Ingolstadt: Starre Denkmuster? Vergiss es!
In gepflegt anachronistischem Ambiente: Angela Mayr mag das Café Wiedamann nahe dem Ingolstädter Rathausplatz, "weil es so schön aus der Zeit gefallen zu sein scheint". - Foto: Hammer
Ingolstadt

Blumige Gaben für die Bürger waren nicht die Sache der Unabhängigen Wähler (UW) Ingolstadt im Kommunalwahlkampf 1996. Sie ließen lieber Kakteen sprechen. Die entfalten dank ihrer Stacheligkeit oppositionelle Metaphorik von schlichter Schönheit. Eines Tages drückte der Stadtrat und Rechtsanwalt Peter Gietl in der Ingolstädter Fußgängerzone die Kakteen wahlfähigen Bürgern in die Hand. Unter ihnen die frisch examinierte Juristin Angela Mayr, damals 28 Jahre alt. Gietl war bei der jungen Schanzerin an der richtigen Adresse, denn sie wollte sich unbedingt politisch engagieren. Nur wo?

An die CSU hat Mayr nie gedacht. Die SPD kam für sie auch nicht infrage. "Die waren in der Zeit ein absolutes No Go!", erinnert sie sich. Die FDP? Um Gottes willen! "Die waren damals ausschließlich wirtschaftlich orientiert, nur auf Gewinnmaximierung aus, ohne jedes Interesse für Soziales." Die Grünen? Schwieriger Fall. "Ich denke in vielem sehr grün", erzählt sie. "Vor allem beim Umweltschutz. Aber als Partei waren mir die Grünen immer zu ideologisch." Und wenn Angela Mayr etwas wirklich hasst, dann sind es Dogmen, Denkmuster und andere Schemata.

Also nahm sie bei erwähnter Begegnung vor 21 Jahren - wir dürfen annehmen: in aufgeräumt-freigeistiger Stimmung - den Kaktus mit Freude an, trat schon bald den Freien Wählern bei und profilierte sich als Stütze der Partei. Als Juristin, Fachgebiet Sozialrecht, behält Mayr in den wildesten Verwaltungsvorlagen die Orientierung. Lange war sie Geschäftsführerin der FW-Stadtratsfraktion; deren Vorsitzender hieß von 2008 bis 2012 Peter Gietl. Der Mann mit dem Kaktus. Kenner der Ingolstädter Politikszene fragen sich allerdings, ob es im Wahlkampf 2008 auch noch so einfach gewesen wäre, eine Angela Mayr an Land zu ziehen; damals verteilten die FW an das Volk . . . Putzeimer in Knallorange.

Angela Mayr ist 1968 in Ingostadt geboren. 1987 machte sie am Reuchlin-Gymnasium Abitur. Jura studierte sie in Regensburg. Sie lebte in dieser Zeit ein halbes Jahr in Rom, der Stadt ihrer Träume; seither spricht sie fließend Italienisch. Am kommunalpolitischen Diskurs in Ingolstadt (der oft anmutet wie ein eskalierendes Zivilverfahren) nimmt sie rege teil, blickt aber über die lokale Ebene hinaus. "Ich war immer auch in regionalen Strukturen aktiv."

Und dort gehe es immer noch eher konträr als kooperativ zu, findet sie. Ingolstadt, Neuburg und Eichstätt sollten sich deshalb an der Seite Pfaffenhofens als ein gemeinsamer Großraum verstehen - und entsprechend präsentieren. "Wir sind eine wunderbare, attraktive Region, aber wir müssen als Gesamtheit auftreten, damit stärken wir unsere Schlagkraft." Fast wären die Wunschpartner auf dem richtigen Weg gewesen, sagt sie, doch der 2008 auf Betreiben von Audi gegründete Verein Initiative Regionalmanagement Region Ingolstadt (Irma) war "eine Totgeburt", urteilt Mayr kurz und unsentimental. "Die Idee dahinter ist aber richtig."

In Bayern sind die FW eine Kommunalmacht, aber was will ein regionaler Wählerverein auf der Bundesebene, sollte er es je bis dort hinauf schaffen? Dafür gebe es vor allem zwei Gründe, antwortet die Kandidatin: "Viele Dinge spiegeln sich von der Bundesebene eins zu eins in den Städten und Gemeinden wider." Etwa bei der Verkehrs- und Infrastrukturpolitik. "Die Kommunen können nicht alles leisten. Es darf daher nicht alles in den Städten sein, und die Kommunen fallen hinten runter."

Die Familienpolitik der Bundesregierung betreffe ebenfalls jeden Bürger direkt, sofern er Kinder großzieht. "Krippen galten in Bayern lang als linkes, ja sozialistisches Teufelszeug", erzählt Mayr und holt aus: "Als die Genoveva Miedel mit dem Verein Bürgerhilfe in den 70er-Jahren in Ingolstadt die erste Kinderkrippe eröffnet hat, wurde sie für verrückt erklärt! Heute sind Krippen Standard. Das ideologische Denken nach dem Muster ,Krippen brauchen wir nicht, weil Mutti eh daheim am Herd bleibt' hat sich zum Glück deutlich verändert."

Was würde die Freien Wähler noch für die Bundesebene befähigen? "Wir wollen eine ideologiefreie Politik!" Egal, welche Partei gute Ideen präsentiere - die Gegner werden sie aus Prinzip abschmettern, sagt Mayr, "und das kann nicht sein!" Man müsse etwa eine gewagte Forderung wie das Bedingungslose Grundeinkommen nicht gleich bedingungslos gut finden, aber das Konzept habe es verdient, dass man sich einmal damit befasst. Und man müsse es zum Anlass nehmen, "uns ernsthaft über das Thema Grundsicherung zu unterhalten". Es müsse sichergestellt werden, "dass sich spätere Rentner ihr Leben noch leisten können und sie nicht zum Nagen am Hungertuch verurteilt sind". Oder die vielen Millionen Arbeitnehmer, die sich auf dem Niedriglohnsektor verdingen müssen. Bei wie vielen könne man sich bereits heute ausrechen, dass sie im Alter ein Sozialfall sein werden? Angela Mayr befürchtet: sehr viele.

Doch auch Besserverdienende hätten Abstiegsängste, erklärt sie: "Bausparverträge werden gekündigt, Lebensversicherungen bringen deutlich weniger ein, Immobilien werden unerschwinglich - da gehen Lebenskonzepte den Bach runter! Das macht die Bürger mürbe und unzufrieden. Und das Schlimmste ist, dass sich nichts mehr berechnen lässt, weil die Regierung auch Dinge rückwirkend ändert." Gut möglich, dass Angela Mayr denen in Berlin dafür am liebsten einen Kaktus überreichen würde.