Ingolstadt: Im Museum Mobile zieht ein wankelbetriebener Ro80 die Blicke auf sich. Vor 50 Jahren wurde auf der IAA in Frankfurt der erste Wagen dieser Art vorgestellt..
Im Museum Mobile zieht ein wankelbetriebener Ro80 die Blicke auf sich. Vor 50 Jahren wurde auf der IAA in Frankfurt der erste Wagen dieser Art vorgestellt.
Hauser
Ingolstadt

Willy Brandt führt das Farbfernsehen ein, die Studenten demonstrieren gegen Bundeskanzler Kiesinger, Vietnam und den Schah-Besuch, die Arbeitslosigkeit steigt auf 2,1 Prozent und ein Liter Benzin kostet 59 Pfennig: 1967 ist ein bewegtes Jahr in der Geschichte der gerade erst volljährig gewordenen Bundesrepublik. Im Zeichen des Umbruchs und einer schon spürbaren Wirtschaftsflaute steht vor 50 Jahren auch die IAA in Frankfurt. Heute nicht mehr vorstellbar: Unter den gut 1000 Ausstellern sind 21 (!) Automobilproduzenten allein aus Deutschland.

Einer davon ist NSU mit einer Limousine, über die der damalige DK-Korrespondent Arno Höhland schreibt: „Für die historische Beurteilung der 43. IAA setzt das erste große Wankelauto von NSU, der Ro 80, ein neues Maß.“ Zwar werde bei einem Preis von 14 000 Mark der Kreis der Käufer begrenzt bleiben, so Höhland weiter, aber immerhin habe ein kleiner Hersteller wie NSU aus Neckarsulm den Sprung in die Luxusklasse geschafft. Vergleichsweise bescheiden nimmt sich dagegen 1967 die Auto Union aus Ingolstadt aus: Sie präsentiert als Neuerung auf der IAA den Audi 72 für Normalbenzin und damit schon fünf (!) Modelle.

Der Ro 80 (die Abkürzung Ro steht für Rotationskolben) ist nicht das erste Fahrzeug mit Wankelmotor und wird nicht das letzte, wohl aber eines der wenigen überhaupt bleiben. Dies zeigt eindrucksvoll eine Sonderausstellung im Museum mobile von Audi, die noch bis Anfang November zu sehen ist. „Revolution – 60 Jahre NSU/Wankel-Motor“ lautet der Titel der Schau, die ein überaus spannendes Stück Technikgeschichte anschaulich präsentiert. Anlass ist das 60. Jubiläum des damals revolutionären Motorenkonzeptes, das auf dem Rotationsprinzip basiert. Darüber hinaus illustrieren Boots-, Flug- und Motorradmotoren ebenso wie Rasenmäher und Motorsägen verschiedener Hersteller die bewegte Geschichte dieser Technik.

Die Audi-Vorgängermarke NSU hatte sich schon früh der neuen Technik mit Automobilen wie dem Prototyp des „Prinz 3“ der neuen Technik geöffnet. Am 1. Februar 1957 lief erstmals ein Wankel-Aggregat aus eigener Kraft auf einem Prüfstand der NSU-Werke. Erstmals zum Serieneinsatz kam der weiterentwickelte Kreiskolbenmotor 1962 im sogenannten „Ski-Craft“, einem Schleppgerät für Wasserskiläufer. Nur ein Jahr später, im September 1963, feierte auf der Frankfurter IAA der NSU-Wankel-Spider seine Premiere. Dieses weltweit erste Serienauto mit Wankel-Motor heizte die Kreiskolben-Euphorie an. In den folgenden Jahren zählten nahezu alle namhaften Hersteller von Automobilen, Zweirädern oder Motoren zum großen Kreis der Lizenznehmer.

Der 1967 auf der IAA vorgestellte Ro 80 war jedoch eine kleine Revolution mit seinem Zweischeiben-Kreiskolbenmotor mit 115 PS. das Fahrzeug wurde bis 1977 in nur 37 000 Exemplaren produziert und blieb rein technisch ohne Nachfolger. Mindestens genauso viel Aufmerksamkeit erregte die von Claus Luthe designte, aerodynamisch günstige Keilform, die stilbildend war für den Autobau der 80er-Jahre. Der Ro 80 sicherte sich deshalb auch mit seiner innovativen Technik und zeitlosem Design als erstes deutsches Fahrzeug den Titel als Auto des Jahres.

Doch die Euphorie währte nur einige Jahre und war spätestens nach der Ölkrise wieder vorbei, denn der Ro 80 benötigte mehr Sprit als normale Hubkolbenfahrzeuge. Hinzu kamen vor allem anfangs technische Probleme, von denen viele jedoch gelöst werden konnten. Einer der Hauptgründe für das Auslaufen der Produktion war jedoch die Tatsache, dass Audi ein anderes technisches Konzept als NSU verfolgte.

Das Neckarsulmer Unternehmen, das bis 1963 noch Fahrräder und bis 1966 Motorräder herstellte, war 1969 von der Auto Union übernommen worden. Die NSU-Aktionäre hatten nach zwölfstündiger Diskussion zugestimmt, die Firma (anfangs mit Sitz in Neckarsulm) heißt seitdem Audi.

ROTATIONSPRINZIP

„Drehen statt Stampfen“ – diese Idee eines Verbrennungsmotors mit kreisenden Kolben faszinierte Felix Wankel (1902 bis 1988) ab den späten 1920er-Jahren. Die Entwicklung des Konzepts zur Serienreife dauerte freilich mehr als 30 Jahre. Im Verlauf seiner Forschungsarbeiten wurde Wankel zum Abdichtungsspezialisten, ein Ziel einer Rotationskolbenmaschine behielt der Autodidakt dabei immer im Blick. Die methodische Analyse möglicher Läufer und Gehäusekombinationen führte Wankel schließlich Ende des Jahres 1953 nach etlichen Studien auf die Spur eines rotierenden Spitzovals in einem gleichzeitig rotierenden, fast kreisförmigen Umhüllungskörper. Im März 1954 entwarf Wankel die Grundform des später nach ihm benannten Motors. Er war der erste einer langen Reihe von Erfindern, der einen Rotationskolbenmotor zur Serienreife brachte. Die Vorteile: klein, leichter und weniger bewegliche Teile. | DK