Ingolstadt: Die Musik sichtbar machen
Svetlana Kerestely
Ingolstadt

Die Feier zum 100-Jährigen der Gehörlosenseelsorge und zum 75-jährigen Bestehen des Gehörlosenvereins fing am Samstagvormittag mit einem ganz besonderen Gottesdienst an. Statt eines Organisten kamen die Bläser von Sankt Matthias und der Mennoniten-Gemeinde. "Blasinstrumente lassen besonders hohe Vibrationen in der Luft entstehen. Da Gehörlose meist ein Resthörvermögen haben, hoffen wir, dass sie die Musik ein bisschen wahrnehmen können", erklärt der Diözesanverantwortliche in der Pastoral für Menschen mit Behinderung, Pfarrer Alfred Grimm.

Der Gehörlosenchor der Stiftung Regens Wagner Hohenwart gab die Lieder in der Gebärdensprache wieder. Die Mitglieder versuchen, die Musik und den Gesang sichtbar zu machen. Das Rhythmusgefühl und die Authentizität der Künstler beeindruckten die Besucher. Der Gesang mit Gestik, Mimik und Körpersprache wurde von einem jungen Gitarristen begleitet. Außerdem waren alle Gebete und Reden in Gebärdensprache. "Das war ein sehr schöner Gottesdienst", sagt die 52-jährige Birgit Fehn. "Der Gebärdenchor war faszinierend. Und ich habe mich sehr gefreut, dass alles gedolmetscht wurde."

Nach dem Gottesdienst organisierte Birgit Fehn vom Gehörlosenverein eine Stadtführung. Ein feierlicher Abend im Gehörlosenzentrum mit Tanzauftritten und einem Stück über die Geschichte des Vereins rundete den Tag ab. Das Gehörlosenzentrum in der Permoserstraße sei zu einem wichtigen Anlaufpunkt für alle Mitglieder geworden. Dort fänden sie soziale Beratung, Unterstützung beim Dolmetschen und Unterhaltung. "Die Beratungsstelle ist ein gutes Fundament für das selbstständige Leben", meint Fehn.

Besonders wichtig für die Mitglieder sei das soziale Leben im Verein. "Veranstaltungen und Unterhaltung in Gebärdensprache findet man nur hier, sonst nirgendwo", so Fehn. Im Verein habe sie schon einen breiten Freundeskreis aufgebaut. "Ich kann eigentlich alles machen, was die Hörenden auch machen", erzählt sie. "Ich fahre auch Fahrrad und ein Auto. Ich komme mit allem klar. Das einzige Problem für mich ist die Kommunikation mit Menschen, die keine Gebärdensprache verstehen."

Im Verein kann jeder die Gebärdensprache. "Hier unterhalten wir uns miteinander, hören unterschiedliche Vorträge, machen Ausflüge und Stadtführungen", so Maria Zielke (57). Obwohl sie sich selber nicht hören kann, spricht sie die Laute sehr deutlich aus, sodass man mit ihr auch ohne Gebärdendolmetscher diskutieren kann. Was ihr Gegenüber sagt, liest sie von den Lippen ab. Für die Gehörlosen ist es immer eine Herausforderung, eine Konversation ohne Gebärdensprache zu führen. "Wir wissen nicht, wie hoch oder wie tief unsere Stimme klingt. Darum wünsche ich mir, dass die Hörenden mehr Geduld haben, aufmerksam zuhören und selber ein bisschen langsamer sprechen, wenn es nötig ist", sagt sie.

Man sollte sie auch nicht als "taubstumm" bezeichnen, meint Zielke. "Auch wenn ich nicht hören kann, kann ich sprechen. Also stumm bin ich nicht", sagt sie. Natürlich wäre es sehr schön, wenn mehr Menschen die Gebärdensprache lernen, meint Zielke. In der Realität sind das nur die Betroffenen, ihre Familien oder Menschen, die beruflich mit Schwerhörigen zu tun haben. Beim Arzt und bei Behörden braucht sie einen Dolmetscher.

Am Festtag konnten die Vereinsmitglieder überall und von jedermann verstanden werden, weil Dolmetscherin Ronja Kunze sie begleitete. Auch beim Gottesdienst war sie dabei. Kunze ist eine fröhliche junge Frau mit dicken lockigen Haaren und freundlichem Gesicht. Sie erledigte die schwierige Dolmetscherarbeit mit einer bemerkenswerten Leichtigkeit und einer sichtbaren Freude. "Die Gebärdensprache ist sehr schön. Ins Gespräch sind dabei die Mimik und die ganze Körpersprache sehr intensiv involviert", sagt sie mit einem Lächeln im Gesicht. "Außerdem kann man viele Sachen viel schöner ausdrücken als mit Worten", meint sie. Gebärdensprache hat sie schon als Kind gelernt, weil ihre beste Freundin gehörlos war. "Wir wurden zusammen ins Kindercamp geschickt. Sie konnte nichts verstehen und ich erklärte ihr alles", erzählt Kunze. "Am Anfang habe ich mich mit improvisierten Gesten ausgedrückt. Aber nach und nach hat sie mir Gebärdensprache beigebracht." Später absolvierte Kunze eine Dolmetscherschule und machte sich selbstständig. In Ingolstadt mit etwa 2700 Gehörlosen und Schwerhörigen hat sie genug zu tun. "Und die Freundschaft aus der Kindheit hält immer noch", fügt die Dolmetscherin fröhlich hinzu.

Beide Frauen, Maria Zielke und Birgit Fehn, sind berufstätig. Fehn arbeitet in der Sozialberatung beim Gehörlosenverein und Zielke ist Zahntechnikerin in Ingolstadt. Leider sind sie eher eine Ausnahme. "Für Gehörlose ist es schwer, eine Stelle zu bekommen. Meistens haben sie eine Berufsausbildung, aber die Kommunikationsproblematik ist oft entscheidend. Sie können nicht telefonieren, können nicht mit den Kollegen sprechen", erklärt Pfarrer Alfred Grimm. "Wenn jeder Gebärdensprache lernen würde, gäbe es keine Probleme mehr. Aber das ist leider nicht realistisch."