Ingolstadt: Zeit der Ratlosigkeit
Keine völlige Überraschung sind die deutlichen AfD-Zweitstimmenerfolge in den sozialen Brennpunkten mit hohem Migrantenanteil, hier zum Beispiel das Nordwestviertel rund um die Ettinger Straße (Foto). Mehr zu denken geben den Analysten der etablierten Parteien die AfD-Ergebnisse in den dörflich geprägten Außensiedlungen. - Foto: Hammer
Ingolstadt

Ingolstädter Sozialdemokraten haben im Verlieren schon eine gewisse Routine, für die örtlichen Christsozialen sind erdrutschartige Verluste hingegen eine weitgehend neue Erfahrung. Die hiesigen Verantwortlichen der beiden angestammten Volksparteien haben am Sonntag schmerzlich erfahren müssen, dass der wirtschaftliche Erfolg der Stadt in einem Wahlkampf ohne auffällige ökonomische Themen und sozialpolitische Frontlinien kein Bollwerk gegen den allgemeinen Rechtsruck sein konnte, der durch die Republik gegangen ist.

Die Sorgen, die einen guten Teil der Bevölkerung auch in der Schanz umtreiben, liegen offenbar auf einem ganz anderen Feld: In einer Stadt mit einem Migrantenanteil von inzwischen 42 Prozent und einem Abschiebelager für abgewiesene Asylbewerber vor den Toren sowie mehreren zugehörigen Außenlagern in einigen Ortsteilen werden die Themen Zuwanderung und Asylpolitik von etlichen Wahlberechtigten womöglich noch kritischer beäugt als anderswo.

Fast durchweg zweistellige Ergebnisse für die AfD im Stadtgebiet und damit zumindest für den Moment Ablösung der Sozialdemokraten als zweitstärkste politische Kraft - für eine Industriestadt durchaus bemerkenswert. Ingolstadts SPD-Chef Christian De Lapuente sprach gestern von einer Entwicklung, die bereits im Straßenwahlkampf zu spüren gewesen sei: "Die AfD ist dort besonders erstarkt, wo es den Menschen nicht so gut geht." Dass sich der Protest im Nordwesten und Nordosten der Stadt mit hohen Migrantenanteilen besonders auffällig Bahn gebrochen hat (siehe Grafik), sei dabei aber noch eher zu erklären als das überraschend starke Abschneiden der Rechtspopulisten in einigen eher bürgerlichen oder gar ländlichen Ortsteilen.

Hier nur einige besonders auffällige AfD-Zweitstimmenerfolge aus einzelnen Stimmbezirken, die nicht gerade als Ingolstädter Armutsviertel gelten: In Oberhaunstadt gab es im Bezirk 813 satte 26,1 Prozent für die neue Protestpartei, im Schützenheim Brunnenreuth (Bezirk 1061) auch noch 19,5 Prozent. Auch in Etting, klassisches Eigenheimerdomizil, wurden in den vier Urnenwahlbezirken zwischen 15,6 und 18,1 Prozent für die Alternativen am rechten Rand des politischen Spektrums ermittelt. Im Monikaviertel schnellte die AfD im Bezirk 412 gar auf 27,6 Prozent hoch - nur noch getoppt von den Spitzen aus den angestammten sozialen Brennpunkten im Nordosten und Nordwesten. Im Bezirk 334 (Schule Lessingstraße) ging es für die Rechtsaußenpartei hinauf auf 31,2, im Bezirk 232 (Sir-William-Herschel-Mittelschule) sogar auf den örtlichen Höchstwert von 35,7 Prozent.

Dass die AfD im beschaulichen Mühlhausen auf 26,4 Prozent der Zweitstimmen gekommen ist, obwohl dort (wie im gesamten ländlichen Westen der Stadt) praktisch keine Asylbewerber leben, erscheint auf den ersten Blick widersprüchlich, kann aber laut Jürgen Siebicke, hier wohnendem Stadtrat der Bürgergemeinschaft, nicht völlig überraschen: "Das hat mit Verlustängsten zu tun; die Menschen haben es meistens geschafft, sich ein Haus zu bauen, und sie befürchten, dass ihnen das bisschen Wohlstand abhandenkommen könnte." Zudem machten die Bürger in den Ortsteilen immer häufiger die Erfahrung, dass selbst kleine Projekte für die Allgemeinheit - beispielsweise im Schulbau - kaum vorankämen, während die Stadt bei allen Audi-Wünschen an die Infrastruktur sofort springe. Siebicke: "Die Leute fühlen sich verarscht."

Deutliche Worte, aber zunächst doch mehr Erklärungsversuch als endgültige Analyse. Die nämlich wird mehr in Anspruch nehmen als ein oder zwei Schnellschüsse nach dem Wahltag. Die beiden großen Parteien, das war gestern aus mehreren Stellungnahmen herauszuhören, stellen sich auf eine längere Debatte über die Ursachen des Ingolstädter Wahlergebnisses ein. Schon bei den Fraktionssitzungen gestern Abend dürfte das Thema breiten Raum eingenommen haben. Die Aufarbeitung dürfte aber Wochen, wenn nicht Monate dauern. Länger bleibt jedoch kaum Zeit, denn in Bayern lauert die Landtagswahl schon dicht hinterm Horizont - spätestens im nächsten Frühjahr sind alle ernsthaften Aspiranten schon wieder im Wahlkampfmodus.

Besonderes Interesse an geeigneten Strategien muss zwangsläufig die CSU haben, für die es 2018 im Freistaat "um die Wurscht" geht. Dass sie am Sonntag selbst in der Heimatstadt des Ministerpräsidenten so gerupft wurde, hat weithin Wellen geschlagen; auch überregionale Medien (zum Beispiel das ZDF) versuchten sich gestern durch Recherchen in der Stadt ein Bild von den Hintergründen und Auswirkungen des politischen Bebens zu verschaffen (ein weiterer DK-Stimmungsbericht findet sich heute auf Seite 3).

Um neue Strategien müssen sich vor allem die "Großkopferten" der Partei in München Gedanken machen - den gestandenen Kommunalpolitikern der Christsozialen wird die Arbeit an der Basis bleiben. "Den Leuten sind doch die Sorgen und Nöte vor ihrer Haustür oft viel wichtiger als alles andere", weiß CSU-Stadtrat Konrad Ettl, der verwundert auf die AfD-Ergebnisse im Südosten schaut. Das alarmierende Signal aus dem Monikaviertel könne auch mit der dortigen Nachverdichtung im Zuge des Zuzugsdrucks zu tun haben, mutmaßt der bürgernahe Sozialpolitiker. Die Eindrücke rund ums Abschiebelager an der Manchinger Straße seien hingegen ganz gewiss ein Thema, das bei vielen präsent sei. Ettl: "Wir müssen uns kümmern, auch um kleine Dinge - mehr können wir nicht tun."

CSU-Fraktionskollegin Chrisá †tina Hofmann hat beim Wahlkampf in ihrem Nordostviertel bis zuletzt eine gewisse Scheu der Menschen erlebt, ihre Sorgen klar auszudrücken. Dass ihrem Eindruck nach vielfach ohne Vorwarnung in der Wahlkabine Denkzettel an die bisherigen Berliner Koalitionäre ausgestellt wurden, hat sie doch etwas enttäuscht: "Diese Leute sollten besser künftig offen mit uns reden - mit denen, die auch Entscheidungen treffen."

Dass es so kommen musste, wie am Sonntag erlebt, hat SPD-Stadtrat Anton Böhm schon geahnt. Wenn er an viele vertrauliche Gespräche mit seinen Patienten denke, dann habe sich die Skepsis gegenüber der Zuwanderung und der Berliner Asylpolitik deutlich abgezeichnet, sagt der Mediziner. Gerade in seiner Partei, die bei der Bundestagswahl jetzt in der Stadt von der AfD überflügelt worden ist, habe man das wohl nicht oder erst zu spät wahrhaben wollen, so Böhm. Jetzt, so sein erstes Fazit, "müssen wir wohl ein wenig nachjustieren".