Ingolstadt: Für eine "Konsumrevolution" Roland Meier
Roland Meier
Ingolstadt

Es ist Spätnachmittag im Ingolstädter Schutterhof. Roland Meier, Direktkandidat der Linken für den Wahlkreis 216 Ingolstadt-Eichstätt, sitzt mit INTV-Redakteur Jerome Baldowski und einer zur Parteifarbe passenden roten Saftschorle am Biertisch, zwei Kameras sind auf ihn gerichtet. Zum Interview mit dem Regionalsender ist der gebürtige Ingolstädter mit dem Fahrrad gekommen - vorschriftsmäßig mit Helm. Zwischen dem Fernsehtermin und einem Wahlkampfauftritt in Eichstätt, wo Susanne Ferschl, Listenkandidatin auf Platz 3 der Landesliste der Linken, zum Thema Altersarmut spricht, ist gerade noch Zeit für einen Termin mit dem DONAUKURIER. Meiers Antwort auf die Frage im Vorfeld, wann ein Gespräch fürs anstehende Kandidatenporträt passen würde? "Am besten nach der Wahl", scherzt er am Telefon. Typisch Roland Meier.

Eigentlich könnte der Ingenieur, der vier Tage vor der Wahl, am 20. September, seinen 53. Geburtstag feiert, auch bei der V-Partei sein. Denn Meier, seine Frau und die zwei Kinder leben vegan: keine tierischen Produkte, das heißt neben veganem Essen ohne Fleisch, Milch und Eiern auch verzicht auf Leder, Wolle und Seide. Es sei sieben Jahre her, als die Tochter eröffnet habe, sie wolle sich von nun an vegetarisch ernähren, erzählt Meier. Wenn schon, dann konsequent, meinte der Rest der Familie, und Meiers Frau beschloss: "Dieser Haushalt wird ein veganer Haushalt." Die Familie stellte ihre Gewohnheiten nach und nach um. "Wir haben nichts weggeschmissen, alles wurde aufgebraucht", betont Meier. Das ist für ihn wichtig. Stichwort: Nachhaltigkeit. Die Natur und die Umwelt zu schützen und zu schätzen nimmt in der Familie einen großen Stellenwert ein. "Ich krieg einen dicken Hals, wenn vor mir jemand geht und ein Bonbonpapier wegschmeißt." So gesehen könnte Meier auch bei den Grünen sein.

Doch er hat seine politische Heimat bei der Linkspartei gefunden. Mehr oder weniger zufällig, wie er sagt. Über Facebook hatte er Kontakt zur Linken-Bundestagsabgeordneten Eva Bulling-Schröter. Beim politischen Aschermittwoch habe er sie dann persönlich kennengelernt. "Von da an bin ich regelmäßig zum Linken-Stammtisch." Worüber sie reden, wie sie reden und was sie machen, hat ihm imponiert. Meier kandidierte für die Linken bei der Kommunalwahl. Mitglied der Partei war er zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Auch andere Parteien und Gruppierungen habe er sich damals angeschaut. Die Piraten etwa, aber auch die Bürgergemeinschaft. Doch er wollte bundespolitisch tätig sein, sagt Meier. "Ich habe mich immer geärgert, wie sich die Bundespolitiker hinter der EU-Politik verstecken."

Mittlerweile ist Meier natürlich längst Parteimitglied der Linken, sogar stellvertretender Kreissprecher. Und jeden Sonntag mit seiner Frau beim veganen Mitbring-Brunch im Schutterhof. Vegan sein und Linkspartei gehen bei Roland Meier nicht nur auf seiner roten Tasche mit der Aufschrift "Hier ist die Linke", die ringsum mit Pro-Veganer-Buttons beklebt ist, eine Symbiose ein. Die Tierliebe beschränkt sich übrigens nicht nur aufs Essen: Hündin Luna (aus dem Tierheim) und zwei Katzen gehören ebenfalls zur Familie des Linken-Bundestagskandidaten.

"Sozial. Gerecht. Frieden. Für alle", steht auf dem Wahlprogramm der Linken in Kurzform. Genau diese soziale Gerechtigkeit ist es, die Meier einfordert. Die Linke, das steht für Antikapitalismus und für Aktionen gegen den US-Konzern Monsanto, in die auch Meier in den vergangenen Jahren viel Energie gesteckt hat. Der Linken-Kandidat wünscht sich "eine Konsumrevolution". Wie? "Nachhaltigkeit statt Kapitalismus."

Der Spitzensteuersatz - so das Kernprogramm der Linken - soll auf 53 Prozent erhöht werden. Weitere Forderungen: 12 Euro Mindestlohn, armutsfeste Mindestsicherung von 1050 Euro, Rentenniveau auf 53 Prozent (wie sie unter Kohl schon da war) und eine solidarische Mindestrente von 1050 Euro. Ab 65 Jahre soll man (wieder) abschlagsfrei in Rente gehen können. Auch sozialer Wohnraum ist natürlich ein Thema. 250 000 kommunale, gemeinnützige Sozialwohnungen pro Jahr fordert die Linke. "Wohnungen sind nicht zum Spekulieren da." Überdies 160 000 neue Stellen in Krankenhäusern (davon 100 000 in der Pflege), Kindergrundsicherung, sofortiges Kindergeld und fairen Handel statt TTIP, Ceta oder Tisa (ein Abkommen über den Handel mit Dienstleistungen).

Rücksicht aufeinander nehmen, das fordert Meier nicht nur im menschlichen Umgang miteinander, sondern nicht zuletzt auch im Berufsleben, wo Mitarbeiter unter Druck gesetzt und gegeneinander ausgespielt würden. Unter "Anstand" versteht er nicht, "wenn jemand wie Martin Winterkorn täglich 3000 Euro Abfindung nimmt". Viele Leute "wissen nicht mehr, wohin mit ihren Millionen", während andere auf Leiharbeit angewiesen sind. Für Meier ist so etwas "unanständig und menschenverachtend".

Sein Name steht freilich noch für ein anderes Thema. Eines, das man nicht sofort mit den Linken in Verbindung bringt: Roland Meier ist Schatzmeister im Ingolstädter Cannabis Social Club. Kämpft für die Legalisierung von Cannabis. Er findet: "Cannabisanbau muss legal werden wie der Anbau von Tomatenpflanzen." Der Staat müsse sich entgegen dem Druck der Pharmalobby überwinden, Cannabis endlich zu legalisieren. Das seit März geltende Gesetz, Cannabis unter bestimmten Voraussetzungen für medizinische Zwecke freizugeben, helfe Betroffenen nur bedingt. Das beginne schon damit, dass viele Ärzte Cannabis von vorneherein nicht verschreiben wollen. Und dann ist da noch die Hürde der Genehmigung. "Die Schmerzpatienten leiden nach wie vor", hat Meier erfahren. Für ihn ist die Freigabe für medizinische Zwecke in der jetzigen Form "ein Beispiel, wie man etwas macht, wenn man nicht will, dass es funktioniert". Ähnlich wie die Mietpreisbremse, sagt er. Deshalb ist Roland Meier dafür, dass jeder legal die Hanfpflanze anbauen darf: "Damit", sagt er, "wäre die Kuh vom Eis."