Der Mann mit der Kalaschnikow im Anschlag ist unvergessen. Ein Sinnbild des Bösen. Süßlich lächelt er im Musiksaal von der Leinwand. "Den Typen da, kennt ihr den überhaupt noch", fragt Annette Erös in die Runde. Allseits großes Nicken. Sicher wissen die Neuntklässler des Apian-Gymnasiums, wer das ist, obwohl sie gerade erst geboren waren (oder auch noch nicht), als am 11. September 2001 in Washington und New York Tausende starben - bei Terrorattacken, mit denen der Bärtige geprahlt hat: Osama bin Laden. "Er hat viel damit zu tun, dass die Erde heute taumelt", sagt Annette Erös. Aber mit dem Millionärssohn und Terroristen aus Saudi Arabien, der von Afghanistan aus viel Grauen in die Welt trug, hat die Katastrophe nicht begonnen. Das zu verdeutlichen, ist der Referentin sehr wichtig. Bin Laden (2011 von US-Soldaten in seinem pakistanischen Versteck getötet) steht in einem langen, nicht endenden Kontinuum des Schreckens. "Das ganze Unheil des Terrorismus in Afghanistan begann schon früher: Mit dem Krieg nach dem Einmarsch der sowjetischen Armee", sagt Annette Erös.

Das war 1979. Kurz darauf beschlossen sie und ihr Mann Reinhard Erös, ein Bundeswehrarzt, nach Afghanistan zu fliegen und zu helfen. Die Not wurde von Jahr zu Jahr dramatischer. Immer öfter legten die beiden die 6000 Kilometer in das leidende Land zurück. Sie begannen, ihre Unterstützung zu vertiefen. 1998 gründete das Ehepaar Erös die Kinderhilfe Afghanistan. Sie finanziert 30 Schulen, in denen 55 000 Kinder unterrichtet werden. Die 2006 gegründete Trutz-Erös-Stiftung verzichtet völlig auf öffentliches Geld.

"Afghanistan - was geht uns das an" So hat Annette Erös ihren Vortrag überschrieben. "Afghanistan geht uns eine Menge an, weil Afghanen unter den 80 Millionen Menschen, die derzeit weltweit auf der Flucht sind, die zweitgrößte Gruppe bilden, und weil viele Afghanen schon seit mehr als 30 Jahren, seit dem Kriegsausbruch, auf der Flucht sind, um einen Platz zu finden, der ihnen irgendwie das Überleben sichert."

80 000 000. 80 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht. Die Referentin wiederholt diese Zahl eindringlich. Für sie schaut absolut nichts danach aus, dass es in absehbarer Zeit weniger werden könnten. "Vor ein paar Jahren hat das in Deutschland aber noch nicht interessiert. Da hat man das Problem ganz Italien und Griechenland an der EU-Außengrenze überlassen." Ein verhängnisvoller Fehler, sagt Erös. "Wenn man ein Problem immer nur wegschiebt, kommt es eines Tages doch - genau das ist jetzt passiert!"

Warum nehmen die Flüchtlinge alle die Strapazen und Gefahren auf sich? "Warum kriechen sie auf dem Balkan durch Stacheldrahtzäune" Und was kann, was muss Deutschland tun? Annette Erös skizziert ein entmutigendes Dilemma: "Sollen wir sie im Mittelmeer ertrinken lassen? Sollen wir Zäune bauen oder eine große Mauer? Sollen wir alle aufnehmen? Die Turnhallen sind belegt. Wir haben ein Riesenproblem! Wir müssen uns dringend was einfallen lassen. Es wird auch immer mehr euer Problem, denn ihr werdet älter, und die Flüchtlinge werden in immer größeren Wellen kommen." Es ist absolut still im Saal. Die Neuntklässler hören beeindruckt zu.

Eines unternimmt das Apian-Gymnasium schon seit zehn Jahren. Es bekämpft, wie man neuerdings sagt, "Fluchtursachen". Die Schulfamilie unterstützt das Ehepaar Erös nach Kräften, um in Afghanistan die Bildung zu stärken. Man will auch in Zukunft viel Geld sammeln. "Nachhaltigkeit ist für uns nicht nur ein Wort", sagt der Lehrer Andreas Betz, der den Kontakt zur Kinderhilfe pflegt. "Wir praktizieren sie!"