Demonstration gegen Geschichtsrevisionisten: Als die "Zeitgeschichtliche Forschungsstelle Ingolstadt" (ZFI) im Juni dieses Jahres in der Ingolstädter Volkshochschule ihre Frühjahrstagung abhielt, protestierten draußen einige Mitglieder linker Gruppen.
Demonstration gegen Geschichtsrevisionisten: Als die "Zeitgeschichtliche Forschungsstelle Ingolstadt" (ZFI) im Juni dieses Jahres in der Ingolstädter Volkshochschule ihre Frühjahrstagung abhielt, protestierten draußen einige Mitglieder linker Gruppen. Jetzt rufen die Grünen zu Widerstand gegen die Herbsttagung der ZFI auf, die am 4. November wieder in der Volkshochschule stattfinden soll.
Hammer
Ingolstadt

Joachim Siebler erschrak, als er den Terminhinweis im Netz entdeckte. Die Zeitgeschichtliche Forschungsstelle Ingolstadt (ZFI) lädt am 4. November zur Herbsttagung in die Ingolstädter Volkshochschule (VHS). Auf der Liste der Redner steht unter anderem Stefan Scheil, AfD-Politiker aus Rheinland-Pfalz und Historiker mit zweifelhaftem Ruf. Sein Vortragsthema: "Die Lebenslügen der Bundesrepublik Deutschland: Historische Tatsachen versus politisch korrekte Schulbuchpolitik." Der publizistisch sehr aktive Hobbyhistoriker Rainer Thesen soll ebenfalls als Gast der ZFI in der VHS auftreten. Er will über die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse 1945 bis 1949 sprechen, seiner Ansicht nach "keine Sternstunde des Rechts".

"Das geht zu weit!", sagte Siebler, Bezirksrat und Mitglied im Kreisvorstand der Grünen. Er schlug sofort Alarm. Dann schrieb er einen Offenen Brief an OB Christian Lösel mit der dringenden Bitte, dieser offensiv geschichtsrevisionistischen Vereinigung "in Ingolstadt keine Bühne zu geben". Das müsse endlich aufhören. Auch die Stadtratsfraktion der Grünen fordert den OB in einem gestern verschickten Brief dazu auf, einzuschreiten. Keine Revisionisten in der VHS! "Die ZFI untergräbt das historische Selbstverständnis der Bundesrepublik Deutschland, indem sie ganz unverhohlen Geschichtsrevisionismus betreibt", sagt Fraktionschefin Petra Kleine ( weitere Auszüge im Kasten ).

Die Stadt war zu diesem Zeitpunkt bereits aktiv. Denn auch Kulturreferent Gabriel Engert ist erschrocken, als er am Dienstag von der Tagung erfuhr, die in dem Saal stattfinden soll, die nach seinem Vor-Vorgänger Rudolf Koller benannt ist. Seine erste Reaktion: "Was? Die ZFI gibt's immer noch?" Ja. Die gibt es nach wie vor.

Der Verein wurde 1981 von dem Ingolstädter Historiker und Geschichtslehrer Alfred Schickel (1933- 2015) gegründet. Die ZFI ist wegen geschichtsrevisionistischer Aktivitäten und der Relativierung von Verbrechen der Nationalsozialisten oft in die Kritik geraten, in den 90ern fand die ZFI im Bericht des bayerischen Verfassungsschutzes Erwähnung. Mit Blick auf die Referenten- und Themenliste der Tagung am 4. November beschloss Engert: "Wir lassen sofort alle rechtlichen Möglichkeiten prüfen, wie man die Veranstaltung in der VHS verhindern kann!" Gestern legte ihm das städtische Rechtsreferat das Ergebnis vor: keine Chance. Der Mietvertrag zwischen der Stadt und der ZFI für die Tagung in der VHS könne nicht aufgehoben werden, es gebe dafür keine Rechtsgrundlage. "Das bedauere ich wirklich sehr!", sagte Engert. Die Stadtverwaltung "distanziert sich weiterhin völlig von den Inhalten der ZFI". Er hoffe aber, "dass dieses Signal der Stadt deutlich war".

Engert hat sich auch deshalb zu der rechtlichen Prüfung entschlossen, weil er es sich nicht vorstellen wollte, dass - wie zu befürchten steht - ausgerechnet in einer Bildungseinrichtung der Stadt Referenten gegen den Geschichtsunterricht in den Schulen Front machen und damit letztlich das bayerische Bildungswesen infrage stellen. Die kritisierten ZFI-Referenten bestreiten in ihren Veröffentlichungen unter anderem die Alleinschuld Deutschlands am Zweiten Weltkrieg (eine revisionistische Position, die auch die ZFI auf ihrer Internetseite propagiert) und pflegen angriffslustig die unter stramm Rechten höchst populäre Verschwörungstheorie von der "unterdrückten historischen Wahrheit", "Denkverboten" und der "Erziehung der Deutschen zum politisch korrekten Denken" mit Hilfe eines "verordneten Weltbilds" (Thesen) und staatlicher "Schulbuchpolitik" (Scheil). Jedoch: Wer genau eigentlich bei uns "Denkverbote" erlässt, und wie das in einem Rechtsstaat überhaupt möglich sein soll, können Autoren dieses Typs nicht wirklich erklären. Thesen gehört außerdem dem Verein der Freunde des Bayerischen Armeemuseums an, der mit der Verbreitung revisionistischer und rechtsradikaler Schriften einen Skandal ausgelöst hat.

Gegen die ZFI ist in Ingolstadt schon öfter demonstriert worden, wenn auch in bescheidenem Rahmen. Ärger hat das Vereinsschaffen immer begleitet. Als OB Alfred Lehmann 2006 (wohl arg unbedarft) bei der ZFI ein Grußwort sprach, bekam er dafür ein dickes gedrucktes Lob von der rechtsextremen "National-Zeitung"; der Vorfall verrät Bezeichnendes über den Resonanzraum dieser Ingolstädter "Forschungsstelle".

Der ZFI-Vorsitzende Gernot Facius bemerkte auf Anfrage zu dem Protest gegen die Tagung in der VHS: "Es spricht nicht gerade für eine lautere demokratische Gesinnung, wenn versucht wird, politisch unliebsame Veranstaltungen unter fadenscheinigen Vorwänden zu verhindern. Im Übrigen glaube ich nicht, dass sich ,in der Stadt', wie Sie schreiben ( er bezieht sich auf die schriftliche Anfrage des DK, d. Red .) starker Widerstand regt. Es dürfte eher so sein, dass dieser angebliche ,Widerstand' von bestimmter, auch linksradikaler Seite, die einem System der Denkverbote huldigt, geschürt wird."
 

"Der Revisionismus breitet sich in Ingolstadt aus"

Kleine schreibt: "Die Stadt Ingolstadt muss in Zukunft klarer auftreten: Geschichtsklitterung soll in unserer Stadt keinen Platz haben. Ingolstadt darf nicht mehr Gastgeber für revisionistische Organisationen sein, um der Verdrehung und Ignorierung historischer Tatsachen nicht weiter eine Bühne zu bieten."

Siebler betont: "Der Revisionismus breitet sich in Ingolstadt aus. Wir gehen davon aus, Sie (OB Lösel, d. Red.) waren gleichermaßen entsetzt über die revisionistischen und zum Teil rechtsradikalen Texte, die auf der Internetseite der "Freunde" des Armeemuseums veröffentlicht waren. Nun gibt es bekanntlich einen weiteren Verein, der revisionistisch aktiv ist und den Namen unserer Stadt im Titel trägt, die sogenannte Zeitgeschichtliche Forschungsstelle Ingolstadt. Der Kontext der Tagung lässt darauf schließen, dass möglicherweise die Verantwortung Deutschlands in Zeiten des Nationalsozialismus relativiert werden soll. Ob der Inhalt des angekündigten Vortrags noch von der Meinungsfreiheit gedeckt ist, mag der Staatsschutz beurteilen. Dass jedoch derartige Thesen in der Bildungseinrichtung Volkshochschule der Stadt Ingolstadt verbreitet werden, betrifft die Stadt in besonderem Maße." Sein Appell: "Bitte tragen Sie dazu bei, dass rechtes Gedankengut in Ingolstadt keinen Nährboden findet!"