Ingolstadt oder Oberstimm
Ingolstadt (DK) Ingolstadt in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts: Eine Kommune wächst und baut auf. Gaslaternen, Straßenpflasterung, Wasserleitungen und ein neues Krankenhaus sind Zeichen des Fortschritts in diesem Jahrzehnt. Doch ein Problem bleibt. Weder Pferdekarren noch Stellwagen (Kutschen im Linienverkehr) können den wachsenden Bedarf im überregionalen Ingolstädter Transportwesen decken.

Die Lösung aller Verkehrsprobleme: So empfand der Magistrat das Projekt einer Eisenbahnverbindung, als er sich vor genau 150 Jahren erstmals damit befasste.
Doch es gibt eine Lösung für die Verkehrsprobleme: Die Eisenbahn ist im 19. Jahrhundert auf einem rasanten Siegeszug durch Deutschland. Daher ist es etwas verwunderlich, dass sich der Magistrat von Ingolstadt eher abwartend verhält, als er sich vor genau 150 Jahren, am 4. Februar 1862, erstmals mit dem Thema befasst. Das Projekt einer Eisenbahnverbindung von Ingolstadt über Solnhofen nach Pleinfeld steht damals im Raum, wie der Ingolstädter Historiker Siegfried Hofmann herausgefunden hat. Es war wohl der Gewerbe- und Industrieverein, der als erster die Chance erkannte.
Doch bereits wenige Wochen später ist ein Sinneswandel erkennbar, der Stadtrat votiert für die „gerade Bahnlinie nach Nürnberg“ und damit zugunsten von Eichstätt. 1865 werden zwar Gleise eingelagert, aber der Magistrat drängt. Er will eine Abordnung zum König schicken „zur Beförderung des Eisenbahnbaues München-Ingolstadt“, denn seit Genehmigung der Strecke im Oktober 1863 hat sich nicht all zu viel getan. Erst am 14. November 1867 wird als erste Eisenbahnlinie in der Region die Strecke von München nach Ingolstadt eröffnet.
Für den Bau der Paartal- und der Donautalbahn nach Regensburg respektive Augsburg sind umfangreiche Arbeiten erforderlich. In Weichering muss sogar das Flussbett der Ach (Sandrach) verlegt werden. Dort entsteht auch ein großes Bahnhofsgelände, um den Torf aus dem Moos umzuschlagen, mit dem die Bahn ihre Dampfloks heizen will. Tatsächlich werden Mitte 1874 auch – letztendlich aber erfolglose – Versuche durchgeführt: Der Heizwert des Torfs ist zu gering.
Dass dies alles vergleichsweise spät passiert, liegt daran, dass Ingolstadt bayerische Landesfestung ist und das Militär das Sagen hat. Vor diesem Hintergrund sind auch die Planungen für einen Bahnhof zu sehen. „Zwei Alternativen kristallisierten sich heraus: die Stellung des Bahnhofs innerhalb der Festung (eine spätere Ausweitung war damit nicht möglich) und außerhalb der Festung mit dem entscheidenden Nachteil, dass die Entfernung zur Stadt sehr groß wäre“, schreibt die Leiterin des Stadtmuseums, Beatrix Schönewald, in einem Aufsatz. Die Militärs wollen den Centralbahnhof, wie er genannt wird, auf der Höhe von Oberstimm bauen. Erst nach jahrelangen Verhandlungen einigt man sich auf den Standort des jetzigen Hauptbahnhofs. Bei der Eröffnung der ersten Bahnlinie war lediglich ein Provisorium aus Brettern gestanden.
Den Verkehr zwischen Hauptbahnhof und Innenstadt übernimmt die Pferdebahn des Unternehmers Hermann Reuß, die jedoch nicht besonders schnell ist: „In Ingolstadt ist’s zünftig, da gibt’s a Pferdebahn. Der oane Gaul der ziagt ned, der andere, der is’ lahm“, lautet ein zeitgenössischer Spottvers.
Nicht vergessen werden dürfen der Nordbahnhof und der Militärbahnhof. Nach dessen Auflassung 1925 wird übrigens am alten Schlachthof ein Haltepunkt für die Fahrgäste aus Riedenburg eingerichtet, der aber in keinem Kursbuch verzeichnet ist. Bleiben noch Projekte, die nie realisiert werden, wie die Strecke Ingolstadt-Beilngries-Berching-Altdorf-Hersbruck Anfang der 1870er Jahre, eine Bahnlinie nach Landshut oder um 1900 der Plan einer Lokalbahn Ingolstadt-Geisenfeld, wofür die Stadt sogar schon Grundstücke erwirbt.
Von Bernhard Pehl
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