller konstruieren ein Beispiel: "Wie hoch ist die Zugspitze" Der Berg steht bekanntlich genau auf der Grenze von Österreich und Deutschland. Wenn man sich nicht abspricht, ändert sich die Höhe also je nachdem, ob man von der einen oder anderen Seite misst. Wichtig ist auch eine Verständigung bei grenzüberschreitenden Tunnel- oder Brückenprojekten. Eh man sich versieht, messen beide Seiten korrekt, graben am Ende aber doch aneinander vorbei. "Alles schon passiert", sagt Müller.