Ingolstadt: Von Griechen und Schanzern
Die Bayerische Landesfestung hat Ingolstadts Aussehen im 19. Jahrhundert entscheidend geprägt. Als der Bau 1828 startete, bekleidete der spätere Ehrenbürger Joseph Gerstner den Posten des Landrichters und Stadtkommissärs. Über die Schriften des Dichters ergibt sich eine Verbindung zur Schlacht von Navarino , von der eine türkische Beutekanone im Ingolstädter Schlosshof steht - Fotos: Schalles, Rössle, Stadtarchiv
Ingolstadt
Die Aufregung war groß. Ja diese Griechen! Geld, immer mehr Geld verschlingt dieses Volk! Die Vorwürfe kann jeder herunterbeten: Zwecklos! Alles verschwendet! Hier brauchen wir es dringender! Das sind aber mitnichten Worte aus den vergangenen Wochen und Monaten. Bereits in den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts hielt sich in Bayern diese Meinung über die Südeuropäer. Dabei hatte sich doch überall der Philhellenismus, als die Begeisterung für Griechenland Bahn gebrochen, denn schließlich erhob sich das Volk seinerzeit aus dem Osmanischen Reich. Die Westeuropäer unterstützten das aus den verschiedensten machtpolitischen Hintergründen und schickten anfangs Geld, ehe sie militärisch in den Konflikt eingriffen.

Auch aus Ingolstadt floss ein kleines bisschen Geld. Verbürgt sind 75 Gulden, die Joseph Gerstner spendete. So viel hatte der Landrichter und Stadtkommissär Ingolstadts mit der Veröffentlichung eines kleinen Büchleins („Zwölf Gelegenheitsreden“) erlöst. Denn Gerstner war kraft seines Amtes nicht nur „ein kleiner Napoleon von Ingolstadt“, wie es hieß, sondern auch ein begnadeter Dichter. Gerstner schrieb zudem als Erster die Geschichte Ingolstadts auf und wurde nicht zuletzt deshalb 1833 der erste Ehrenbürger der Stadt.

Was kaum mehr jemand weiß: Der Landrichter versuchte auch einen Gegenpol zum Barthelmarkt zu errichten und führte ein Fest in Katharinenberg ein. „Das ist aber irgendwann eingeschlafen“, kann Friedrich Lenhardt berichten.

Der Köschinger Heimatpfleger ist Mitglied beim Förderverein Bayerische Landesfestung und hat sich sehr intensiv mit Gerstners Leben im Generellen und dessen Griechenland-Abenteuer im Speziellen beschäftigt. Daraus ist ein spannender Beitrag für das Magazin „Globulus“ der Natur- und kulturwissenschaftlichen Gesellschaft Eichstätt entstanden. Es ist gerade in der 17. Ausgabe erschienen.

Was bleibt aus dieser Zeit, außer Gerstners Büchern, die im Stadtarchiv zu finden sind? Spuren von Griechenland finden sich in Ingolstadt nicht nur auf den Speisekarten der Lokale. Es ist ein türkisches Geschützrohr aus der Seeschlacht von Navarino (1827), als die Griechen ihre Unabhängigkeit erreichten. Zu bewundern ist das Kriegsgerät im Innenhof des Neuen Schlosses mit dem Bayerischen Armeemuseum.

Auf diese Weise lässt sich auch die Verknüpfung zur Ingolstädter Landesfestung herstellen, für die zu Gerstners Zeit als Stadtkommissär mit dem Schanzen begonnen wurde. Für die einen sind es ein paar Steinhaufen, die seit Jahrzehnten nur im Weg herumstehen. Für die anderen sind sie so etwas wie der Lebensinhalt geworden. Vernarrt in die Bauwerke der Landesfestung muss man vielleicht gar nicht sein, aber Bürgermeister Albert Wittmann sagt: „Das ist ein Teil der Ingolstädter Geschichte, der uns alle interessieren sollte.“ Der Förderverein Bayerische Landesfestung, dessen Vizevorsitzender Wittmann ist, setzt seine beschränkten Mittel ein, um das historische Erbe hervorzuheben. Die Mitglieder des Festungsvereins forschen seit Jahren und veröffentlichen. Die große Aufmerksamkeit ist ihnen bisher verwehrt geblieben. Obschon sie immer wieder einige interessante Aspekte herausfiltern.

Da wäre zum Beispiel Karl Bauer genannt, „ein sehr verdientes Mitglied“, sagt Wittmann. Bauers aktueller Beitrag im „Globulus“ dreht sich – auf die Ausgaben 16 und 17 verteilt – um die „unregelmäßigen Fronten“, also jenem Teil der Landesfestung im Westen der Altstadt, der von der Friedhofstraße bis hinunter zur Donau nicht mehr vollständig ausgebaut worden ist. Weil so langsam das Geld bei dem Jahrhundertprojekt ausging und außerdem die Westseite Ingolstadts einst nur ein Sumpf war. Das Motto: Da kommt der Gegner eh nicht her. Bis in Folge der Donaubegradigung während des Festungsausbaus plötzlich der Grundwasserspiegel sank, das Moos austrocknete. Dann musste der Westen der Stadt schnell noch festungstechnisch ertüchtigt werden. Wer sich im Ingolstädter Freibad auf die faule Haut legt, tut dies vor den roten Festungsmauern, die wir einer unregelmäßigen Fronte verdanken.

Das Bewusstsein in der Stadt habe sich tatsächlich gewandelt, sagt Bürgermeister Wittmann. „Die Landesfestung hat einen anderen Stellenwert – von den Abrisszeiten will ich gar nicht mehr reden.“ Es gab tatsächlich die Phasen in der jüngeren Stadtgeschichte, als es hieß: „Alles, was rote Steine hat, das reißen wir ab.“ Bis in die 1960er und 1970er Jahre haben die Ingolstädter abgebrochen. „Sehr bedauerlich“, sagt Wittmann.

Die Zeiten sind vorbei. Ein großes Anliegen hat der Verein bereits umgesetzt: den Festungsrundweg, der inzwischen sogar massive Schautafeln als Wegweiser bekommen hat, nachdem lange Zeit nur Holzgestelle verfügbar waren. Das nächste große Projekt erfordert etwas mehr Aufwand. „Unser Hauptanliegen ist es, dass der Festungsgraben ausgehoben wird“, kündigt der Bürgermeister an. Zwischen Rechberg- und Heydeckstraße soll es wie zu Festungszeiten hier bei den „regelmäßigen Fronten“ wieder in die Tiefe gehen und die gigantische V-Form des Bauwerks sichtbar werden. Wer die angrenzende Anlagen des Vereins Wasserrose kennt, kann sich eine Vorstellung vom angestrebten Höhenunterschied machen.

Auch auf der anderen Stadtseite wird an der Jahnstraße bald kräftig gebaut: die Bäderlandschaft verändert sich. Das Sportbad wird gebaut, das Hallenbad Mitte verschwindet. Vor 100 Jahren und länger hat sich dieser Teil Ingolstadt bereits massiv verändert. Karl Bauer beschreibt zum Beispiel, wie der Turm Triva und der Turm Baur eine neue Heimat erhielten. Denn unter diesen beiden Namen verbinden die Ingolstädter und ihre Gäste heute inzwischen zwei Dinge: einerseits das Polizeimuseum im Klenzepark; andererseits die Sing- und Musikschule beziehungsweise die Bühne für das Freilichtschauspiel des Stadttheaters.

Das ging ihren Vorfahren anders. Für sie waren das noch zwei namenlose Bauwerke, die nur Ziffern hatten. „Triva und Baur hießen schon einmal andere Werke“, ergänzt Ernst Aichner, der Chef des Festungsvereins, die Ausführungen von Karl Bauer. „Der Triva stand einst dort, wo heute das Christoph-Scheiner-Gymnasium steht, der Baur ist sozusagen unter dem Scherbelberg.“ Beide Werke fielen der Ablösung der Ingolstädter Hauptumwallung gegen 1905 zum Opfer. Doch die Militärs wollten seinerzeit nicht, dass die Namen „der verdienten Männer untergehen“, sagt Aichner. Also wurden die Türme am Brückenkopf nach ihnen benannt.

Ihr einstiger Standort an der heutigen Jahnstraße birgt noch ganz andere Schätze. Wo heute der Scheiner-Sportplatz und das alte Eisstadion stehen, war einst der Pionierhafen. „Mal sehen, ob wir auf Reste stoßen“, sagt Albert Wittmann. Hier soll eben ab Herbst das neue Sportbad entstehen.