Bunte Mischung: Neben offiziellen Vertretern von Grünen, Linken, SPD, FDP und Bürgergemeinschaft waren auch etliche Bürger ohne Parteibuch zur Kundgebung gegen die ZFI-Tagung gekommen.
Bunte Mischung: Neben offiziellen Vertretern von Grünen, Linken, SPD, FDP und Bürgergemeinschaft waren auch etliche Bürger ohne Parteibuch zur Kundgebung gegen die ZFI-Tagung gekommen. Hier spricht gerade Eva Bulling-Schröter, frühere Bundestagsabgeordnete der Linken, zu den Demonstranten.
Hauser
Ingolstadt

Die Versammlung in Regie des Aktionsbündnisses "Ingolstadt ist bunt" am Carraraplatz lief friedlich ab; die vorsorglich mit einem starken Aufgebot präsente Polizei konnte sich zurückhalten. Die örtliche Inspektion hatte sich noch mit auswärtigen Kräften verstärkt. Ein gutes Dutzend uniformierter Beamter hielt sich nahe der Volkshochschule bereit, brauchte aber zu keinem Zeitpunkt einzugreifen.

Nach der Vorberichterstattung im DONAUKURIER hatte sich erstmals seit Jahren wieder eine breitere Koalition gegen eine ZFI-Tagung formiert. Neben offiziellen Vertretern von Grünen, Linken, SPD, FDP und Bürgergemeinschaft Ingolstadt (darunter einige Stadträte) hatten sich auch Bürger ohne ausdrückliches politisches Bekenntnis eingefunden, um sich gegen befürchtete Geschichtsklitterungen durch die ZFI zu stellen, die insbesondere die Rolle Deutschlands im Zweiten Weltkrieg zu relativieren versucht.

"Ingolstadt kommt nicht aus den Schlagzeilen, was rechte Gesinnungen betrifft."

Agnes Krumwiede von den Grünen

 

Joachim Siebler, Bezirksrat der Grünen, forderte als Redner vor den Demonstranten eine entschiedene Haltung gegen solche Tendenzen ein: "Wer die Verantwortung Deutschlands am Zweiten Weltkrieg kleinredet, der macht den Nationalsozialismus groß. Und das lassen wir nicht zu." Siebler nannte es ebenso wie andere Redner unverständlich, dass die Stadt der ZFI nach wie vor Räume für ihre Tagungen zur Verfügung stellt: "Diese Praxis muss ein Ende haben."

Auch die früheren örtlichen Bundestagsabgeordneten der Linken und der Grünen, Eva Bulling-Schröter und Agnes Krumwiede, verlangten eine deutliche Distanzierung der Stadt und der regierenden CSU von der Forschungsstelle und ihren Tagungsinhalten. Beide erinnerten an den inzwischen verstorbenen ZFI-Gründer Alfred Schickel, der als Ingolstädter Geschichtslehrer (am Gnadenthal-Gymnasium) unter anderem mit eigenen Berechnungen von Opferzahlen der NS-Zeit hervorgetreten war, die er weit niedriger angesetzt hatte als von der historischen Forschung gemeinhin angenommen. In diesem Geiste, so die Kritik der Rednerinnen, arbeite die ZFI bis in heutige Tage. Eva Bulling-Schröter: "Es ist eine Schande für Ingolstadt, dass diese Leute hier tagen dürfen; das muss endlich aufhören."

Auch Agnes Krumwiede forderte vor dem Hintergrund eines allgemeinen Erstarkens der politischen Rechten eine Abkehr der Stadt von der Bereitstellung eigener Tagungsräume. Die Grünen-Politikerin: "Ingolstadt kommt nicht aus den Schlagzeilen, was rechte Gesinnungen betrifft." Es sei "unverzeihlich", dass der ZFI hier weiterhin "ein Podium für ihre revisionistischen Thesen" geboten werde. Bei der Forschungsstelle, so Krumwiede, handele es sich "um einen Altherrenklub mit dem Ziel, NS-Verbrechen zu verharmlosen - alles unter dem Deckmantel der Wissenschaft und Forschung".

Die frühere Ingolstädter SPD-Stadträtin Gerda Büttner erinnerte an ihren erfolgreichen Einsatz für eine Beendigung der Bezuschussung der ZFI aus städtischen Kulturfördermitteln vor rund 20 Jahren. Die Sozialdemokratin hatte seinerzeit aufwendige Recherchen zu den Veröffentlichungen Alfred Schickels in diversen national orientierten Zeitungen und Zeitschriften betrieben. Nach ihrer Erkenntnis hat sich der ZFI-Gründer mit einigen Thesen "am Rand der Legalität" bewegt. Büttner: "Es ist die Kunst dieser Leute, sich so auszudrücken, dass man sie juristisch noch nicht belangen kann, weil sie etwas in eine Frage kleiden, weil sie etwas nur mal so andeuten."

Die SPD-Vertreterin verwies auch auf den jüngst vom DK aufgedeckten Skandal um (inzwischen gesperrte) revisionistische Aufsätze und Redemanuskripte im Internetauftritt der Freunde des Bayerischen Armeemuseums: "Die ZFI ist hier nicht alleine in Ingolstadt." Offensichtlich bestünden sogar Zusammenhänge zwischen beiden Gruppierungen. Gerda Büttner unter dem Applaus der Demonstranten: "Ich schäme mich dafür, dass Ingolstadt da so eine Plattform bietet und ein Sammelbecken für diese Leute ist. Das hat unsere Stadt einfach nicht verdient."

Auf Distanz: Ein Teilnehmer der ZFI-Tagung beobachtet vor der VHS die am Carraraplatz versammelten Demonstranten.
Auf Distanz: Ein Teilnehmer der ZFI-Tagung beobachtet vor der VHS die am Carraraplatz versammelten Demonstranten. An der Herbsttagung der Forschungsstelle nahmen rund 50 Personen teil.
Hauser, Johannes, Ing
Ingolstadt

"Wir haben nichts zu verbergen"

ZFI-Vorsitzender Gernot Facius zeigte sich auf DK-Nachfrage auch nicht irritiert. Man sehe keinen Grund, künftig vom Tagungsort Ingolstadt abzuweichen, so seine Auskunft.

 

Dass Kulturreferent Gabriel Engert die routinemäßige Bereitstellung des Rudolf-Koller-Saales in der Kurfürstlichen Reitschule durch die VHS-Verwaltung jüngst gegenüber dem DK bedauert hatte und auf Distanz zu dieser Praxis gegangen war, ficht den ZFI-Sprecher nicht an. Facius: "Was hat der Kulturreferent für eine Kompetenz? Der Kulturreferent zeichnet sich durch ein hohes Maß an Unkenntnis aus, wenn er mit solchen Verbalinjurien um sich wirft. Er trifft die falschen Leute."

Vor den rund 50 Tagungsteilnehmern der ZFI sagte Facius später, dass man sich nicht gegen kritische Beobachter wehren wolle: "Wir haben nichts zu verbergen, sind offen für Disput." Tatsächlich waren aber nur ganz wenige Besucher anwesend, die auch zuvor an der Demonstration teilgenommen hatten.

Der Vormittag stand bei der Tagung ganz im Zeichen eines Referats des Mannheimer Historikers Stefan Scheil zur Schulbuchpolitik in der Bundesrepublik. Diese sieht das durch mehrere revisionistisch geprägte Buchveröffentlichungen zur Geschichte des Zweiten Weltkriegs hervorgetretene AfD-Mitglied stark von Interessen der damaligen Siegermächte geprägt. Insbesondere deutsche Geschichtsbücher, so Scheil in seinem Vortrag, seien in der Nachkriegszeit unter dem Einfluss amerikanischer und britischer Besatzungspolitik in Fragen der Kriegsschuld zum Nachteil Deutschlands eingefärbt worden. Mehrfach, so Scheil, sei in dieser Hinsicht Einfluss auf die bundesdeutsche Kultusministerkonferenz genommen worden.

Eine insbesondere seit den 70er-Jahren propagierte Abkehr von der Wissensvermittlung an den bundesdeutschen Schulen und eine Hinwendung zur Kompetenz- und Meinungsbildung, so die Auffassung des Referenten, habe bei jungen Menschen wegen einer "Vereinheitlichung von Sprachregelungen" vielfach zur unkritischen Übernahme eines von den Alliierten vermittelten Geschichtsbildes geführt. Diese Ausführungen blieben im Kreis der Tagungsteilnehmer unwidersprochen.