Ingolstadt: Die Grenzen der Meinungsfreiheit
Bei der leidenschaftlichen Diskussion äußerte sich auch Martin Geistbeck, Pfarrer von St. Pius (rechts). Auf dem Podium saßen Özlem Karadag-Mermer und Nurgül Kartal-Özmen von der alevitischen Gemeinde, DK-Redakteur Thorsten Stark, Pastor Jürgen Weingart von der Freien Christengemeinde und Organisator Hakan Sirt (von links). - Foto: Schneider
Ingolstadt

"Was darf Satire? Alles!" Dieses Zitat von Kurt Tucholsky eröffnete die Podiumsdiskussion. "Satire darf alles, aber nicht alles ist Satire", konterte Christian Rehberger, stellvertretender Leiter der DK-Lokalredaktion. Denn, wie schnell klar wurde: Der Begriff ist nicht eindeutig definiert. Gemeint sind meist Zeichnungen oder Texte, die Missstände kritisieren, in dem sie Personen oder Sachverhalte ins Lächerliche ziehen. Abbildungen vom Papst mit einem gelben Urinfleck im Gewand (erschienen im deutschen Satiremagazin Titanic) oder Mohammed mit einer Bombe auf dem Kopf (erschienen in einer dänischen Tagszeitung) zeigten schnell, dass sich die rund 50 Gäste bei Weitem nicht einig waren, wie mit Zeichnungen dieser Art umzugehen ist.

Eines der Streitthemen waren dann auch die sogenannten Mohammed-Karikaturen, die 2005 erschienen und weltweit zu Demonstrationen und Ausschreitungen führten. "Ziel war es, bewusst zu provozieren", ärgerte sich ein Ingolstädter Muslim. "Es ist sehr traurig, wenn jemand etwas beleidigt, was du sehr wertschätzt", stimmte ein Glaubensbruder zu. Trotzdem müsse man gelassen bleiben, widersprach ein anderer Muslim: "Entweder man will sich verletzen lassen oder man sieht sie als berechtige Kritik an jemandem, der den Islam missbraucht." Auch Hakan Sirt, Organisator und Beauftragter für den christlich-islamischen Dialog, forderte Gelassenheit: "Mohammed würde heute über die Karikaturen lachen."

Satirische Kritik trifft aber nicht nur Muslime, sondern auch Christen, wie mehrere Beispiele aus Satiremagazinen zeigten. Es habe Fälle von pädophilen Bischöfen gegeben, betonte der Pius-Pfarrer Martin Geistbeck. Dementsprechend sei Kritik daran in Form von Karikaturen durchaus berechtigt. Im Namen sowohl des Christentums als auch des Islams seien Millionen Menschen gestorben, man müsse Religionskritik also aushalten, meinte ein anderer Ingolstädter Christ. Ob Karikaturen aber tatsächlich Missstände anprangern oder nur der Unterhaltung dienten, stellten mehrere Teilnehmer infrage. "Was soll man tun - Provokationen verbieten", fragte Thorsten Stark, ebenfalls stellvertretender Leiter der DK-Redaktion, und warnte, dass das das Ende jeder Meinungsfreiheit bedeute.

"Wir müssen uns im Klaren sein, dass wir Einfluss nehmen, wenn wir reden, schreiben oder zeichnen", forderte Pastor Jürgen Weingart von der Freien Christengemeinde zu mehr Rücksichtnahme auf. Eine andere Lösung sah eine Ingolstädterin aus dem Pius-Viertel. Anstatt sich über die Bilder zu ärgern, sollten sich alle Muslime dafür einsetzen, dass Terroristen nicht mehr im vermeintlichen Namen des Islam Unschuldige töten: "Dann könnte man auch keine Karikaturen mehr zeichnen."

Wenn der Hausmeister nicht zur Eile gemahnt hätte, hätten die Teilnehmer wohl noch länger diskutieren können. Zurück blieb nach zwei Stunden der Eindruck einer engagierten, sachlichen und respektvollen Debatte zu einer spannenden Frage. Danach stand fest: Die Meinungen zu dem äußerst komplexen Thema gehen in Ingolstadt weit auseinander.