Ingolstadt: "Schuss vor den Bug"
Klare Worte: Bernhard Stiedl, Zweiter Bevollmächtigter der IG Metall, bei der Delegiertenversammlung. - Foto: Brandl
Ingolstadt

Stiedl nutzte die Gelegenheit für einen flammenden Appell an die Politiker der großen Parteien, die sich durch das Ergebnis aufgefordert fühlen sollten, wieder eine bessere Sozialpolitik zu machen. Vorschläge lieferte Stiedl gleich mit. Demnach trete die IG Metall auch gegenüber einer neuen möglichen Koalition ein für ein stabiles Rentenniveau, eine paritätisch finanzierte Krankenversicherung, Stärkung der Tarifbindung und den Abbau von Leiharbeit. Er kritisierte zudem, dass Deutschland heute einen der größten Niedriglohnsektoren innerhalb der Europäischen Union habe. "Unsere Marktwirtschaft hat Maß und Mitte verloren, also das, was sie zu einer sozialen Marktwirtschaft macht", sagte er.

Positiv bewertete er die kürzlich erfolge Zusage einer Beschäftigungsgarantie bei Audi bis 2025. Dies sei der "Hartnäckigkeit des Betriebsrats" zu verdanken, ebenso wie die Fertigung zweier elektrisch betriebener SUV-Modelle in Ingolstadt ab 2021. Was den geplanten Abbau von 250 Stellen bis 2021 beim von Osram in Eichstätt ausgegliederten Leuchtmittelhersteller Ledvance angeht, setzte Stiedl seine Hoffnungen in den vom Unternehmen angekündigten Zukunftsplan, der vor Weihnachten kommen soll. Auch dieses Angebot sei der Stärke der Gewerkschaft vor Ort zu verdanken, denn der Arbeitgeber wisse darum und habe Angst vor der IG Metall, sagte er.

Das starke Wachstum der vergangenen Jahre konnte die IG Metall heuer jedoch nicht fortsetzen, wie Stiedl feststellte. Demnach habe man im Vergleich zum Vorjahr bis Oktober 840 Neuaufnahmen weniger verzeichnet. Zuletzt seien es immer "um die 3000 gewesen". Insgesamt zählen die Ingolstädter Metaller aktuell etwas mehr als 50 600 Mitglieder.

Zum aktuellen Stand der Tarifverhandlungen für Bayern nahm anschließend der Erste Bevollmächtigte, Johann Horn, Stellung. Er kritisierte das gestern von Arbeitgeberseite vorgelegte Angebot, das eine Einmalzahlung von 200 Euro sowie ab 1. April eine Lohnerhöhung von zwei Prozent bei gleichzeitiger "bedarfsorientierter Ausweitung der Arbeitszeit" vorsieht. Die IG Metall fordert sechs Prozent mehr Lohn und moderne Arbeitszeitmodelle mit einer Reduzierung auf bis zu 28 Wochenstunden. Horn rechne nicht mit einem Tarifabschluss bis zum Jahresende und kündigte die Vorbereitung von Warnstreiks an, die möglicherweise noch vor der nächsten Tarifrunde am 15. Januar beginnen könnten.