Ingolstadt: Mit dem Fahrrad aufs Dach der Welt
 
Ingolstadt
Nach einem Vierteljahrhundert wirken die Ereignisse am Kala Pattar immer noch nach. „Ein solches Erlebnis verändert das ganze Leben“, sagt Öttinger – und das, obwohl es beileibe nicht die erste Tour des Sportlers war. Gemeinsam mit seinem Bergkameraden Koller hatte er bereits Gipfel in Südamerika bestiegen, war in Marokko und an den Hängen des Kilimandscharo Ski gefahren. „Der Himalaya war aber immer im Hinterkopf“, erzählt der heute 58-Jährige.

Die Idee mit der Extremfahrradtour kam dem Gaimersheimer auf der miba. Dort wurde Mitte der 1980er Jahre das erste Mountainbike vorgestellt. Der Trickskifahrer Öttinger erkannte in dem neuartigen Gefährt das ideale Trainingsgerät. Er leistete sich das Rad und probierte es das erste Mal am Schlittenberg beim Ingolstädter Hubschrauberlandeplatz aus. „Ich wurde ein bisschen belächelt“, erinnert er sich. „Ein paar Leute, die vor dem Sternwirt saßen, haben mir hinterhergerufen: ,He, siehst du hier irgendwo Berge’“ Tatsächlich wollte Öttinger höher hinaus. Mit Koller plante er die Tour auf den 5675 Meter hohen Kala Pattar in Nepal. Begleitet wurden sie von dem befreundeten Fotografen Hermann Schuschke, in der Fahrradfirma Kettler fanden sie einen Sponsor, der ihnen die Räder und den Flug finanzierte.

Im Frühjahr 1987 ging es los. Startpunkt war der Flughafen von Lukla. „Damals war das noch eine Schotterpiste“, erinnert sich Öttinger. Sie heuerten drei Sherpas an, die das Gepäck schleppten, während Öttinger und Koller radelten. Mit einer Fahrradtour hierzulande hatte das Unternehmen allerdings wenig gemein. Extreme Steigungen, halsbrecherische Abfahrten durch unwägbares Gelände dazu die dünne Luft. „Heute denke ich manchmal, es war ein Wahnsinn, was wir da gemacht haben“, sagt Öttinger. Allerdings auch ein unvergessliches Abenteuer. Der Sportler kann beeindruckend erzählen, von Begegnungen mit nepalesischen Mönchen, denen die beiden Bayern das Radlfahren beigebracht haben, Kindern, die den Sportlern über Stunden hinterhergelaufen sind, kärglichem Essen und spartanischen Schlafstätten. Trotz der Strapazen habe es zwischen den Abenteurern nie Probleme gegeben. „Im Gegenteil“, sagt Koller. „Es hat unsere Freundschaft sogar bestärkt.“ Drei Wochen nach dem Start, am 9. April 1987, standen die Expeditionsteilnehmer auf dem Gipfel des Kala Pattar. Vor ihnen, keine zehn Kilometer entfernt, der Mount Everest.

Einer der ersten Gratulanten war ausgerechnet Sir Edmund Hillary. Der Neuseeländer und sein Sherpa Tenzing Norgay haben 1953 als erste den Mount Everest bestiegen. Auf dem Rückweg vom Gipfel trafen die bayerischen Sportler den berühmten Bergsteiger zufällig im Kloster von Tengpoche. Einen halben Tag lang tauschten sich die Abenteurer aus und Hillary ließ es sich nicht nehmen, einige Runden auf dem Mountainbike zu drehen. „Der hatte so was auch noch nie gesehen“, so Öttinger. Hillary habe in der Begegnung den Ausdruck einer Zeitenwende gesehen: die Entwicklung hin zu einem professionellen Tourismus im Himalaya. „Er hat unsere Aktion sehr gut gefunden“, erinnert sich Koller. „So lang man nicht mit Motorrädern unterwegs ist, sei das in Ordnung, fand er.“

Wieder in Deutschland lächelte keiner mehr über die Extremradler. Jeder wollte plötzlich selbst ein Mountainbike haben. Die Fotos der Tour wurden für Werbung genutzt, die internationale Presse berichtete, die Radler wurden in Fernsehsendungen geladen. Öttinger war unter anderem bei „Mensch Meier“ von Alfred Biolek zu Gast.

Auch in Nepal änderte sich einiges. Wie Hillary geahnt hatte, wandern heute Tausende auf der Tour, die Öttinger und Koller mit dem Fahrrad bezwungen haben. Auf dem Kala Pattar steht mittlerweile die höchste Webcam der Welt und überträgt den Blick, der den beiden Bergfreunden vor 25 Jahren den Atem verschlagen hat, in die ganze Welt. Öttinger nimmt den vielen Reisenden ihre Bergbegeisterung nicht krumm. Auch er will eines Tages zurück in den Himalaya. Koller hat schon fest geplant. Der 69-Jährige startet schon bald nach Tibet – allerdings ohne Fahrrad.