Johannes Hauser
Ingolstadt
Es ist ein Moment, den nicht viele erleben. Julia Pickl, die mittlerweile in Ingolstadt lebt, spendete die Blaufichte, die ihr Großvater für sie gepflanzt hatte, der Stadt. Gestern wurde sie gefällt und vom etwa 25 Kilometer entfernten Steinsdorf nach Ingolstadt gebracht. "Als meine Schwester ein Jahr alt war, haben meine Eltern eine Fichte für sie in unserem Garten gepflanzt", erzählt Pickl. Zu ihrem ersten Geburtstag hatten die Eltern allerdings vergessen, eine Fichte zu pflanzen. Als sie drei Jahre alt war, fragte sie ihre Eltern, wo denn ihr Baum sei. Daraufhin ist ihr Großvater losgefahren und hat auch ihr eine Fichte gekauft. Der Baum war damals genau wie sie drei Jahre alt. "Wir haben sie kurz nach Weihnachten gepflanzt", erinnert sich Pickl. "Damals war das Wetter sehr milde. 40 Zentimeter war die Fichte damals groß."

27 Jahre später ist der Baum mittlerweile stolze acht Meter hoch und sollte gefällt werden. "Da habe ich sie der Stadt Ingolstadt für die Weihnachtszeit angeboten", sagt Julia Pickl. Anfang Oktober kamen Mitarbeiter des Gartenamts und begutachteten die Fichte. Kurz danach kam die Zusage, dass der Baum heuer in Ingolstadt stehen wird.

 

Fotostrecke: DK-Redakteurin schenkt Ingolstadt Christbaum

Doch das ist nicht das erste Mal, dass Familie Pickl einen Christbaum stiftete. Die Fichte, die für Julias ältere Schwester Carolina gepflanzt wurde, ist auch schon gefällt worden. Vor 20 Jahren, zu Weihnachten 1997, stand sie in der Kirche in Sollern.

Schon in Steinsdorf wurde der Nadelbaum zugeschnitten, damit er in das vorgesehene Loch in der Kreuzstraße passt. Und da gehört mehr dazu, als den unteren Teil passgenau zuzuschneiden. Denn der Stamm ist nicht kerzengerade. "Das ist normal bei Bäumen, dass sie ein wenig krumm sind", erklärt Jeffrey Reichenbächer, stellvertretender Vorarbeiter beim Gartenamt. "Durch den Wind und die Ausrichtung zur Sonne biegen sich Bäume im Laufe der Jahre etwas. Selbst im Wald wird man kaum einen Baum finden, der vollkommen gerade ist." Damit die Blaufichte von Julia Pickl mit der Spitze exakt vertikal steht, musste Reichenbächer sehr genau arbeiten. "Ich habe mir den Baum angeschaut und es dann ausgelotet." Mit der Kettensäge schnitt Reichenbächer den Stamm passgenau schon im Garten ins Steinsdorf zu. Als das gemacht war, wurde der Baum abgeschnitten, auf ein Fahrzeug geladen und nach Ingolstadt gebracht.

Für seinen Standort in der Kreuzstraße ist er auch ideal. "Beim Kreuztor muss ein schöner, schmaler stehen", sagt Reichenbächer. Denn anders als beim Rathausplatz ist zwischen Bürgersteig und Straße nicht besonders viel Platz. Und dafür passte die gut acht Meter hohe Blaufichte sehr gut.

An ihrem Bestimmungsort in Ingolstadt sah Reichenbächer dann, ob seine Berechnungen korrekt waren. Ein Kran hob die Fichte hoch, und langsam wurde sie in das Loch hineingelassen. Mitarbeiter des Gartenamts hämmerten noch zusätzlich Bretter in das Loch, so dass sie fest steht und nicht umfallen kann. Und voilà, sie passte perfekt. Die Fichte steht gerade. Nur wenn man genau hinsieht, erkennt man, dass der untere Teil leicht krumm ist.

Acht Christbäume werden insgesamt in den nächsten Tagen in Ingolstadt aufgestellt. In der Regel werden sie von Privatpersonen gespendet. Die melden sich - wie im Fall von Julia Pickl - meistens selbst bei der Stadt. "Noch geht's", sagt Manuel Meier vom Gartenamt. "Wir kriegen immer noch viele Anrufe." Aber es werden weniger, so Meier. In den 60er- und 70er-Jahren seien die Nadelhölzer noch modern gewesen, und viele hätten sie in ihren Gärten gepflanzt. Das habe mittlerweile nachgelassen.

Solange es Familien wie die von Julia Pickl gibt, hat die Stadt auch weiterhin jedes Jahr Christbäume. Die Redakteurin freut sich sehr, dass ihre Fichte nun in der Weihnachtszeit in der Innenstadt steht. "Wenn ich dann daran vorbeilaufe, und da steht mein Baum", sagt sie, "das macht mich stolz."