Ingolstadt: Sag mir, wo die Bäume sind
Noch vor eineinhalb Wochen war hier ein kleiner Wald. Jetzt blickt Annette Follardt-Schatz auf eine Brache hinter ihrem Gartenzaun. Gerodet wurde auf Veranlassung des Vereins der Kleingärtner. Die berufen sich auf die Bundesgesetzgebung. - Foto: Hammer
Ingolstadt

Es existiert nur noch ein leicht unscharfes Handyfoto vom dichten Bewuchs, der bis vor einer guten Woche den Garten von Annette Follardt-Schatz umwucherte. Nach einer großflächigen Rodungsaktion geht der Blick jetzt aus ihrem Garten über eine Brache hin zu zwei Gartenhäuschen, die in Parzellen der Kleingartenanlage Fort Wrede stehen. Dahinter die Raffinerie.

Follardt-Schatz versteht sich gut mit ihren Nachbarn, aber der Grünstreifen mit mehreren Bäumen, dichten Büschen und Sträuchern fehlt ihr dennoch sehr. "Das Wäldchen war voller Gezwitscher, ein Vogelparadies. Jetzt strömt das Rauschen der Autobahn direkt in unseren Garten." Auch die Pächter der beiden angrenzenden Parzellen hätten das Stück unberührte Natur gerne behalten, hat Follardt-Schatz in Gesprächen über den Gartenzaun erfahren. Offenbar haben die beiden erst vor Kurzem den Garten übernommen, auch, weil er in der westlichen Hälfte so verwildert war. Hier hätte man im Schutz der Bäume gut eine Sitzecke oder Ähnliches anlegen können. Jetzt ragen nur noch einige Baumstümpfe aus dem Boden. "Warum macht man so etwas", fragt die Anwohnerin.

Die Stadt verweist darauf, dass die kommunale Baumschutzverordnung in diesem Fall nicht greift. "Sie gilt ausdrücklich nicht für Friedhöfe, öffentliche Grünanlagen und Kleingartenanlagen", erklärt Stadtsprecher Michael Klarner. Damit sei das "Umweltamt außen vor". In diesem Fall greift das Bundeskleingartengesetz, auf das sich auch Alois Heller, der Vorsitzende des Kleingartenvereins Fort Wrede, beruft.

"Es ist vom Gesetzgeber festgelegt, dass in einem Kleingarten keine Waldbäume stehen dürfen", erklärt Heller. Lediglich Nutzpflanzen seien zulässig, also Obstbäume. Es ist wohl in vielen Kleingärten in Deutschland Usus, dass alte Waldbäume einen gewissen Bestandschutz genießen. Allerdings nur so lange kein Pächterwechsel vollzogen wird. Wenn das der Fall ist, muss der regelkonforme Zustand wieder hergestellt werden. Schließlich sieht das Bundeskleingartengesetz in § 1 vor, dass eine solche Parzelle "insbesondere zur Gewinnung von Gartenbauerzeugnissen für den Eigenbedarf und zur Erholung" dienen soll.

Heller berichtet, dass die beiden fraglichen Parzellen jahrzehntelang von denselben Pächtern genutzt worden waren. "Das geht wohl in die 1960er oder 1970er-Jahre zurück." Der Zuschnitt der beiden Grundstücke sei aber untypisch für die Gartenanlage. Sie seien etwas zu groß, so Heller. Offenbar sei man deswegen übereingekommen, dass die Pächter den westlichsten Teil der Gärten - der an Follardt-Schatz' Garten angrenzt - nicht nutzten. Der ist dann verwildert - und Kiefer, Buche, Hasel und Birke sprossen ungehindert in die Höhe. Dass die Flächen eigentlich noch zu den Kleingärten gehören, war offenbar aus dem Bewusstsein aller Beteiligten verschwunden.

Im Frühjahr dieses Jahres sind die Parzellen dann von den bisherigen Pächtern aufgegeben worden. Im Grundbuchamt habe man daraufhin den genauen Zuschnitt der Gärten nachgeschlagen und festgestellt, dass auch der verwachsene Teil zu den Kleingärten gehöre. "Da konnten wir dann nichts mehr machen. Unser Verein kann sich ja nicht gegen das Gesetz stellen", erklärt Heller. Er selbst habe kein grundsätzliches Problem mit dem Bewuchs, die Angelegenheit habe ihm - im Gegenteil - eine Menge Arbeit verschafft. Als Ende Oktober das saisonale Fällverbot wegen des Vogelschutzes aufgehoben wurde, rückten die Arbeiter mit den Motorsägen an. Tabula rasa. Nur zwei Kirschbäume blieben stehen. Demnächst werden noch die verbliebenen Baumstümpfe abtransportiert, um den Pächtern die Nutzung des einstigen Wäldchens zu ermöglichen. "Da müssen sie halt jetzt Obstbäume pflanzen", sagt Heller bedauernd.