Max Müller sieht sich den Unterboden an.
Max Müller sieht sich den Unterboden an.
Hauser
Ingolstadt
Den entscheidenden Moment schildert Vlacheslav Skorokhod so: Plötzlich sei vor ihm ein dunkles Auto auf seine Spur gefahren, nach dem ersten Schock habe er nach rechts gelenkt und prompt sei sein Lkw mit den rechten Rädern auf der gut 60 Zentimeter hohen Mauer am Fahrbahnrand der Theodor-Heuss-Brücke aufgesessen. Ohne die Chance, allein wieder herunterzukommen (DK berichtete am Dienstag). „Passiert ist passiert“, lässt der Ukrainer einen Landsmann übersetzen. Aber natürlich ärgere er sich, sagt er. Denn seine Version mit dem Fahrzeug, das ihn geschnitten hat, können Augenzeugen offenbar nicht bestätigen. Am Ende, so fürchtet der Fahrer, könnte der Chef der polnischen Spedition, für die er fährt, das Geld für die Reparatur von ihm zurückverlangen.

Vlacheslav Skorokhod steht gerade in der Werkstatt der Firma Eineder, die den Lkw abtransportiert hat und reparieren wird – sobald das Geld aus Polen da ist. Seit mehr als einem Tag sitzt er hier fest. Er hat auf dem Firmengelände im Lkw geschlafen, mit einem Mitarbeiter der Firma kann er sich zum Zeitvertreib in seiner Sprache unterhalten. Dabei wollte er sich nur kurz in Ingolstadt aufhalten. Er war gerade auf dem Weg Richtung Autobahnauffahrt, weil er in Regensburg bei BMW eine neue Ladung abholen wollte – nachdem er bei Audi seine alte Fracht abgeladen hatte.

Auch wenn es den Fahrer gerade wenig trösten dürfte: Er hatte durchaus Glück im Unglück. „Großes Glück“, wie Werkstattleiter Max Müller, der selbst am Dienstagabend mit draußen war, erzählt. „Wenn er eine normale Ladung gehabt hätte, wäre er umgefallen.“ Leer war der Schwerpunkt des 40-Tonners deutlich niedriger, und so verharrte der Lkw über Stunden in der kuriosen Schräglage. Durch das Entlangschleifen an der Mauer wurde die Spurstange vorne rechts beschädigt, sehr viel mehr aber nicht. Der Tank, der am Fahrzeugunterboden ebenfalls auf der rechten Seite sitzt, blieb unversehrt. „Der Supergau wäre gewesen, wenn der Tank ausgelaufen wäre“, sagt Müller. Zumal der Diesel auch auf die Bahnstrecke unterhalb der Brücke geflossen wäre. Und das hätte böse ausgehen können, schätzt Müller.

Aber auch so hielt der Lkw die Helfer am Montag auf Trab: Ab Nachmittag war die Firma auf der Theodor-Heuss-Brücke beschäftigt. Sie war mit einem Schwerlastkran angerückt – allerdings durfte der nicht auf die Brücke. Ein Statiker der Stadt hatte den Bauplan der Brücke mitgebracht und das Befahren untersagt. Der Kran musste am Übergang zur Brücke, dem sogenannten Widerlager, halten – 45 Meter vom Lkw entfernt.

Reiß
Ingolstadt
So kam zunächst nur ein kleinerer – leichterer – Kran zum Einsatz, der den Lkw vor allem vor dem Umkippen sicherte aber auch an mancher Stelle leicht anhob, während ein Schleppwagen das ohne Ladung rund 13 Tonnen wiegende Gefährt vorsichtig rückwärts Richtung großen Kran zog. Dabei musste auch darauf geachtet werden, dass nichts auf die Gleise darunter fällt. Ab 30 Metern Entfernung konnte dann der Schwerlastkran mit eingreifen. Es war eine hakelige Angelegenheit. Erst nach einer mehrstündigen Totalsperre der Brücke stand der Lkw gegen 21.30 Uhr wieder auf all seinen Reifen.

Wegen der beschädigten Spurstange konnte der Lkw-Fahrer nicht einfach weiterfahren. „Sicherheit geht vor“, sagt Werkstattleiter Müller. Das Gefährt wurde nach einem Reifenwechsel in die Werkstatt abgeschleppt, wo es dann gestern Nachmittag – nach Eintreffen des Gelds – eine neue Spurstange erhielt.

Der Fahrer musste allerdings weiter in Ingolstadt bleiben und warten, bis ihm eine neue Tour zugeteilt wird. Es droht ihm eine weitere Nacht in seinem Lkw.