Donnerstag, 18.03.2010 |

 

18.12.2009 20:04 Uhr | 410x gelesen
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Große Freiheit Nummer 104A


Bild: Große Freiheit Nummer 104A . Ingolstadt Ingolstadt (DK) Die rettende Idee hatte vor zwölf Jahren ein Münchner Verwaltungsrichter. Angesichts der Zustände im Ingolstädter Wochenendhausgebiet Feldschütt/Roter Gries war er bei einem Ortstermin irgendwann mit seinem juristischen Latein am Ende.

Ingolstadt (DK) Die rettende Idee hatte vor zwölf Jahren ein Münchner Verwaltungsrichter. Angesichts der Zustände im Ingolstädter Wochenendhausgebiet Feldschütt/Roter Gries war er bei einem Ortstermin irgendwann mit seinem juristischen Latein am Ende.



Bild: Fleckerlteppich mit großem Erholungswert: Wer eine Parzelle im Wochenendhausgebiet Feldschütt/Roter Gries sein Eigen nennt, der weiß die Lage mitten im Grünen zu schätzen. Nach einer ordentlichen Baugenehmigung fragen aber nur die wenigsten. - Foto: Schalles
"Man könnte vielleicht als Auflage ein Motorboot festlegen", flüchtete er sich in Galgenhumor, nachdem er besichtigt hatte, was so ein Baurecht à la Ingolstadt im Überschwemmungsgebiet am Baggersee für chaotische Folgen zeitigte.

Die richterliche Expedition des Jahres 1997 durch den Dschungel von Schlamperei und Dreistigkeit, von Sehnsucht nach Erholung im Grünen und Behördenwillkür war nicht die erste. Und es sollte nicht die letzte ein. Kurz vor Weihnachten 2009 hat sich erneut ein Jurist aufgemacht, um sich der "weiteren rechtswidrigen Bebauung" entgegenzustemmen. Es ist der städtische Rechtsreferent Helmut Chase, der sich vom Stadtrat die Genehmigung geben ließ, den alten Bebauungsplan 104A aufzuheben und die Weichen für eine "Absiedelung" zu stellen.

Wer sich in diesen frostigen Dezembertagen draußen umschaut und die Große Zellgasse hinter sich lässt, der taucht zwischen Feldschütt, Forsterweiher und Hopfenwehrl in eine andere Welt ein. Der dynamische Industriestandort Ingolstadt ist weit, weit weg. Hier gehen die Uhren anders. Nur selten wird die Ruhe gestört, wenn ein geländegängiger Wagen um die Kurve biegt und gleich wieder im Wald verschwindet. Irgendwo, versteckt hinter Zäunen und Hecken, bellt ein Hund. Auf einem anderen Grundstück ist gerade ein Heimwerker zugange. Der aus dem Kamin seines Hauses aufsteigende Rauch zeigt, dass der Eigentümer wohl noch länger hier zu tun hat.

Im Wochenendhausgebiet Feldschütt/Roter Gries ist alles zu finden, vom provisorischen Bretterverschlag über den Wohnwagen bis zur großzügigen Villa. Was aber am seltensten anzutreffen ist: ein Bauherr, der eine ordentliche Genehmigung von den Behörden vorzuweisen hat. Der frühere Ingolstädter Stadtbaurat Klaus Goebl prägte einst den Begriff "Graubau": "Wir haben sozusagen ein permanentes Aufstellungsverfahren", beschrieb er 1996 sarkastisch die vielen beschlossenen und danach wieder verschwundenen Bebauungsplanentwürfe.

Einmal kündigte die Stadt den Bau eines Hochwasserdammes an, dann drohte sie wieder mit dem Abriss von Häusern, einmal zwang sie die Eigentümer zum Anschluss an die Kanalisation, dann zog sie wieder vor Gericht. Unter den Siedlern im Roten Gries wird ein geflügeltes Wort von Bürgermeister Sepp Mißlbeck aus dem Jahr 1967 überliefert. Der Vater des heutigen FW-Politikers soll auf einer Versammlung das Publikum ermuntert haben: "Leit, baut’s, aber was Gscheits!" Die Ingolstädter ließen sich das nicht zwei Mal sagen. Im Roten Gries siedelte sich ein bunter Querschnitt der Bevölkerung an, vom schlichten Gartler, der seine Ruhe haben möchte, bis zum Stadtdirektor und Unternehmer. Selbst der bekannte Tonsetzer Franz Hummel wartete dort zeitweise in einer Datscha auf weitere Eingebungen.

Auf die Frage, wie viele der knapp 200 Gebäude genehmigt sind, hebt Stadtbaurätin Renate Preßlein-Lehle die fünf Finger einer Hand. Ihr Referentenkollege Chase will parallel zur Aufhebung des Bebauungsplanes mit der Regierung und den Grundstückseigentümern verhandeln. Ziel: die "Absiedelung", aber mit einer Schonfrist von 30 Jahren. So könne noch eine Generation ihre Häuser nutzen.

Wer sein Grundstück verkauft, müsse allerdings im Grundbuch die Verpflichtung zur Beseitigung des Gebäudes eintragen. Die Drohung mit millionenschweren Schadenersatzforderungen sieht Chase gelassen: "Wenn jemand ohne Genehmigung baut, ist er für die Folgen selbst verantwortlich."

Von Reimund Herbst

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Kommentare

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FrageAntwort von   quirl01 gesperrt  (39) | 21.12.2009 15:50 Diesen Kommentar melden
Das erste

Mal, dass ich einen Kommentar von Autharis wirklich gut finden kann. Danke. Volle Zustimmung!


FrageAntwort von   steini78  (12) | 21.12.2009 12:05 Diesen Kommentar melden
nix hinzuzufügen...

Die Drohung mit millionenschweren Schadenersatzforderungen sieht Chase gelassen: "Wenn jemand ohne Genehmigung baut, ist er für die Folgen selbst verantwortlich."


FrageAntwort von   autharis  (43) | 19.12.2009 10:42 Diesen Kommentar melden
Ross und Reiter

könnte man denn mal statt Andeutungen auch Ross und Reiter nennen, und nicht nur " bis zum Stadtdirektor und Unternehmer"

Oder vermietet hier Tuja an Bedürftige Wohnraum?
Oder stellt Audi Schulungsräume zur Verfügung?


Bei dieser Ankündigung klingt es fast so, als hätten sich die Bonzen einen Schutzwall aus Fussvolk geschaffen.


 

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