Ingolstadt: "Schaut’s her, des san mia"
 
Ingolstadt
Fast scheint es, als könnten es die Köschinger nicht erwarten. Bereits um 19.30 Uhr und damit eine halbe Stunde früher als gedacht sperrt die Feuerwehr den Kreisel vor der Realschule. Am Haken eines Autokrans schwebt der erste Metallpfeiler über die Fahrbahn. Kurz nachdem er auf dem Fundament steht, kreisen Autos, Lkw und Motorräder wieder um die hell erleuchtete Insel im Verkehrsstrom. Viele Fahrer drehen die Köpfe und verfolgen im Vorbeifahren für Sekunden, wie die Metallkonstruktion festgeschraubt wird. Karl-Heinz Pogoretschnik sieht das gern. 15 000 Autos kommen hier jeden Tag vorbei. „Das sind 15 000 Blickkontakte“, sagt er. In der Hand hält der Projektleiter ein Modell des Köschinger Tores. Für ihn wird in dieser Nacht wahr, für was er lange gekämpft hat. Auch gegen Widerstände. Das Geld hätte man lieber in die nötige Sanierung des Hallenbades gesteckt, meinen einige. Zu groß sei das Tor, merkten andere an. Protzig und angeberisch. Pogoretschnik ficht das nicht an. Für ihn kann das Tor gar nicht groß genug sein. „Schaut’s her, des san mia“, soll die Konstruktion sagen, erklärt er.

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Eine gute halbe Stunde später schwebt das zweite Bauteil heran. Es ist mit dem Köschinger Wappen verziert. Bürgermeister Max Schöner gibt im Scheinwerferlicht Interviews. „Für Kösching ist das eine ganz tolle Sache“, sagt er. 20 000 Euro hat sich die Gemeinde das Projekt Kosten lassen. Weitere 100 000 haben Pogoretschnik und der Gewerbeverein bei ansässigen Firmen gesammelt.

Rund um den Kreisverkehr stehen vielleicht 70 Köschinger, die sich das nächtliche Spektakel ansehen. Unter anderem ist der vierjährige Alois Wittmann mit seinen Eltern Rainer und Sylvia gekommen. Ihnen gefällt der „Koloss von Kösching“ wie die Konstruktion immer wieder genannt wird. Alois kann sich vor allem für den großen Kran begeistern. Der ist kurz darauf wieder im Einsatz und bringt das erste Querstück auf die beiden Säulen. Groß prangt der Ortsname auf dem glänzenden Untergrund. Als das tonnenschwere Teil an seinem Platz ist, applaudieren die Köschinger, die am Straßenrand in der Kälte ausharren. Ein, zwei Kritiker sind auch gekommen, aber deren Zweifel geht in der allgemeinen Euphorie unter.

Der erste Bogen steht. Die Verkehrsinsel erinnert in diesem Augenblick an ein metallenes Abbild der prähistorischen Anlage von Stonehenge. Genau so wollte Pogoretschnik es haben. „Mystisch“, sagt er. Plötzlich flammen nahe des Horizonts bunte Lichter auf. In Ingolstadt wird das Feuerwerk des Herbstvolksfestes abgebrannt. Aus der Perspektive der Köschinger werden die bunten Lichtblitze von ihrem neuen Tor eingerahmt. Es sieht aus, als hätte jemand diesen Knalleffekt geplant. Am Straßenrand entstehen gleich neue Ideen. „Wir sollten das Tor mit einer Treppe ausstatten“, sagt einer. „Oben kommt eine Plattform drauf, dann schauen wir das Feuerwerk nächstes Jahr von da oben an.“

Aber eigentlich sind die Köschinger nicht auf Lichteffekte von außen angewiesen. In der darauffolgenden Nacht schimmert der fertige Koloss von Kösching im Licht der LED-Leuchten. Pogoretschnik ist zufrieden. Er legt den Kopf in den Nacken und blickt auf die schimmernde Metallkonstruktion. „Das ist keine Kunst, das ist eine Geisteshaltung“, sagt er. Am Donnerstag, 3. Oktober, dem Tag der Deutschen Einheit, wird das Tor offiziell eingeweiht.