Ingolstadt: Vom Kriegsgefangenen zum Oberarzt
Stefan Kaufmann (92) wollte als Bub Arzt werden. Doch erst kam der Krieg. - Foto: Rössle
Ingolstadt
Er hatte alles genau geplant. Als der damals 19-jährige deutschstämmige Stefan Kaufmann aus seinem Heimatdorf Rudolfsgnad im jetzigen Serbien (damals Jugoslawien) nach Schrobenhausen zu seinem Onkel reiste, freute sich der Einserabiturient auf seine Zukunft. Der Volksbund für das Deutschtum im Ausland hatte ihm ein Stipendium für ein Medizinstudium zugesichert. Wegen des Krieges vergab der Bund jedoch keine Stipendien mehr; stattdessen gab er dem jungen Mann eine Adresse in München. Dort könne man ihm helfen. Hinter der Adresse verbarg sich die Waffen-SS, die ihm versprach, sein Studium zu finanzieren, wenn er sich zwei Jahre verpflichtete. „Ich habe ja als Zugereister nichts gewusst“, sagt Kaufmann, „sie haben mich verraten und verkauft.“ Doch er ließ sich darauf ein.

Als Wachmann arbeitete der heute 92-Jährige zunächst in Berlin und spielte in einem Propagandafilm mit, in dem ein deutscher Angriff auf Polen nachgestellt wurde: „Wir haben sowohl die angreifenden Deutschen als auch die fliehenden Polen gespielt“, erzählt Kaufmann. 1941 wurde Kaufmann an die Front nach Russland versetzt. „Ich hatte eigentlich Glück“, sagt er, „schon beim ersten Gefecht bohrte sich eine Kugel durch meinen Stahlhelm.“ Kaufmann musste in Deutschland operiert werden und konnte nach seiner Genesung in Gießen sein Medizinstudium fortsetzen. 1945 musste er wieder an die Front – als Feldunterarzt in Österreich. Kurz vor der deutschen Kapitulation setzte er sich zusammen mit Kollegen nach Norden ab, um nicht in russische, sondern in amerikanische Kriegsgefangenschaft zu geraten. Doch das erste Lager in der Nähe von Traunsee war „nicht sehr gut“, erinnert er sich. Das Essen sei knapp gewesen. Als der berühmte amerikanische General George Patton zu Besuch kam, nutzten sie die Gelegenheit: Mit nackten Oberkörpern kamen sie zum Appell, die abgemagertsten unter ihnen ganz vorne. Der Trick funktionierte: Der General entließ die Leitung und sorgte für mehr Essen. Im Oktober 1945 wurde Kaufmann nach Ingolstadt in das damalige Heereszeugamt verlegt. Auch dort habe er anfangs gehungert, erinnert er sich. Und wusste sich wieder zu helfen. Für das Personal brannte er illegal „mit den Küchengeräten“ Kaffee- und Ananaslikör. Für zwei Flaschen Alkohol habe der Händler auf dem Schwarzmarkt drei Lastwagenladungen mit Essen bekommen. „Ich habe von da lange Zeit keinen Lachsersatz mehr gegessen“, erzählt Kaufmann.

Erst zwei Jahre später wurde Kaufmann vor einer Spruchkammer entnazifiziert und als Mitläufer eingestuft. Studieren durfte er in Bayern trotzdem nicht – aufgrund seiner Vergangenheit. Er promovierte in Marburg, kam zurück und arbeitete bei seinem Onkel in der Praxis. 1952 kam dann die Zusage vom Klinikum in Ingolstadt. Dort spezialisierte er sich auf Hirnhautentzündung und wurde schließlich Oberarzt.

Heute sitzt Kaufmann wegen einer Nervenkrankheit im Rollstuhl. Seine Lebensfreude hat er deshalb nicht verloren: „Mein Gehirn funktioniert noch perfekt.“