Ingolstadt: Mit zwei Lehrern lernt man besser
"Man muss an Sprache immer positiv herangehen", sagt die Deutschlehrerin Heike Socher, hier in der Klasse 5 d. Ihre Kollegin unterrichtet gerade ein paar Tische weiter. Tandem-Unterricht im Deutschen erhalten alle Fünftklässler der Ickstatt-Realschule, darüber hinaus gibt es "sprachsensible Zusatzangebote" für Schüler mit Förderbedarf in Grammatik, Wortschatz, Rechtschreibung und Textverständnis. - Foto: Hammer
Ingolstadt

Um zu testen, wie stabil bei einem Kind die Grundlage der Deutschkenntnis ist, brauchen erfahrene Lehrer keinen Tablet-PC, kein Whiteboard, nicht mal eine einzige App. Heike Socher, Deutschlehrerin an der Ickstatt-Realschule, genügt ein kleiner Zettelkasten. Auf wenigen Karteikarten formt sich ein aussagekräftiges Bild dessen, was das Deutsche im Innersten zusammenhält: Subjekt. Prädikat. Objekt. Bestimmte und unbestimmte Artikel. Substantiv, Adjektiv, Verb. "Das ist aus einem Eingangstest entstanden. Damit prüfen wir: Was bringen die Kinder aus der Grundschule mit", erklärt Socher. Auf einer Karte etwa purzeln die Wörter "Blumen, spielen, lesen, Ball, Buch, gießen" durcheinander. Die Fünftklässler müssen die Substantive und Verben (diese Fachbegriffe auf lateinischer Basis werden heute wieder in der Grundschule gelehrt) korrekt zuordnen. Bei einer anderen Aufgabe gilt es, die Wörter "Kinder, im, Wind, sitzen" so zu nummerieren, dass ein sinnvoller Satz dabei herauskommt.

Klingt simpel. Aber das ist es nicht für alle Fünftklässler. Einige geraten da arg ins Grübeln. Auch in fünften Klassen weiterführender Schulen, also Realschulen und Gymnasien. Sie müssen die Sprachdefizite gar nicht so weniger Schüler zunächst erkennen und dann auch anerkennen. "Es gibt an allen Schulen Kinder, die - in verschiedenen Abstufungen - Defizite im Deutschen haben", sagt Heike Socher. "Sie haben die gleichen kognitiven Fähigkeiten wie andere Schüler, können diese aber nicht so gut zeigen, wenn sie auf sprachliche Hürden stoßen. Dann verstehen sie auch oft die Aufgabenstellung nicht." In einer Großstadt wie Ingolstadt, in der rund 55 Prozent der 0 bis 10-Jährigen in die Kategorie "Migrationshintergrund" fallen, sei das ganz normal. Und auch nicht dramatisch. Die Lehrerin betont: "Es ist keine Stigmatisierung, Defizite mit dem Deutschen zu haben!" Sondern eine Aufgabe für die Schulen. Und hier schreitet die Ickstatt-Realschule jetzt kräftig voran.

In diesem Schuljahr startete sie ein in Bayern einmaliges Pilotprojekt zur Sprachförderung an weiterführenden Schulen. Das wohl Entscheidende: "Es gibt dafür zahlreiche zusätzliche Unterrichtsstunden", berichtet Socher. Der Freistaat investiere also viel Geld in den Schulversuch - ein Zeichen dafür, wie konsequent dieser forciert werde. Entsprechend interessiert verfolgt in München der Ministerialbeauftragte für die Realschulen, welche Erfahrungen und Erfolge Schulleiterin Johanna Mödl, Heike Socher und ihr Team, das sich akribisch auf das Projekt vorbereitet hat, vorweisen können.

Innovation Nummer eins: der Tandem-Unterricht. In drei der fünf Wochenstunden Deutsch in der fünften Jahrgangsstufe stehen zwei Lehrer im Klassenzimmer und unterrichten. "Zusätzlich schafft eine Grundschullehrerin mit einer Wochenstunde Deutsch eine Verbindung zwischen der vierten und der fünften Klasse", erklärt Socher. "Wir bemerken schon jetzt einen Riesenunterschied zu den Deutschstunden, in denen nur eine Lehrkraft in der Klasse steht." Es sei dabei auch förderlich, dass an der Ickstatt alle fünften Klassen "erfreulich klein sind". Im Deutschunterricht können die Doppelspitzen vor den Kindern ausgiebig essenzielle Lernziele verfolgen. Etwa: Wurde die Aufgabenstellung richtig verstanden? Wo liegen Stolpersteine? Wo klaffen im Wortschatz Lücken?

Innovation Nummer zwei: freiwillige "sprachsensible Zusatzangebote" am Nachmittag in Deutsch, Mathematik und Englisch. Was man genau unter "sprachsensibel" versteht, hat das Ickstatt-Team in mehreren Ordnern zusammengefasst.

Innovation Nummer drei: Intensivierung. Der Tandem-Unterricht ist immer für die ganze Klasse. Schüler mit ausgeprägten Schwierigkeiten im Deutschen erhalten zusätzliche Förderung in Kleingruppen. Hier wird etwa der "doppelten Halbsprachigkeit" entgegengewirkt. Das heißt: Kinder aus Familien, in denen nicht oder nicht nur Deutsch gesprochen wird, "beherrschen ihre Muttersprache nicht richtig, das Deutsche aber auch nicht", so Socher. "Da wird es richtig kompliziert, weil sie dann kein Referenzsystem haben, um die Grammatik zu vergleichen." Eine Sprache muss ein Kind perfekt beherrschen - das kann zunächst auch eine nichtdeutsche Muttersprache sein -, "dann lernt es eine zweite Sprache viel leichter". Mehrsprachigkeit, weiß die Lehrerin, "ist immer ein Gewinn". Auch im Unterricht, wenn die Schüler zum Beispiel deutsche, kroatische und ukrainische Märchen vergleichen, was sie schon ausprobiert hat. "Das Lernpotenzial ist hier unglaublich!" Und bei Arbeitgebern sei Mehrsprachigkeit ebenfalls gefragt.

Das gesamte Pilotprojekt der Ickstatt-Realschule ist von solcher Motivation getragen. "Man muss an Sprache immer positiv rangehen!", sagt Heike Socher. Und so steht ihr kleiner Zettelkasten am Beginn einer großen Deutschförderungsoffensive.