Ingolstadt: Schweigen ist (k)eine Option
Trugen die Geschichten der Betroffenen bei der Buchvorstellung im Altstadttheater mit großem Respekt vor: die Schauspieler Marc Simon Delfs, Sandra Schreiber, Ingrid Cannonier und Leni Brem (v. l.). - Foto: Kerestely
Ingolstadt

Mit großem Respekt und Verständnis tragen vier Schauspieler am Mittwochabend im Altstadttheater die Ausschnitte aus dem Buch vor. Sie lesen über Ängste, über Zweifel und über die Suche nach einem Ausweg. "Es ist sehr schwierig, eine richtige Haltung beim Vorlesen zu finden", meint Schauspielerin Leni Brem. "Obwohl das Thema sehr emotional ist, versuche ich, mich davon zu distanzieren und die Texte für sich sprechen zu lassen." Die redaktionelle Betreuung des Buches übernahm der studierte Politologe Stephan Brummet, der heute als Heilpraktiker für Psychotherapie in Neuburg arbeitet und gleichzeitig seinen Master of Science in Psychotherapiewissenschaft an der Sigmund-Freud-Privatuniversität Wien absolviert. Die Zusammenarbeit mit den Betroffenen war für ihn sehr berührend. "Ich bin dabei mit Menschen ins Gespräch gekommen, die Schlimmes erlebt und dennoch einen Weg gefunden haben, mit dem Erlebten umzugehen und so ein Stück weit mit ihrem Leben versöhnt sind", schrieb er über sich.

Die Buchautoren bleiben anonym. Vielleicht sitzen sie im Publikum und hören zu. Vielleicht aber auch nicht. Man kann am Ende des Buchs ihre ausgedachten Spitznamen mit kurzen Informationen nachschlagen. Zum Beispiel: "Batman, Ende 20, berufstätig, Sohn einer Betroffenen." Oder: "Gepard, Anfang 60, Fotografin, Mutter, Vergewaltigung in der Ehe."

"Wir haben Narben, die keiner sieht", so fängt das Buch an. Sexualisierte Gewalt ist eine schwere Erfahrung, die für keinen unbemerkt vergeht. Der Alltag sei von den Erinnerungen beeinflusst und der Umgang mit anderen Menschen, der eigenen Familie, dem Partner oder den Kindern sei erschwert. Es kostete viel Mühe und Kraft, sich mit dem Erlebten zu arrangieren und den Einfluss der Vergangenheit zu verringern, berichten die Autoren. Wichtig ist dabei, sich eine professionelle Hilfe zu holen und nicht mit dem Problem "unter vier Augen" zu bleiben. "Diese Veranstaltung soll ein Stück dazu dienen, dass mehr Betroffene wissen, wo sie sich Hilfe holen können", sagt Andrea Teichmann, die Geschäftsführerin von Wirbelwind. "Bei uns kann sich jeder Mut holen, um ins normale Leben zurückzukehren."

Beratungsgespräche mit erfahrenen Psychologen des Vereins spielen dabei eine zentrale Rolle. Die Nachfrage ist groß, zeigen die Statistiken. 2016 wurden insgesamt 216 Personen beraten, 2878 Telefonate geführt und 520 Kontakte per E-Mail, SMS oder WhatsApp aufgenommen und 597 persönliche Beratungsgespräche geführt. Viele dieser Fälle gehören zum sogenannten Dunkelfeld, weil die dazugehörenden Sexualtaten nie angezeigt wurden. "Eine Anzeige erstatten die wenigsten Opfer", sagt Teichmann. "Aus Scham vor der Familie, vor der Verwandtschaft, aus Angst vor dem Täter oder aus anderen Gründen gehen viele nicht zur Polizei."

Viele meinten aber auch, dass die Behörden ihnen nicht glauben werden. Doch in Wirklichkeit ist das Gesetz auf ihrer Seite. Zudem trat Ende letzten Jahres eine Neuregelung des Sexualstrafrechtes in Kraft. Demzufolge kommt es nicht mehr darauf an, ob eine betroffene Person sich gegen den Übergriff gewehrt hat, oder warum ihr dies nicht gelungen ist. Die nun eindeutig geltende Regel "Nein heißt nein" soll es den Opfern leichter machen, die Straftat nachzuweisen.

Allerdings verzichten viele Betroffenen nicht nur auf die Anzeige, sondern auch auf eine psychologische Beratung. Sie schweigen über mehrere Jahre. "Die meisten unserer Mitglieder sind erwachsene Frauen, die Gewalt als Jugendliche erlebt haben", sagt die Geschäftsführerin. "Viele haben es geschafft, das Problem in die Peripherie des Lebens zu verdrängen und sich wenigmöglichst damit zu beschäftigen", sagt sie weiter. Bei einigen Lebenssituationen, wie der Geburt eines Kindes, machen sich die alten Ängste und Einschränkungen wieder bemerkbar, und die Betroffenen verstehen, dass sie doch eine professionelle Hilfestellung brauchen, erklärt die Geschäftsführerin.

Selbstverständlich tut das mehrjährige Schweigen in den meisten Fällen nicht gut. Die Veranstalter des 25-Jahr-Jubiläums des Vereins rufen auf, über das Thema offen zu sprechen. "Ich finde es sehr wichtig, die sexualisierte Gewalt nicht zu tabuisieren. Die Gesellschaft soll sich damit offen auseinandersetzen", sagt die Vorsitzende des Fördervereins des Altstadttheaters, Ingrid Cannonier. Sie trägt ihren Teil dazu bei und liest mit anderen Schauspielern an diesem Abend aus dem Buch vor. Erhältlich ist die Neuerscheinung in den Räumen von Wirbelwind, Am Stein 5, in Ingolstadt sowie unter Telefon (08 41) 9 31 26 14.