Herr: Süßes, dann gibt's Saures
37 Zuckerwürfel isst der Durchschnittsbürger pro Tag. Viel zu viel, sagt der Kardiologe, Professor Karlheinz Seidl. - Foto: Thinkstock
Ingolstadt

Herr Professor Seidl, Sie sind eigentlich fürs Herz zuständig. Dennoch liegt Ihnen auch das Thema Diabetes am Herzen. Was hat beides miteinander zu tun?

Professor Karlheinz Seidl: Diabetes ist ein ganz wichtiger Risikofaktor für Herzerkrankungen. Wir wissen ja, dass sehr viele Menschen in Deutschland, fast sechs Millionen, eine Zuckererkrankung haben. Letztendlich Folge dieser Zuckererkrankung kann der Herzinfarkt sein, es kann aber auch sein, dass Krankheiten wie die Schaufensterkrankheit oder Gefäßverschlüsse auftreten. Die Schaufensterkrankheit kennt man ja. Das ist die Erkrankung, wo es zu Durchblutungsstörungen an den Beinen kommt und man nach einer gewissen Zeit stehen bleiben muss, weil man einfach zu starke Schmerzen hat und die Durchblutung in den Beinen so schlecht ist.

 

Mittlerweile gibt es wissenschaftliche Untersuchungen, die bezeichnen Zucker als Gift. Unterstützen Sie diese These, wenn ja, warum?

Seidl: Was heißt eigentlich Gift? Gift ist eine Substanz, die den Organismus verletzt und tötet. Wenn man betrachtet, dass 25 Prozent aller tödlichen Erkrankungen mitverursacht werden durch Zuckererkrankungen, durch Zucker also, dann kann man, glaube ich, schon sagen, dass Zucker ein Gift ist. Zucker schädigt ja verschiedene Organe. Zum einen die Leber. Es kommt zu einer Verfettung der Leber. Er schädigt die Nieren, Zuckererkrankungen schwächen das Immunsystem, sie sind letztlich Risikofaktor für Krebserkrankungen, für Osteoporose. Und wenn man all das zusammennimmt, dann glaube ich schon, dass man sagen kann, dass Zucker, oder zumindest dieser raffinierte Zucker, der künstlich hergestellt ist, eine Art Gift, eine Droge ist. Das würde ich schon so mittragen. Wenn man bedenkt, dass in Europa ein Durchschnittsbürger 40 Kilogramm Zucker pro Jahr zu sich nimmt, das sind 37 Zuckerwürfel am Tag. Die müssen ja erst mal verstoffwechselt werden.

 

Wie viel Zucker ist zu viel Zucker? Welche Menge darf man als gesunder Mensch pro Tag essen?

Seidl: Wenn ich ganz ehrlich bin, muss ich sagen, am besten, man verzichtet auf jeglichen Zucker. In sehr vielen Produkten, wo man gar nicht glaubt, dass Zucker drin ist, etwa in Wurst oder Käse, ist dieser versteckte Zucker drin. Man nimmt ohne Wissen schon genügend Zucker zu sich. Deshalb bin ich schon auch ein Befürworter, sich so zuckerfrei wie möglich zu ernähren.

 

Essen Sie eigentlich selbst noch was Süßes?

Seidl: Ich esse ab und zu natürlich was Süßes. Ich bin ja auch ein Befürworter nicht der gesunden, sondern der bewussten Ernährung. Das heißt, wenn ich weiß, dass ich mal über die Stränge geschlagen hab, dass ich mich dann einfach auch mal ein paar Tage wieder zügele.

 

Wie ist es denn eigentlich mit Süßstoff, der ja vor allem bei Diabetikern oft als Alternative zum Zucker gesehen wird. Gesund ist der doch auch nicht.

Seidl: Nein, da kann ich nur davon abraten. Es ist ein Zuckerersatz, wenn man unbedingt süß haben möchte, aber letztendlich ist es meist ein Chemieprodukt. Davon würde ich eher abraten.

 

Nun haben Sie anfangs ja gesagt, Zuckerkrankheit ist ein großer Risikofaktor für Herzerkrankungen. Was kann man tun, damit es nicht so weit kommt?

Seidl: Vorbeugen fängt schon im Kindesalter, im Jugendalter an. Ich glaube, das sind zwei ganz wichtige Aspekte. Ich muss sagen, meine Eltern haben früher immer darauf geachtet, dass ich wenig Zucker zu mir nehme, dass ich mich viel bewege. Ich glaube, es sind die ganz wichtigen Voraussetzungen, sich bewusst zu ernähren, das heißt nicht, sich zu kasteien, und viel Sport machen. Man nimmt den Zucker, den man braucht, durch die alltägliche Nahrung ja auf. Fructose zum Beispiel, das ist auch eine Art versteckter Zucker, den haben wir im Obst und Gemüse, da sind aber noch zusätzliche Mineralstoffe und Ballaststoffe drin, die das Ganze viel besser verstoffwechseln. Also, was kann man vorbeugend tun: A: sich bewusst ernähren. B: Sport machen.

 

Bei Ihrer Veranstaltung am Montag haben die Zuhörer Gelegenheit, sich eine App fürs Smartphone runterzuladen. Was hat es damit auf sich?

Seidl: Das ist eine App, die eine Art Schulungsprogramm für Patienten hat, die bereits eine Diabetes haben. Da lernt man, mit dieser Erkrankung umzugehen, auf was man achten muss, wie es mit der Ernährung ist, was man zusätzlich machen kann, um den Zucker positiv zu beeinflussen. Das sind verschiedene Schulungsprogramme sowohl für Patienten, aber auch für Angehörige von zuckererkrankten Patienten.

 

Persönliche Daten werden aber nicht abgespeichert.

Seidl: Nein, auf keinen Fall. Das ist eine generelle Informationsapp mit Tipps und Schulungsfilmen. Wir wollen einfach mal wissen, ob so etwas letztendlich hilfreich für die Patienten und ihre Angehörigen im Umgang mit der Zuckererkrankung ist.