Ingolstadt: Eine Lehrerin für selbstbewusste junge Frauen
Generationen im Gespräch: Im Juli 2013 besuchte Helga Seifert ihre alte Schule und erzählte Zehntklässlerinnen des sozialwissenschaftlichen Zweigs, wie die Mädchen seit den 1960er-Jahren - gegen böse Klischees und Vorbehalte - die Gymnasien eroberten. ‹ŒArch - foto: Strisch
Ingolstadt

Es war eine nette und sehr lehrreiche Begegnung: Im Juli 2013 besuchte Helga Seifert zum vorletzten Mal ihre Schule, die sie mit aufgebaut hatte: das Katharinen-Gymnasium. Aber mit Sentimentalität hielt sich die damals 88-Jährige nicht auf. Sie hatte Wichtigeres zu tun: Den jungen Leuten etwas beibringen. So wie früher. "Ich war am Katherl bis zur letzten Sekunde eine begeisterte Lehrerin", erzählte die Studiendirektorin a. D. und legte voller Leidenschaft los (auch so wie früher). Sie berichtete von einem bedeutenden Wandlungsprozess: der lange Weg der Mädchen ans Gymnasium - wider starke Vorbehalte vieler Eltern und anachronistische Rollenbilder in der Gesellschaft. Dass das böse Klischee vom "Heimchen am Herd" heute der Vergangenheit angehört, ist auch couragierten Frauen wie Helga Seifert zu verdanken. Als stellvertretende Leiterin des Katharinen-Gymnasiums leistete die gebürtige Sudentendeutsche und Wahl-Wettstettenerin kräftige Pionierarbeit. Am Mittwoch ist sie mit 92 Jahren gestorben.

Mädchen am Gymnasium waren lange eine belächelte Minderheit. Bis in die 1960er-Jahre lag der Anteil der Abiturientinnen in Bayern meist unter zehn Prozent (heute sind es rund 55 Prozent). "Das Bild der Frau sah damals noch so aus: Studieren braucht sie nicht, denn sie heiratet ja eh, und daher soll sie auf der mittleren Ebene firm sein", erzählte Helga Seifert 2013 im Katherl. Ein mittlerer Schulabschluss reiche für Frauen also völlig aus, dachten früher noch ziemlich viele Eltern, vor allem im ländlichen Raum. Sie waren der Auffassung: "Unsere Tochter braucht kein Abitur, wir haben schließlich auch keines." Solche Ressentiments galt es zu überwinden, um mehr junge Frauen zu höherer Bildung zu führen.

Die Gründung des Katharinen-Gymnasiums diente genau diesem Ziel. 1965 übernahm der Freistaat Bayern von den Franziskanerinnen die Gnadenthal-Oberrealschule für Mädchen, beförderte sie zum Gymnasium und benannte sie nach der heiligen Katharina. Gründungsdirektor Heinz Friedberger (1924 bis 2008) spürte den Geist der neuen Zeit gleich kräftig. Er bekam eine Stellvertreterin! Und die war auch noch genauso jung wie er: 41. Helga Seifert. Die Studienrätin für Wirtschaft und Geografie war eine wahre Pionierin: Sie zog in Ingolstadt als erste Frau in das Direktorat einer weiterführenden staatlichen Schule ein; da traf sie aus Herrenkreisen manch missbilligender Blick, aber sie lächelte darüber selbstbewusst wie eh und je; Geschlechterklischees haben sie nie bekümmert.

Das Kultusministerium beauftragte sie mit dem Aufbau eines sozialwissenschaftlichen Zweigs - 1965 etwas völlig Neues, was man auch daran merkte, dass arg im Ungefähren blieb, was München genau darunter verstand. Helga Seifert schritt ebenso leidenschaftlich wie pragmatisch zu Werke. Sie legte den Schwerpunkt auf Lebensnahes und - so wie es auch ihrem Wesen entsprach - Mitmenschlichkeit. Die Schülerinnen absolvierten fortan Pflichtpraktika in Sozialeinrichtungen. Die Vizedirektorin wachte streng darüber, dass die Mädchen (und ab 1980 auch Jungen) diese Aufgaben gewissenhaft erfüllten. Auf dem Lehrplan stand nun Hauswirtschaft, was die Vorbehalte konservativer Eltern zu überwinden vermochte. Dazu kamen mit hoher Stundenzahl gesellschaftswissenschaftliche Fächer.

Das Katharinen-Gymnasium hat noch weitere Zweige, aber der sozialwissenschaftliche hat dessen Profil am stärksten geprägt und trägt bis heute viel zur Beliebtheit der Schule bei; gekocht wird am Katherl indes schon lange nicht mehr. Der sozialwissenschaftliche Zweig wurde weiterentwickelt. Auch Seiferts Nachfolger gingen immer mit der Zeit.

Schulleiter Rudolf Schweiger hat als junger Studienrat die beliebte Lehrerin noch erlebt. Er hebt hervor: "Sie hat den sozialwissenschaftlichen Zweig in unermüdlichem Einsatz aufgebaut. Mit herausragendem Verantwortungsbewusstsein und vorbildlichem Engagement hat sie das Schulleben entscheidend mitgestaltet!" Das Katherl werde sie nie vergessen.

Obwohl sie schon von Krankheit und Alter geschwächt war, besuchte Helga Seifert 2015 den Festakt zum 50. Jubiläum ihrer Schule. Es hat sie sehr gefreut.