Luigi Spangenberg
Cannabis auf Rezept: Bis zu drei Gramm täglich dürfte der chronisch kranke Luigi Spangenberg konsumieren. Doch die aus Holland importierten Cannabisblüten aus der Apotheke sind teuer. Diese Dose (fünf Gramm) kostet 100 Euro. Die Kasse übernimmt die Kosten nicht.
Hauser
Ingolstadt

Als Kind wollte Luigi Spangenberg Profifußballer werden. Er lebte damals noch mit seiner Familie in Augsburg, spielte im Verein und war guter Dinge, im Leistungssport seinen Weg zu machen. Dann kam die Krankheit. Mit 16 kippte er einfach um. Diagnose: Epilepsie und Reizdarm. Sein Leben ist seitdem geprägt von Durchfall, Erbrechen, Übelkeit und krampfartigen Schmerzen. Zeitweise wog Spangenberg nur noch 38 Kilo. Therapien und Krankenhausaufenthalte hätten eher das Gegenteil bewirkt, sagt er. Seit zwei Jahren weiß er: „Das Einzige, was hilft, ist Cannabis.“

Dass THC, der Hauptwirkstoff der Hanfpflanze, für chronisch Kranke ein Segen sein kann, ist unbestritten. Auch eine 19-jährige Schülerin, die am Tourettesyndrom leidet, darf THC-haltige Medikamente nehmen. Ihre Erkenntnis: „Mit Blüten gehen meine Beschwerden fast gegen null“, sagt sie. Mit cannabishaltigem Spray komme sie nicht so gut zurecht: „Davon wird mir übel.“ Eine Erfahrung, die auch Spangenberg gemacht hat.

Er hat seit über einem Jahr eine Ausnahmegenehmigung des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte, dürfte monatlich auf Rezept bis zu 84 Gramm Cannabis konsumieren – das wären täglich drei Gramm. Die AOK übernimmt die Kosten nicht. Den Prozess hat er verloren. Spangenberg bezieht die Cannabisblüten aus der Apotheke. Sie werden aus Holland importiert. Eine Dose davon enthält fünf Gramm. Die Kosten von 100 Euro muss Spangenberg aus eigener Tasche zahlen. Deshalb teilt er sich die Dosen gut ein, nimmt deutlich weniger, als er dürfte.

Er selbst bezieht Hartz IV, seine Mutter Erwerbslosenrente. Das Geld für die Cannabisblüten versuchen sie zusammenzubetteln. „Erst gestern war ich wieder unterwegs“, erzählt die Mutter, Sabine Spangenberg. Sie sei mit dem Zug nach Neuburg gefahren. Sieben Stunden war sie auf Achse, hat für die Fahrkarte 4,30 Euro ausgegeben, ein Busticket für 2,20 Euro bezahlt – und insgesamt zwölf Euro eingenommen. Auch in Ingolstadt ist sie oft unterwegs, bittet in Geschäften und Restaurants um eine Spende. Auch bei Kirchen und karikativen Organisationen hat sie schon gefragt. Ohne Erfolg. Einmal, in Pfaffenhofen, hat sie richtig Glück gehabt. Hier stieß sie in einem Optikgeschäft auf einen verständnisvollen Unternehmer, der half – auch ohne Spendenquittung. Er überwies 500 Euro auf Luigis Konto (Kontonummer 530 99 222 bei der Sparkasse Ingolstadt, Bankleitzahl: 721 500 00).

Doch das ist lange her. Es war die Ausnahme, denn meistens schrecken die Leute, wenn sie das Wort Cannabis hören, zurück. So könnte Menschen wie Luigi Spangenberg nur eines helfen: eine Gesetzesänderung. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler, will erreichen, dass die Krankenkassen bei entsprechender Indikation die Kosten für cannabishaltige Medikamente übernehmen. 2016 wird als Zielmarke angepeilt. Für viele Kranke dauert das zu lange. Spangenberg hat deshalb eine Internetpetition gestartet (www.Cannabis-Petition.TK).

Den in Ingolstadt jüngst gegründeten „Cannabis Social Club“ sieht er mit gemischten Gefühlen. Spangenberg fürchtet: „Menschen wie ich sind hier nur Mittel zum Zweck.“