Ingolstadt: Das Tagebuch des Valerian Mayr
Historische Perspektive: Im Stadtmuseum entdecken Sara Käfer und Sebastian Kuboth auf einem Gemälde von Gustav Schröpler Soldaten des Genie-Regiments. Das Bild entstand um 1865, zu jener Zeit also, in der auch Valerian Mayr in Ingolstadt diente. Seine Erlebnisse hielt der Soldat in seinem Tagebuch fest, das Kuboth in einem Antiquariat entdeckt hat.
Ingolstadt
Der erste Eindruck von der Schanz fällt nicht sehr schmeichelhaft aus. „Ingolstadt ist keine sonderlich schöne Stadt“, notierte Mayr am 3. Juni 1866. Tags zuvor war er in der Donaukaserne – heute das Museum für Konkrete Kunst – einquartiert worden. 22 Jahre ist Mayr damals alt. Der Krieg zwischen Bayern und Österreich gegen Preußen steht unmittelbar bevor. Aus dem Allgäu hatte man Mayr über München nach Ingolstadt beordert, um ihn hier in der III. Kompanie des Genie-Regimentes ausbilden zu lassen, der Vorläufertruppe der heutigen Pioniere. In Ingolstadt lernt Mayr den Umgang mit Pferden, das Anschirren der Gespanne, exerzieren und wie ein Rucksack richtig zu packen ist. Trotz seiner Aufgaben – die Soldaten bereiten sich für den Marsch an die Front nach Franken vor – hat Mayr Zeit, sich in Ingolstadt umzusehen und jeden Tag seine Erlebnisse festzuhalten.

Die Pferde der Genie sind im Ziegelbräu in der Ludwigstraße untergebracht. Auf dem Weg dorthin macht Mayr gerne einen Abstecher in die Augustinerkirche des Franziskanerklosters; dort steht heute der Viktualienmarkt. Im Ziegelbräu beobachtet er die Vorbereitungen für die Fronleichnamsprozession, auch den Umzug selbst schildert er in seinen Notizen. Zum ersten Mal sieht er in Ingolstadt einen Telegraphen.

Rund 150 Jahre nach Mayr kommen Sebastian Kuboth und Sara Käfer nach Ingolstadt. In Händen halten sie Mayrs Tagebuch. Kuboth sammelt historische Quellen aller Art. Mayrs Schrift hat er über das Internet in einem Antiquariat gefunden. Mehrere hundert Tagebücher und tausende Briefe hat der 29-Jährige mittlerweile gesammelt und für seine Homepage ?www.geschriebene-geschichte. de katalogisiert. Ihn fasziniere Geschichte aus der Perspektive einfacher Menschen. „Das ist oft spannender als die offizielle Sichtweise auf das Geschehen.“ Im Fall Mayrs gehen er und Sara Käfer noch einen Schritt weiter. Sie wollen die Perspektive des Soldaten möglichst gut nachempfinden, indem sie sich mit ihm auf die Reise machen. „Nur so kann man ihm wirklich gerecht werden“, findet Kuboth. Am meisten Spaß haben die beiden an Mayrs Schilderungen des Alltags und dem Versuch, nachzuspüren, was der Allgäuer für ein Mensch gewesen sein könnte. „Er war sicher sehr gläubig. Wo er hinkam, hat er Kirchen besucht und beschwert sich, wenn irgendwo viel geflucht wird“, erklärt Käfer. „Außerdem war er Sänger und Organist. Er beschreibt, wie er einmal kurzerhand in einem Kirchenchor mitgesungen hat, weil ein Sänger ausgefallen war.“

Auch für Geschichtsprofis ist Mayrs Tagebuch interessant. Edmund Hausfelder, Ingolstadts Stadtarchivar, hat einige Seiten aus Mayrs Tagebuch gelesen. „Der Stil der Einträge lässt erkennen, dass der Schreiber eine höhere Schulbildung besaß und zumindest Grundkenntnisse in Latein hatte“, erklärt Hausfelder. „Ich bedauere fast, dass er seinerzeit nicht länger hier verweilte, denn in diesem Fall hätte er sicher noch mehr Aufzeichnungen über unsere Stadt gemacht.“ Hausfelder hat auch eine Erklärung dafür, warum es Mayr in Ingolstadt zunächst nicht so gut gefallen hat. „Ingolstadt war damals noch nicht ans Eisenbahnnetz angeschlossen. Erst dies gab der Stadt in den kommenden Jahren den richtigen Aufschwung“, so Hausfelder.

Es ist nicht bekannt, was aus Mayr geworden ist. Sein Tagebuch endet am 13. Oktober 1866 mitten in einem Satz. Die nächste Seite ist herausgerissen. Auf der ersten Seite sind Notizen zu lesen, die offenbar ein Familienforscher in späteren Jahren geschrieben hat. Dort ist als Sterbedatum Mayrs der 20. April 1930 vermerkt.

Der Allgäuer Soldat hat seine Meinung über Ingolstadt später revidiert. Auf dem Rückweg von der Front – wo er nie direkt in Kriegshandlungen verwickelt war, sondern unter anderem Brücken baute und Transportfahrten erledigte – blieb er einige Zeit in Haunwöhr, damals ein Örtchen vor den Toren der Stadt. Der Krieg war zu Ende, die Soldaten verkauften ihre Pferde, besuchten die Dult in Ingolstadt und genossen das Landleben. Obwohl er tags zuvor seinen Geldbeutel mit vier Talern verloren hatte und die Chorsängerinnen in Unsernherrn klangen wie „zerbrochene Hasen“, notierte Mayr am 11. September 1866 in sein Tagebuch: „Ich rechne diese Zeit unseres Aufenthalts in Haunwöhr zur schönsten meines Lebens.“