Hammer, Cornelia, Ingolstadt
Ingolstadt

Der Bub nimmt den Tennisball in die rechte Hand und zielt ganz genau. Irgendwo in die kleine Lücke zwischen Alexander Gauland und Björn Höcke. Er holt weit aus, wirft – und trifft. Die Dosen mit den Köpfen von Gauland, Höcke, auch Beatrix von Storch schleudern vom Tisch und purzeln nach hinten gegen einen Vorhang. „Dosenwerfen kommt immer gut an“, sagt Roland Meier und zieht die Mundwinkel etwas verschmitzt nach oben. Die Buben und Mädchen wissen wohl eher nicht, dass sie am Wahlstand der Linken in der Fußgängerzone auf die Bilder von führenden AfD-Mitgliedern werfen – und die Eltern scheint es nicht zu interessieren. Die Dosen seien neu, erzählt Meier, der Direktkandidat für den Bundestag. Etwas Provokation kann schließlich nicht schaden.

Reinhard Brandl (CSU) tickt da anders. Er sitzt bereits im Bundestag und arbeitet für eine neue Legislatur. Am Vormittag war er bereits in Gaimersheim, nun in der Innenstadt, dann geht es gleich weiter nach Zuchering. Haustürwahlkampf. Die Themen, mit denen er auf seiner Tour konfrontiert wird, sind erstaunlich konkret, bedenkt man, dass er in Berlin wirkt. Die Menschen sorgen sich um die Luftqualität in Ingolstadt, sie fordern mehr Sportunterricht an den örtlichen Schulen und ein junger Vater ist extra gekommen, um Brandl von seinen Problemen als Schichtarbeiter mit der Anrechnung des Elterngeldes zu berichten. Und was ist mit Trump, Erdogan oder Nordkoreas Raketen? Auch das werde angesprochen, sagt er. Und das Thema Flüchtlinge und Asylpolitik spielt in den Köpfen der Bürger nach wie vor eine große Rolle. „Die Menschen erwarten Sicherheit und Stabilität“, glaubt Brandl und versucht, ihnen genau das zu vermitteln. Innere Sicherheit, auch die Sicherheit der Arbeitsplätze. Er sieht die Gefahr der Spaltung in unserer Gesellschaft. Die Kunst sei es, das zu verhindern und eine Politik zu betreiben „für die Mehrheit der vernünftig denkenden Menschen“.

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Dass es nicht einfach ist, die Wähler für sich zu überzeugen, zeigt die hohe Zahl der unentschlossenen Bürger, die eine Woche vor dem Urnengang nicht wissen, wo sie ihr Kreuz machen werden. Zu ihnen gehört auch ein Beamter aus Ingolstadt. „Ich bin total unentschieden“, sagt er. Zwölf Jahre Merkel seien eigentlich genug, sagt er, aber die Alternative? Er hat sich in den vergangenen Wochen viel damit befasst. Er ist unzufrieden mit der Flüchtlingspolitik. „Da ist einiges schief gelaufen.“ Auch beim Thema Pflege gebe es gehöriges Verbesserungspotenzial. Im Bekanntenkreis kennt er einen Pflegefall und bekommt die Misere aus erster Hand mit.

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Das bestätigt auch der Linke-Kandidat Meier. Pflege und Rente seien Themen, auf die er häufig angesprochen werde, sagt er. Auch er macht eine gewisse Unzufriedenheit bei den Menschen aus. Es missfalle den Bürgern, dass die nächste Große Koalition bereits ausgemachte Sache sei, glaubt er.

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Eine junge Mutter aus dem Raum Eichstätt hat sich immerhin so weit festgelegt, dass sie sich nur noch zwischen zwei Parteien entscheiden will. Aber welcher? „Das werde ich wohl spontan entscheiden“, sagt sie. Etwas weiter ist da schon eine Erstwählerin. Sie stammt aus München, lebt jetzt aber in Ingolstadt. Sie hat ihre Stimme per Briefwahl bereits abgegeben. Aber auch ihr ist die Entscheidung schwer gefallen. „Ich habe versucht, die Wahlprogramme der Parteien zu lesen. Aber es steht doch in jedem das Gleiche drin“, erzählt sie. Mit dieser Einschätzung ist sie wohl nicht alleine.

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Denn Bundestagskandidat Jakob Schäuble (FDP) hat die Erfahrung gemacht, dass viele glauben, dass sich die Positionen kaum unterscheiden. Das sei dann ein guter Ansatzpunkt, den Menschen die Unterschiede klarzumachen, sagt er. Trotz des schlechten Wetters zieht er eine positive Bilanz. Der Einsatz in der Innenstadt habe sich gelohnt, glaubt er. „Es sind überwiegend Leute gekommen, die sich noch nicht entschieden haben.“ Ob er sie von der FDP überzeugt hat? „Ich habe versucht, rational zu argumentieren.“ Ob das gereicht hat, weiß er nicht mit Sicherheit. Aber er ist zumindest sicher, den ein oder anderen zum Nachdenken gebracht zu haben. Trotz dieser Fragen und Diskussionen am Stand, geht Schäuble davon aus, dass viele ihre Stimme bereits per Briefwahl abgegeben haben.

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Von einer anderen Erfahrung berichtet Werner Widuckel (SPD). Bemerkenswert fand er es, dass einige Bürger gezielt zu ihm gekommen sind, um ihn kennenzulernen, den Direktkandidaten. „Sie wollten wissen, was ich für ein Mensch bin“, erzählt er. Sie stellten Fragen nach seiner Motivation, nach seiner Erfahrung. Viele Bürger hätten auch ihre Zukunftssorgen geäußert. Während frühere Generationen es beinahe als selbstverständlich erachteten, dass es ihren Kindern und Enkeln einmal besser gehen werde als ihnen selbst, ist diese Zuversicht laut Widuckel geschwunden. Die Menschen, die zu ihm an den Stand gekommen sind, wollten reden. Und sich informieren, weil sie offensichtlich unentschlossen sind. „Ich habe bei vielen keine feste Parteipräferenz festgestellt“, sagt der Sozialdemokrat. Da seien keine Wutbürger unterwegs gewesen, die sich austoben wollen, sondern interessierte Bürger.

Ein paar Meter weiter, am Stand der Linken, liegen die Dosen mit Gauland, Höcke und Co. am Boden. Der Bub freut sich, dass er sie so gut getroffen hat. Mit einem Luftballon und einem kleinen Präsent zieht er mit seinen Eltern weiter. Derweil stellt ein Linker die Rechten wieder auf, ehe sie erneut vom Tisch gefegt werden – immer und immer wieder.