Ingolstadt: Tickende Schätze
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Ingolstadt

Ticktack. Ticktack. Ticktack. Die kleine Werkstatt an der Beckerstraße in Ingolstadt ist erfüllt von einem unaufhörlichen, leisen Ticken, nur manchmal unterbrochen durch ein Läuten. Trotz der hörbar fortschreitenden Stunden stellt sich das Gefühl ein, die Zeit wäre hier stehen geblieben. Hunderte alter Uhren hängen an den Wänden, stehen auf den Schränken oder sind in den Regalen und Vitrinen untergebracht: Armbanduhren und Taschenuhren, Kettenuhren, Wanduhren und Pendeluhren, Jahresuhren, Standuhren, Kaminuhren und Kuckucksuhren - alle mit hübsch verzierten Zeigern, eine digitale Anzeige wird vergeblich gesucht. Zu jedem Exemplar kann Werner eine Geschichte erzählen. "Ich weiß, welche ich wann und wo zu welchem Preis gekauft habe", versichert er.

Der 53-Jährige bezeichnet sich selbst als "amerikanischer Uhrmachermeister". Zu diesem Handwerk kam Werner eher durch Langeweile - bei einem zwölfjährigen Auslandsaufenthalt. "Ich habe in Amerika viele alte Uhren gekauft und wollte sie herrichten", erzählt der gelernte Werkzeugmacher. Oft scheiterte er aber, und so entschied er sich, eine renommierte Uhrenschule in Pennsylvania zu besuchen.

Ein Jahr benötigte Werner, bis er seinen Meisterbrief in der Tasche hatte. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland musste er die Prüfung noch einmal machen, um auch hier als Uhrmacher und Restaurator anerkannt zu werden - was gar nicht so einfach war: "Ich musste mir alle Fachausdrücke erst einmal übersetzen", erinnert er sich. 2006 eröffnete er seine Werkstatt in Ingolstadt. Seither lebt er von der Reparatur alter Uhren.

"Was ich hier mache, macht fast keiner mehr", sagt Werner. Er sitzt zwischen zwei langen Werkbänken, auf denen sein Arbeitsmaterial verteilt liegt. Sichtbare Ordnung herrscht hier keine, aber das will der Uhrmacher auch gar nicht. "Sonst findet man ja nichts mehr", meint er augenzwinkernd. So fliegt das Auge des Besuchers - die Werkstatt ist übrigens zugleich ein Museum - zwischen vielen Einzelteilen hin und her. Neben der Drehbank liegt allerlei Werkzeug wie Bürsten, Drahtspulen, winzig kleine Bohrer, Stifte, Schraubenzieher, Scheren, Pinzetten und Zangen. Werners Spezialgeräte sind teils fast hundert Jahre alt, aber nach wie vor einsatzbereit. Auf der anderen Seite lagert er unzählige zerbrechlich wirkende Uhrenbauteile wie Ziffernblätter, Zeiger, Zahnräder, Federn, Schrauben und Gehäuse in Schächtelchen. "Ersatzteile gibt es oft nicht mehr zu bestellen, die fertige ich dann selbst an", erklärt Werner.

Vor dem Uhrmacher steht eine rote, französische Kaminuhr mit bronzenen Füßen und einer großen, dreidimensionalen Figur über dem Ziffernblatt. Aus dem Jahr 1880, tippt Werner, der das Stück in einem Secondhandladen in Amerika erworben hat. "Wenn ich die hergerichtet habe, ist die locker 1800 Euro wert", schätzt er. Herrichten, das heißt zerlegen, reinigen, reparieren, zusammenbauen, einstellen und Probe laufen lassen. Bei so manchem Exemplar kann das bis zu einem Jahr dauern. "Weil viele erst einmal selbst versuchen, zu reparieren, und die Uhr dann total verhunzen", sagt Werner.

Alte Uhren scheinen eben im Trend zu liegen. "Es kommen viele junge Leute, es wollen nicht alle eine Quarzuhr haben", sagt der 53-Jährige. Da biete es sich an, den vom Uropa geerbten Zeitmesser wieder zum Laufen zu bringen und zum Beispiel zur Tracht zu tragen. "Da sind schon richtige Schätze dabei." Juweliere könnten oft nicht weiterhelfen und schicken die Uhr höchstens ein. "Die richtigen Uhrmacher sterben leider alle weg."

Umso besser läuft das Geschäft für Mario Werner. Und so klemmt er sich seine Vierfachlupe ins Auge und bittet um Ruhe, um sich der französischen Kaminuhr zu widmen. "Da muss ich mich konzentrieren."