Ingolstadt: Neue Dimension von Härte
Unter Kollegen: Der Ingolstädter Rapper Damian Milchberger sieht den Besuch der Berliner Skandal-Rapper Sido und B-Tight zu ihrer Filmpremiere in Ingolstadt gelassen. - Foto: Rössle
Ingolstadt
Wenn sich heute ab 17 Uhr die Schlange vor dem Autogramm-Tisch von Sido im Ingolstädter Cinestar bildet, wird sich Damian Milchberger sicher nicht einreihen. Und dass, obwohl der 35-Jährige selbst Rapper und ein Kenner der Branche ist. Sido gilt bei hartgesottenen Rap-Puristen mittlerweile als zu kommerziell. Milchberger weiß, wovon er spricht, bei den Boomtown-Raps gibt er Kindern und Jugendlichen in Ingolstadt, Pfaffenhofen und Eichstätt Workshops in Gesang, Hip-Hop und Rap. An „Blutzbrüdaz“ interessiert Milchberger allenfalls, wie er umgesetzt ist. Schließlich sind Gangster- und Hip-Hop-Filme in Deutschland ein junges Genre.

Mit den frauenfeindlichen und gewaltverherrlichenden Texten, die Sido vor allem zu Beginn seiner Karriere vor rund zehn Jahren veröffentlichte, hat Milchberger nicht wirklich ein Problem. Der Slang sei Teil der Szene und als „eine Art von Humor“ zu verstehen, sagt er. Wer die englischsprachigen Vorbilder der deutschen Rapper kennt, sei von den Texten nicht überrascht. Sido hat seinen Sprachduktus mittlerweile relativ entschärft, findet Milchberger. Das sieht auch Louis Harley Nagler so. Der 16-Jährige ist ein Fan von Sido. „Er hat mich mit seinen frühen Texten im Alter von zwölf Jahren zum Hip-Hop gebracht“, erzählt er. „Den Arschficksong kann ich noch heute auswendig.“ Nagler findet Sido einfach sympathisch und schätzt ihn auch wegen seiner jüngsten Veränderung. Wichtig sei, die Texte „nicht ernst zu nehmen“.

Wirklich schocken, kann der Berliner Rapper mit seiner „Dampfplauderei“ (Milchberger) mittlerweile nicht mehr. Das werde bei der täglichen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen schnell deutlich. Viele der 13- und 14-Jährigen hörten gezielt nur noch Musik, die auf dem Index steht und deren Texte weitaus drastischer sind, als das, mit dem es Sido in die Schlagzeilen geschafft hat. Rapper wie Haftbefehl und Massiv seien nicht in erster Linie Musiker, die sich als Gangster geben, sondern eher Kriminelle, die Musik machten. Sie beschreiben in ihren Liedern die Herstellung und den Verkauf von Drogen sowie Gewaltszenen aus dem kriminellen Milieu. Damit zitieren sie die Lebenswelt US-amerikanischer Rap- und Hip-Hop-Größen. „Sie behaupten, dass auf sie geschossen wurde, nur weil auf 50 Cent auch schon mal geschossen worden ist“, vermutet Milchberger. Auch Nagler kennt die brutalen Texte von Haftbefehl und Massiv. Der Sido-Fan findet sie allerdings „nur lächerlich“. „Wir sind hier nicht in Amerika. Auch in den krassen Vierteln wird nicht ständig einer erschossen.“ Allerdings müsse man auch diese Art von Musikern akzeptieren. Milchberger attestiert Haftbefehl ein gutes Gefühl für Beats und Rhythmus.

Erschreckend sei der Zulauf, den die gewaltverherrlichenden Rapper unter Jugendlichen in Ingolstadt haben dennoch. Im Vergleich zu Sido seien deren Texte eine „neue Dimension der Härte“, findet Milchberger. Problematisch sei vor allem, dass die Anhänger solcher Lieder immer jünger werden und die Hintergründe der Texte gar nicht mehr verstehen. Vielen gehe es nur noch darum, möglichst brutale, im Idealfall indizierte Lieder aus dem Internet zu laden. Das Verbot eines Liedes wirke heutzutage nur noch als Werbung. „Die Kids wollen schocken“, weiß Milchberger. In seinen Workshops arbeitet er diesen Entwicklungen entgegen. Unter anderem, indem er die Texte der Gangster-Rapper als grammatikalisch falsch, primitiv oder geklaut entlarvt. „Die Kids sollen lernen, dass ein korrekt formulierter Satz mehr Kraft haben kann, als ein sexistisches Schimpfwort.“

Immerhin sei Rappern wie Sido und Bushido der Verdienst zuzuschreiben, den Fokus in Deutschland auf Untergrund-Rap gelegt zu haben. „Er hat erreicht, was er wollte. Davor kann man schon Respekt haben.“