Mitten im voll besetzten Veranstaltungsraum des Ingolstädter Klinikums saß eine Frau und erzählte, sie sei seit zwei Jahren Schmerzpatienten. "Ich nehme Cannabis, und das erfolgreich", sagte sie. Sie sehe - bedingt durch Stress und Wechseljahre - einen Mangel an körpereigen hergestellten Cannabinoiden, weshalb sie auf pflanzliche Mittel zurückgreife. "Das funktioniert wunderbar." Viele Menschen im Saal spendeten der Frau Applaus.

Die große Resonanz auf seinen Vortrag habe er erwartet, meinte Andreas Bühler, Oberarzt der Hämato-Onkologie an der Medizinischen Klinik II. "Das Thema hat aufgrund der medialen Berichterstattung eine enorme Brisanz gewonnen", sagte er. Und ergänzte, dass das - insbesondere bezüglich des synthetischen Opiats Methadon - nicht an Behandlungserfolgen liege.

Methadon, als Heroinersatzstoff im Rahmen von Drogenersatzprogrammen bekannt, wird laut Bühler im klinischen Alltag schon länger als Reserveschmerzmittel eingesetzt. In der Tumortherapie werde es vor allem seit einer Veröffentlichung der Ulmer Krebsforscherin Claudia Friesen diskutiert. Diese sei - auf Grundlage von Reagenzglasuntersuchungen sowie Tierversuchen - überzeugt, dass Hirntumorzellen unter Methadoneinfluss "wieder empfindlicher für eine Chemotherapie oder Bestrahlung würden", erläuterte Bühler. Obwohl die Studie nur darauf ausgelegt gewesen sei, die Verträglichkeit von Methadon ergänzend zu herkömmlichen Behandlungsmethoden zu untersuchen, der tatsächliche Effekt des Opiats auf Krebszellen kaum überprüft sei und auch weitere Studien keine statistische Signifikanz aufweisen würden, habe die Publikation große Hoffnungen geweckt.

Bühler verurteilt das. "Der Stand ist, dass tumorspezifische Therapien kein Bereich sind, in dem Methadon angewandt werden sollte", mahnte er. "Wir brauchen mehr Informationen." Er nehme aber eine "besorgniserregend wachsende Skepsis gegenüber der Schulmedizin" wahr. Das liege vor allem an medialer Berichterstattung. "Ich möchte keine Medienschelte betreiben, aber Berichte über ,Durchbrüche' lösen falsche Hoffnungen aus."

Für den Einsatz von Cannabis - als Rauschmittel bekannt - gilt Bühler zufolge Ähnliches. Dass Medikamente auf Basis der Hanfpflanze zu therapeutischen Zwecken seit März zulasten der gesetzlichen Krankenkassen verordnet werden dürfen, beschrieb der Onkologe als durchaus hilfreich. Das gelte für die schmerzstillende Wirkung oder Appetitstimulation, unter Umständen auch bei Tumorpatienten als Begleittherapie. "Der Wirksamkeitsnachweis ist, ehrlich gesagt, nicht sehr hoch, aber es ist eine Option", gab Bühler zu bedenken.

Inwiefern Cannabinoide einen Antitumoreffekt haben, dafür gibt es dem Onkologen zufolge nur geringe Ansatzpunkte. "Bisherige Erkenntnisse sind nicht ausreichend für klinische Studien am Menschen", sagte er. Auch hier seien diverse Berichte im Internet ohne medizinische Grundlage veröffentlicht worden. Sein Fazit: "Medizin sollte keinen Trends folgen, sondern nach wie vor auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basieren."

Während Methadon im Anschluss kaum jemand erwähnte, wurde im Gespräch mit Betroffenen deutlich, dass diese in Bezug auf Cannabis in manchen Punkten anders denken als Bühler. "Mein Verstand sagt mir, dass ich ihm glauben muss", gab eine Frau, deren Mann gegen Krebs kämpft, an. "Aber wenn man verzweifelt ist, dann möchte man alles ausprobieren. Ich denke nicht, dass Cannabis schädlicher als Krebs sein kann."