Ingolstadt: Nadelstiche bei Tag und bei Nacht
Warnstreiks: Die IG Metall hat gestern und in der Nacht zum heutigen Freitag in drei großen Betrieben in Ingolstadt und Manching (die Fotos oben und unten links entstanden bei Airbus) Mitarbeiter zu Kundgebungen gerufen. Bei Conti Temic an der Ringlerstraße sprach vor rund 200 Beschäftigten IGM-Funktionärin Claudia Mrosek (unten rechts). - Fotos: IGM, Brandl
Ingolstadt

In der bayerischen Metall- und Elektroindustrie wird am Montag wieder verhandelt. Dann beginnt die dritte Tarifrunde. Zwei Prozent mehr Lohn und eine Einmalzahlung von 200 Euro hatten die Arbeitgeber zuletzt geboten. Der IG Metall ist das zu wenig. Sie fordert sechs Prozent und einen individuellen Anspruch auf Reduzierung der wöchentlichen Arbeitszeit auf bis zu 28 Stunden - mit Lohnausgleich.

Um diese Ziele zu untermauern, traten gestern bei Conti Temic rund 200 Mitarbeiter in den Warnstreik. "Der Wirtschaft geht es so gut wie lange nicht", sagte Claudia Mrosek, Betriebsbetreuerin der IG Metall, zu den Kollegen. "Wann gäbe es also sonst einen Grund für eine ordentliche Erhöhung", fragte sie. Die Arbeitgeber jedoch hielten diese für "überzogen" - für Mrosek nicht mehr als das "übliche Tarifrunden-Gejammere". Die Unternehmen würden das Geld für die Digitalisierung und den industriellen Fortschritt benötigen, bekäme sie von Arbeitgeberseite zu hören. "In Wirklichkeit werfen sie das Geld ihren Aktionären in den Rachen", sagte die IGM-Funktionärin und erntete dafür kräftigen Zuspruch aus den zuvor ausgegebenen Trillerpfeifen.

Das vorliegende Angebot finde sie "erbärmlich und unverschämt", so Mrosek. Sie trat statt dessen entschieden für eine Verkürzung der Arbeitszeit - bei vollem Rückkehrrecht - von bis zu einem Tag in der Woche ein, wenn die Lebenssituation der Arbeitnehmer diese erfordere. Dem Argument aus der Wirtschaft, dies würde nicht in eine moderne Arbeitswelt passen und den Fachkräftemangel fördern, erteilte sie eine Absage. "Verträge mit bis zu 42 Arbeitsstunden sind ein Schritt zurück in frühere Zeiten und nicht in eine moderne Arbeitswelt", sagte sie. Dabei erlebten die Beschäftigen ohnehin "seit Jahren eine Arbeitsverdichtung mit unbezahlten Überstunden und Wochenendarbeit", so die Gewerkschafterin.

Zuvor hatte Sepp Bäuml, Vertrauenskörperleiter bei Conti Temic, betont, dass laut einer Umfrage viele Kollegen dort die Arbeitszeit gerne verkürzen würden. Er kritisierte die einseitige Auslegung von Arbeitszeitflexibilität zugunsten der Unternehmen und warf ihnen vor, sie wollten sich aus ihrer "gesellschaftlichen Verantwortung herausschleichen". Oft müssten beide Elternteile arbeiten, aber von beiden würde Flexibilität nur im Sinne der Unternehmen verlangt. Es könne nicht sein, dass darüber nur die Arbeitgeber entschieden.

Bei einem Warnstreik im Manchinger Airbuswerk, an dem sich nach Gewerkschaftsangaben rund 800 Beschäftigte beteiligten, hat der Zweite Bevollmächtigte der IGM Ingolstadt, Bernhard Stiedl, das bisherige Arbeitgeberangebot als "unzureichend" und als "Mogelpackung" zurückgewiesen: "In der zweiten Tarifverhandlung boten sie uns zwei Prozent Entgelterhöhung für 15 Monate an, diese Erhöhung wollen sie uns aber nur dann zugestehen, wenn sie auch die Arbeitszeit von 35 auf 42 Stunden ausweiten können. Das ist jedoch kein Angebot, sondern ein Null-Angebot: Wenn wir für eine Entgelterhöhung von zwei Prozent sieben Stunden länger arbeiten sollen, dann ist dies sogar ein Minusangebot." Das Verhalten der Arbeitgeber in dieser Tarifrunde suche seinesgleichen, so Stiedl. Mit ihrer Verweigerungshaltung brächten sie die Metall- und Elektroindustrie an den Rand von längeren Warnstreiks. Stiedl: "Mit diesem vergifteten Angebot haben die Arbeitgeber ein Feuer gelegt, das sich zu einem Flächenbrand ausweiten kann."

Der Gesamtbetriebsratsvorsitzende von Airbus Defence and Space, Thomas Pretzl, betonte in seiner Rede, dass insbesondere Airbus eine Entgelterhöhung von sechs Prozent verkraften könne: "Im vergangenen Jahr erwirtschaftete Airbus einen deutlichen Gewinn, darüber hinaus verkaufte der Konzern mehr Flugzeuge."

In der vergangenen Nacht setzte die IG Metall dann mit einem Warnstreik bei Audi, zu dem rund 5000 Mitarbeiter des Automobilherstellers erwartet worden waren, den bislang heftigsten Nadelstich gegen die Arbeitgeberseite in der Region (Näheres dazu unter www.donaukurier.de und in der morgigen Ausgabe).