Ingolstadt: "Ich kann nicht mehr"
Cannabis als Medizin: Eine 5-Gramm-Dose Cannabisblüten kostet in der Apotheke rund 110 Euro. Der chronisch kranke Luigi Spangenberg kann das Geld dafür nicht allein aufbringen. ‹ŒArch - foto: Hauser
Ingolstadt

Die Geschichte, die Luigi Spangenberg (32) erzählt, geht zu Herzen. Er habe es einfach nicht mehr ausgehalten, niemanden mehr anbetteln wollen. "Ich kann nicht mehr. Irgendwann ist Feierabend", sagt der chronisch kranke Ingolstädter. Töne, die man von dem Mann, der den Frust über seine Situation mitunter aggressiv nach außen trägt, so nicht kennt. Es ist Drucksache 18/8965, in die Spangenberg all seine Hoffnung setzt, die ihn aber jetzt fast das Leben gekostet hätte - wenn er seinen Entschluss, in Belgien Sterbehilfe zu beantragen, richtig geplant und zu Ende geführt hätte.

Drucksache 18/8965, der Gesetzentwurf zur "Änderung betäubungsmittelrechtlicher und anderer Vorschriften", hätte in dieser Sitzungswoche im Gesundheitsausschuss des Bundestages behandelt werden sollen. Wenn das 32 Seiten umfassende Papier des Bundesgesundheitsministeriums verabschiedet ist, also Gesundheitsausschuss, Bundestag und Bundesrat zugestimmt und die Bundesregierung sowie der Bundespräsident das Gesetz unterzeichnet haben, können Schwerkranke unter bestimmten Voraussetzung Cannabisarzneimittel als Kassenleistung bekommen. Doch das Thema stand diese Woche nicht, wie geplant, auf der Tagesordnung. Wegen "dringender anderer Punkte", wie eine Pressesprecherin des Bundestags auf DK-Anfrage sagte. Außerdem habe es noch "Beratungsbedarf" gegeben. Der Gesetzentwurf soll in der nächsten Sitzungswoche Mitte Januar 2017 "abschließend beraten werden" und könnte dann theoretisch noch im Januar vom Bundestag und in der Sitzung am 10. Februar 2017 vom Bundesrat verabschiedet werden.

Der Ingolstädter Luigi Spangenberg, über den der DONAUKURIER mehrfach berichtet hat, leidet an Epilepsie und Reizdarm. Sein Leben ist geprägt von Schmerzen, Erbrechen, Durchfall und Anfällen. Herkömmliche Medikamente verträgt er nicht. Allein 16 verschiedene Antiepileptika seien ihm im Laufe der Jahre verabreicht worden, erzählt Spangenberg. Sein Zustand habe sich daraufhin stets verschlimmert. Cannabis dagegen macht ihn ruhig, lindert die Schmerzen und regt den Appetit an. Der Ingolstädter ist einer von rund 650 Patienten in Deutschland, die eine Ausnahmegenehmigung des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte zur Nutzung von Cannabis als Medizin haben. Danach dürfte er täglich legal bis zu vier Gramm Blüten zu sich nehmen. Doch für den Kauf in der Apotheke (fünf Gramm kosten etwa 110 Euro) fehlt ihm das Geld. Von seinen Hartz-IV-Bezügen, Strom und Miete abgezogen, bleiben ihm monatlich 134 Euro, sagt Spangenberg. Seine Mutter geht für ihren Sohn betteln. Von einem sozial engagierten Ingolstädter bekommt er bis zur geregelten Kostenübernahme im Monat 150 Euro überwiesen. Die Stadt hat auf Initiative von Gesundheitsreferent Rupert Ebner ein Treuhandkonto für den THC-Schmerzpatienten eingerichtet. Meistens ist darauf Ebbe. Jetzt, vor Weihnachten, ist laut Ebner etwas Geld eingegangen. Doch es reicht bei Weitem nicht, um den Bedarf an Cannabisblüten so decken zu können, dass Spangenberg einigermaßen beschwerdefrei ist. Der chronisch Kranke hofft deshalb auf eine gesetzliche Klärung der Kostenübernahme.

Die Bundestagsfraktion der Linken hat 2015 beantragt, Menschen mit schweren Erkrankungen den Zugang zu Cannabis als Medizin zu gewähren. Die Ingolstädter Linken-Abgeordnete Eva Bulling-Schröter ist über Facebook mit Spangenberg befreundet. "Bin auf dem Weg nach Belgien" habe er ihr über den Facebook-Messenger geschrieben, sagt Bulling-Schröter - an dem Tag, an dem der Ingolstädter im Internet gelesen hatte, dass der Bundestag die Abstimmung verschoben habe. "Es ist ein Skandal, dass man die Leute so lange hinhält", sagt Bulling-Schröter. Dabei könne die Umsetzung eines Gesetzes schnell gehen - "wenn man will". Ob Luigi Spangenberg die Kraft aufbringt, das abzuwarten, ist fraglich.

Aktionskonto

 

Falls Sie helfen wollen, die Zeit, bis die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten übernehmen, zu überbrücken: Das Treuhandkonto bei der Sparkasse, das die Stadt auf Initiative von Umweltreferent Rupert Ebner für diesen Zweck eingerichtet hat, hat die Nummer IBAN: DE 36 7215 0000 0055 5550 80, BIC: BYLADEM1ING. Kennwort: THC Schmerzpatienten. Ist genügend Geld für eine Dose Blüten auf dem Konto, verständigt das Referat Ebners die Apotheke, die die Blüten bestellt. Luigi Spangenberg wird dann benachrichtigt, dass er eine Dose abholen kann.