Ingolstadt: Ihr Kampf gegen das Elend
Waisen in Kabul: In der afghanischen Hauptstadt leben viele Kinder ohne Eltern im Elend. Shahista Saleh (ganz in Schwarz) will in die Politik gehen, um das zu ändern. Am 5. Oktober berichtet sie beim DONAUKURIER über die Lage in ihrem Heimatland. - Foto: privat
Ingolstadt

Wer ist diese rätselhafte Frau aus Deutschland, die da im afghanischen Fernsehen zu sehen ist? Die verstümmelte Soldaten im Krankenhaus in Kabul besucht? Die Kriegswitwen und Waisenkindern, die im Elend leben, unter die Arme greift? Die Müllmänner beim Zusammenkehren riesiger Plastikhaufen zu ihren Arbeitsbedingungen befragt? Die ein paar Hundert Bäume in einem Garten pflanzt?

Es ist eine Frau aus Ingolstadt, und sie heißt Shahista Saleh, 41 Jahre alt. Geboren in Kabul, als kleines Mädchen mit der Familie vor dem Krieg in Afghanistan nach Deutschland geflohen, von Beruf pharmazeutisch-technische Assistentin. Bereits im März berichtete unsere Zeitung über ihren wagemutigen Plan, bei den nächsten Parlamentswahlen in ihrer Heimat anzutreten. Weil sie nicht tatenlos zusehen will, wie viele ihrer Landsleute vor die Hunde gehen. "Wenn ich mir ein Ziel setze, dann arbeite ich mit ganzem Herzen dafür", sagt sie. "Ich bin eine Kämpferin." Inzwischen steht der Termin für die schon mehrfach verschobenen Wahlen in Afghanistan fest: Sie sollen am 6. Juli 2018 stattfinden. Und Shahista Saleh ist mehr denn je entschlossen zu kandidieren. Ein Vorhaben, das nicht ganz ungefährlich ist.

Als der Zeitungsbericht damals erschien und ziemlich viel Aufmerksamkeit und Neugier erregte, war sie schon wieder auf dem Weg nach Kabul. Die Lage der armen Menschen dort ist unverändert dramatisch schlecht, laut Saleh fehlt es am Nötigsten. Dabei pumpt Deutschland viel Geld in das Land: rund 430 Millionen Euro pro Jahr, wie Bundestagsabgeordneter Reinhard Brandl (CSU) im März bei einer Veranstaltung von Amnesty International erklärte. Dort ging es um die umstrittenen Abschiebungen afghanischer Flüchtlinge.

Nach Ansicht von Saleh gerät das Geld jedoch häufig in falsche Hände. Bei ihrem Besuch in Afghanistan sah sie Krankenhäuser, in denen unvorstellbare hygienische Zustände herrschen. "Es fehlt an Medikamenten, Betten, und oft fällt bei Operationen der Strom aus", erzählt sie. "Aber wir haben gute Ärzte, die auch bei Kerzenschein operieren."

Unhaltbar findet die Ingolstädterin mit afghanischen Wurzeln die Bedingungen, unter denen arme Familien in Kabul leben. "Früher hatte die Stadt 100 000 Einwohner, jetzt sind es mehr als 6 Millionen." Viele Menschen sind in die Hauptstadt geflüchtet, sie leben in zusammengezimmerten Verschlägen oder unter Plastikplanen. Frauen, die ihre Männer im Krieg verloren haben, vegetieren mit ihren Kindern dahin. "Die sitzen auf der Straße - und bald wird es Winter und bitterkalt." Saleh will Nähmaschinen anschaffen und Bäckereien einrichten, damit diese Mütter ihre Familien wieder ernähren können.

Und dann der viele Müll! Berge, vornehmlich aus Plastikfetzen, die sich entlang der Straßen und in den ärmlichen Wohnvierteln auftürmen. Dürre Schafe fressen den Abfall. Kinder sortieren ihn und verkaufen die Plastikreste an Dampfbäder, die damit ihre Öfen befeuern. Denn an ordentlichem Brennmaterial herrscht Mangel. Der giftige Dunst aus den Kaminen und die Autoabgase rauben den Menschen den Atem, machen sie krank. Shahista Saleh möchte eine Müllverbrennungsanlage bauen - am besten mit Know-how und Unterstützung aus Ingolstadt. "Schön wäre eine Partnerschaft, denn ohne deutsche Hilfe geht es nicht", sagt sie und hofft auf Spenden.

Von ihren Plänen und bisherigen Hilfsaktionen sowie ihren Eindrücken vom letzten Aufenthalt in Afghanistan will die 41-Jährige bei einer Veranstaltung unter dem Dach des DONAUKURIER berichten - Titel: "Eine Frau für Afghanistan". Sie findet am Donnerstag, 5. Oktober, ab 18 Uhr im Verlagshaus an der Stauffenbergstraße 2a in Ingolstadt statt. Mit dabei ist auch Reinhard Brandl, der über seine Einschätzung der aktuellen Situation und die Unterstützung spricht, die Deutschland leistet. Er interessiert sich für das Engagement von Saleh - etwa den ambitionierten Plan, eine Müllverbrennungsanlage zu bauen. "Ich will auch andere ermutigen, damit wir das Land gemeinsam aufbauen", sagt die resolute Frau. Sie und Brandl werden sich nach dem Vortrag auch den Fragen aus dem Publikum stellen. Saleh würde sich wünschen, dass bei der Veranstaltung auch der Grundstein für einen Verein gelegt würde mit dem Zweck, Spenden zu sammeln.

Um den Besuchern eine Vorstellung von orientalischer Gastfreundschaft zu vermitteln, bereitet Shahista Saleh typisch afghanische Köstlichkeiten vor, die vor ihrem Vortrag gereicht werden. Dazu gibt es grünen Tee mit Kardamon. Wegen des Essens und der begrenzten Zahl an Sitzplätzen ist eine Voranmeldung unter der E-Mail-Adresse vortrag@donaukurier.de notwendig.