Mittwoch, 17.03.2010 |

 

03.02.2010 20:10 Uhr | 562x gelesen
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Kampf mit der Bürde des bösen Namens


Bild: Kampf mit der Bürde des bösen Namens . Ingolstadt Ingolstadt (DK) Wie lässt es sich erklären, dass gebildete, katholische, wohl situierte Bürger für Hitler schwärmten? Dieser Frage spürte gestern die Berliner Politologin Katrin Himmler (43) im Reuchlin-Gymnasium nach – am Beispiel der eigenen Familie. Heinrich Himmler, Reichsführer der SS, war ihr Großonkel.

Ingolstadt (DK) Wie lässt es sich erklären, dass gebildete, katholische, wohl situierte Bürger für Hitler schwärmten? Dieser Frage spürte gestern die Berliner Politologin Katrin Himmler (43) im Reuchlin-Gymnasium nach – am Beispiel der eigenen Familie. Heinrich Himmler, Reichsführer der SS, war ihr Großonkel.



Bild: Wider die Finsternis der eigenen Familiengeschichte: Die Politologin Katrin Himmler berichtete gestern im Reuchlin-Gymnasium über ihr Leben als Großnichte des SS-Führers Heinrich Himmlers und ihre wissenschaftliche Beschäftigung mit den Ahnen. - Foto: Silvester
Nachdenklich fuhr ihr Blick über das Gymnasium, dessen Fassade durch das Fenster der Pausenhalle zu sehen ist. "Ich versuche mir gerade vorzustellen, wie mein Großvater und meine Urgroßeltern dort oben in der Dienstwohnung gelebt haben." Das ist lange her, gut 90 Jahre, aber jetzt kehrt die Geschichte mit Macht zurück. Die Geschichte der Familie des SS-Führers und "Jahrhundertmörders" Heinrich Himmler.

Sie will es so. Katrin Himmler, geboren 1967, Politologin aus Berlin, hat ihrem berüchtigten Großonkel in Archiven intensiv nachgespürt, hat viele Mythen zerstört und Legenden entlarvt, die ihre Verwandtschaft nach dem Krieg hartnäckig pflegte; es ist ihre Art der Auseinandersetzung mit der Bürde, den bösen Namen Himmler zu tragen.

Die Schüler aus der Oberstufe verfolgten die Geschichte dieser historischen Selbstfindung konzentriert. Katrin Himmler, Autorin des Buches "Die Brüder Himmler", schilderte ihren quälenden Weg in die Vergangenheit unverblümt und eindringlich. "Als ich 15 war, fragte einer meiner Mitschüler plötzlich, ob ich ,mit dem Himmler’ verwandt sei. Ich bejahte mit einem Kloß im Hals." In der Klasse herrschte Totenstille.

Lange sei sie der Frage nach der Gedankenwelt und den Taten der Vorfahren ausgewichen, gab sie zu. "Ich schämte mich meines Namens." Sicher wusste sie, dass der Großonkel "für die Vernichtung der europäischen Juden und die Ermordung von Millionen anderer verantwortlich war". Aber vertiefen wollte sie dieses Wissen nicht. Bis ihr die Eltern Literatur über die Nazizeit gaben. "Mit Tränen in den Augen las ich vom gescheiterten Aufstand im Warschauer Getto oder vom Überlebenskampf versteckter Kinder." Sukzessive lieferte sie sich der Geschichte aus. Erst zaghaft, dann wissenschaftlich-konsequent.

Zeitreise nach Ingolstadt

In dieser Woche setzte Katrin Himmler ihren Weg fort. Sie erlebe gerade eine Zeitreise, erzählte sie den Schülern. Vorgestern hat sie im Neuburger Descartes-Gymnasium referiert. Ihr Urgroßvater Gebhard Himmler war hier Ende des 19. Jahrhunderts Schüler. Franz Hofmeier, heute der Direktor, zog eigens die Zeugnisse des Zöglings aus dem Archiv: Gebhard hatte lauter Einser, nur im Turnen eine Zwei. Danach der Auftritt im Reuchlin. Hier amtierte Gebhard Himmler von 1919 bis 1922 als Direktor. Seine Söhne Gebhard junior und Heinrich studierten damals schon. Ernst, der jüngste Sohn (und Katrin Himmlers Großvater), besuchte die Schule seines Vaters. Edith Philipp-Rasch, die heutige Direktorin, zog eigens seine Zeugnisse aus dem Archiv: lauter Einser. Nur im Turnen eine Zwei.

Diese bizarre Parallele liefert einen Hinweis auf eine zentrale Frage zur NS-Zeit: Wie konnte es sein, dass humanistisch gebildete, wohl situierte, gut katholische Bürger für Adolf Hitler schwärmten und seine Ideologie lang vor der so genannten Machtergreifung hoch leben ließen? Genau das wollten auch die Reuchlin-Schüler von der Referentin wissen. Weil der Nationalsozialismus eben nicht nur eine Bewegung für schlichte Gemüter war, wie manche immer noch annehmen, erklärte Katrin Himmler. "Die führenden Köpfe des Holocaust, die Vordenker der Vernichtung waren hochgebildete, studierte, oft auch promovierte Leute aus besten Familien. Die haben den Massenmord am Schreibtisch ausgearbeitet und sich dann davon überzeugt, dass diese Menschen auch wirklich sterben."

Zyankali für die Familie

Das Grauen verstärkte sich, je tiefer sie in die Familiengeschichte vordrang. Dokument für Dokument bestätigte sich der böse Verdacht: "Die waren alle überzeugte Nazis der ersten Stunde!" Der Großvater leistete Spitzeldienste für die Geheimpolizei, die – wie so vieles – Heinrich Himmler unterstand. Gebhard junior machte im Regierungsapparat Karriere. Kurz vor dem Zusammenbruch des Nazireichs gab es Zyankalikapseln für die ganze Familie. Heinrich tötete sich in Gefangenschaft. Ernst Himmler gilt seit 1945 als vermisst, vermutlich aber schluckte auch er Gift.

Nach dem Krieg strickten die übrigen Himmlers an ihren Lügen. "Das Bild der Familie, so wie man es mir geschildert hat, bröckelte im Laufe meiner Recherchen. Diese Mythen waren natürlich sehr bequem." Sie zu zerstören, provozierte dramatische persönliche Konflikte.

Katrin Himmlers Forschungen rücken eine Menge schräger Vorstellungen gerade. Die Nazis, daran darf kein Zweifel bestehen, kamen aus der Mitte der Gesellschaft. Und das auf breiter Front. Die Himmlers repräsentieren Hunderttausende.

Abseits der Verwandtschaft fiel manches leichter. Als Katrin Himmler Dani heiratete, einen jüdischen Israeli mit polnischen Wurzeln, wurde sie herzlich in die Familie aufgenommen. "Ich bin nie böse auf meinen Namen angesprochen worden."

Ob sie mit Heinrich Himmler abgeschlossen habe, wollte eine Schülerin wissen. Die Antwort der Großnichte: nein. Schon deshalb nicht, weil ihr zehnjähriger Sohn nun anfange, Fragen zu stellen. "Es arbeitet immer weiter", sagte Katrin Himmler. "Man kann nicht abschließen."

Von Christian Silvester

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Kommentare

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FrageAntwort von   quirl01 gesperrt  (39) | 06.02.2010 21:27 Diesen Kommentar melden
Na wenigstens

braucht sich die Dame keine Sorgen um ihre wirtschaftliche Zukunft zu machen. Dafür ist ihr Abscheu für ihrem bösen Onkel scheinbar nicht zu groß... Money rulez!


FrageAntwort von   autharis  (43) | 06.02.2010 21:34 Diesen Kommentar melden
Re: Sie hätten vielleicht zuhören sollen

es geht weniger um Abscheu, als um Ursachenforschung im speziellen wie auch im Allgemeinen.

Was waren die Beweggründe. War es eine "nomale" Familie? Gab es andere parallel verlaufende Entwicklungen in anderen Familien.

Ja die Dimension war einmalig, aber die Entwicklung war tausendfach wiederholt.

Beinahe hätte ich gesagt wie bei I..., aber das behalte ich jetzt ein.




FrageAntwort von   quirl01 gesperrt  (39) | 08.02.2010 08:50 Diesen Kommentar melden
Die Intention ist

wirtschaftlich, sonst würde die Dame es privat und nicht öffentlich machen. Den Ausgleich mit den Opfern würde sie auch im Stillen suchen, wenn es ihr nicht um Publicity gehen würde. Was wollten Sie denn mit I... andeuten?


FrageAntwort von   bamsi | 06.02.2010 22:36 Diesen Kommentar melden
Re: Sie hätten vielleicht zuhören sollen

Nun autharis , sie hätten damit nur ausgesprochen was sich viele denken.
Man kann sich einfach nicht vorstellen, daß gebildete Menschen, bzw. welche die aus einem solchen Elternhaus stammen, tatsächlich solches Gedankengut verfolgen und sich damit identifizieren. Man vermutet soetwas ja eher in bildungsfernen Familien. Aber offensichtlich betrifft es wohl alle, je nachdem wiie sie geimpft werden, oder Spaß daran haben zu impfen.
Frau Himmler sage ich, Hochachtung vor diesem mutigen Schritt sich erstens mit dieser Vergangenheit der eigenen Familie auseinanderzusetzen und sich 2. auch noch der öffentlichkeit zu stellen und nicht dazu zu schweigen.


FrageAntwort von   peterjuergen | 05.02.2010 11:56 Diesen Kommentar melden
Sippenhaft

Gebhard Himmler war hier Ende des 19. Jahrhunderts Schüler. Franz Hofmeier, heute der Direktor, zog eigens die Zeugnisse des Zöglings aus dem Archiv: Gebhard hatte lauter Einser, nur im Turnen eine Zwei. Danach der Auftritt im Reuchlin. Hier amtierte Gebhard Himmler von 1919 bis 1922 als Direktor.

Lange nach dem Kriege wurde laut Donaukurier das Bild Gebhard Himmlers aus der Direktorengalerie des Reuchlin-Gymnasiumsenfernt!!!

Kein Kommentar.


FrageAntwort von   schweinehueter1  (99) | 04.02.2010 15:59 Diesen Kommentar melden
Listl war aber nicht Reichsführer SS

und seine Nichte nicht in Ingolstadt !



FrageAntwort von   einfeindesein  (43) | 04.02.2010 16:59 Diesen Kommentar melden
Re: Listl war aber nicht Reichsführer SS

Man kann aber auch im Kleinen Böses tun und denken. Ohne die vielen kleinen Fahnenträger wäre die große Hakenkreuz-Fahne auch gar nicht zu schultern gewesen.
Die großen Namen lenken auch allzu leicht davon ab, daß nicht alle anderen Unschuldslämmer waren (und sind).

Wer denkt nicht gerne an Herrn Waldheim zurück, der auf einem Pferd saß, das allein in der SS gewesen ist.


FrageAntwort von   schweinehueter1  (99) | 04.02.2010 17:33 Diesen Kommentar melden
Des Pudels Kern ist doch,

dass Himmlers Großnichte die Vergangenheit ihrer Familie für sich als Familienangehörige aufarbeitet und als mahnendes Beispiel in Schulen geht: wobei die Gute für die Schandtaten ihrer Familie nicht verantwortlich zu machen ist.
Herr OB Listl war ein kleiner Fisch und deshalb aber auch nicht zu entschuldigen: nur ist des werten Herrn autharis mühevoll veröffentlichter Lebenslauf des Herrn Listl hier doch deplaziert. Das ist alles.
Ich veröffentliche hier ja auch nicht den Lebenslauf meines Vorfahren, des großen Dschingis Khan und der kann weiss Gott mit Himmler mithalten!


FrageAntwort von   autharis  (43) | 04.02.2010 20:07 Diesen Kommentar melden
Re: Des Pudels Kern ist doch,

dass der klare Bezug zu der Ingolstädter Vergangenheit von geachteten Bürgern die Thesen von Frau Himmler weiter stützen und auch erfahrbar für ortsansässige Jugendliche machen würde.

Das vielgeachtete CSU Mitglied.
oder
Der ehrenwerte Gründer des Donauboten, Dr. Ludwig Liebl, Vater von Frau Reismüller.
Und deutschlandweit der geachtete Vorsitzende des Nationalsozialistischen Deutschen Ärztebundes (NSDÄB)

Nur alle Beteiligten werden immer so vergesslich und wenn sie sterben erhalten sie meist lobende Dankesworte und einen Kranz vom OB.




FrageAntwort von   autharis  (43) | 04.02.2010 12:27 Diesen Kommentar melden
Schade

dass man hier keinen Abstecher auf das Profil von
Dr. Josef Listl, den langjährigen NSDAP Oberbürgermeister, geschätzen Juristen und CSU Konvertiten in Ingolstadt gemacht hat. Da wäre alles aufzeigbar mit Lokalbezug. Verdrängen , Vergessen, Bildung, Schreibtisch,...

* 20. 7. 1893 Lohstadt, Landkreis Kelheim
† 23. 11. 1970 Ingolstadt Jurist; verheiratet, 2 Töchter, 1 Sohn (CSU)
1930 – 1932 rechtskundiger Bürgermeister
1932 – 1945 Oberbürgermeister (NSDAP)
1948 – 1952 Stadtrat
1956 – 1966 Oberbürgermeister (CSU)
1958 – 1969 Mitglied des Bayerischen Senats
1965 Ehrenbürger
1968 – 1969 Senatsvizepräsident




 

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