Ingolstadt: Von Kasematten und Kaponnieren
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Ingolstadt

Warum nur, so fragte ein Teilnehmer des Rundgangs durch die Gänge der Fronte Rechberg, schlägt die Stadt nicht viel mehr touristisches Kapital aus ihren überkommenen Befestigungen? Tatsächlich ist es gut denkbar, dass sich nicht nur die Einheimischen für die gar nicht so wenigen Relikte jener Jahrhunderte interessieren, als Ingolstadt ein Bollwerk an der Donau war.

Immerhin: Einmal im Jahr ziehen Stadtmuseum, städtische Tourismusgesellschaft, Festungsförderverein und Historischer Verein an einem Strang und öffnen Türen und Tore, die ansonsten gut verschlossen sind. Die Gewölbe und Gänge, die da noch von der Wehrhaftigkeit früherer Tage zeugen, wären ohne gewisse Sicherungsmaßnahmen wahrscheinlich sonst nicht ganz ungefährliche Abenteuerspielplätze oder Treffpunkte für zwielichte Gestalten.

Beim Festungstag aber ging alles ganz geordnet ab - soweit das bei dem gestern erlebten Ansturm möglich war. Versierte Führer ließen kaum Fragen unbeantwortet und überraschten auch kundigere Teilnehmer noch mit dem einen oder anderen neuen Aspekt, aber auch mit neuen Einsichten: So waren an der Fronte Rechberg - der am besten erhaltene Teil der polygonalen Befestigungen aus dem 19. Jahrhundert - erstmals die Infanteriekasematten des noch völlig unversehrten östlichen Reduits zugänglich.

Stadtführer Helmut Fertsch machte seinem Gefolge recht bildhaft klar, welch gewaltige finanzielle Anstrengung der Festungsbau seinerzeit für das Königreich Bayern und seinen Monarchen Ludwig I. war: Wenn man zugrunde legt, dass seinerzeit für einen Gulden zwölf Maß Bier zu haben waren, dann wird deutlich, welch gewaltiges Konjunkturprogramm die 23 Millionen Gulden für die Landesfestung damals in Gang gesetzt haben. 7000 Arbeiter waren 20 Jahre lang damit beschäftigt, Gräben auszuheben, Kavaliere, Kaponnieren und Batterien zu erstellen und vieles davon auch noch mit einem dicken Erdmantel zu verhüllen - Nährboden für manches Strauchwerk und sogar Bäume, die heute auf vielen alten Festungsbauten Wurzeln geschlagen haben.

Dass einzig die Natur die niemals kriegerischen Handlungen ausgesetzten Festungsbauten erobert hat, ist auch gut im Fort Prinz Karl bei Katharinenberg (Teil des äußersten Festungsgürtels) zu sehen, das längst gut eingewachsen ist, obwohl doch früher freie Sicht und freies Schussfeld oberstes Gebot beim Festungsbau waren. Die Führungen hier waren bereits vor dem Aktionstag ausgebucht, die Anfahrt mit dem Oldtimerbus der INVG vom Rathausplatz aus ein besonderer Spaß für die Glücklichen, die sich rechtzeitig eine Karte gesichert hatten.

Dass zu einer Festung nicht nur Wälle, dicke Mauern und Schießscharten, sondern auch viel Logistik und gewaltige Versorgungsanstrengungen gehören, hatte Ernst Aichner, früherer Chef des Bayerischen Armeemuseums und Vorsitzender des Festungsfördervereins, bereits am Morgen einer Gruppe beim Rundgang durch die Altstadt gezeigt: Die frühere Friedenskaserne (heute Sitz von Polizeipräsidium, Polizeiinspektion und Finanzamt), ehemalige Offiziershäuser an der Esplanade, das vormalige Zeughaus an der Adolf-Kolping-Straße (heute Sitz eines Teils der Berufsschule 1) und die frühere Kriegsbäckerei an der Proviantstraße (inzwischen Materiallager des Armeemuseums und Heimat der bayerischen Armeebibliothek) waren Stationen. Aichner lobte die in Ingolstadt vielfach gelungene Umnutzung der früheren Militärbauten, weil die heutige nachhaltige zivile Verwendung der beste Garant für den Denkmalschutz sei.

Der frühere Luftschutzbunker unterm Scherbelberg, das ehemalige Militärbad im Schutterhof, die Reste der mittelalterlichen Stadtmauer und am Nachmittag sogar eine virtuelle Festungsführung mit den Mitteln der Digitaltechnik im Stadtmuseum waren weitere Angebote an diesem geschichtsträchtigen Aktionstag. Und auch, wenn etliche Teilnehmer gleich mehrere Stationen durchliefen - alles hat wohl niemand gesehen. Da bleibt noch was zu entdecken am nächsten Festungstag.