Die Zahlen, die SPD-Bundestagsabgeordneter Ewald Schurer bei einer Veranstaltung in Ingolstadt nannte, lassen aufhorchen: 2025 werden in Deutschland 152 000 Pflegekräfte fehlen. Die Zahl der Pflegebedürftigen steigt im Gegenzug an. 2025 werden statt rund 2,5 Millionen derzeit etwa drei Millionen Menschen pflegebedürftig sein. 2050 steigt die Zahl sogar auf 4,35 Millionen.

Sind es in Zukunft Roboter, die die Menschen in den Heimen versorgen werden? Ein Ingolstädter, der sich wie kaum ein anderer in der Telemedizin auskennt, glaubt das nicht: Roboter könnten nur eine zusätzliche Entlastung für das Pflegepersonal sein, etwa beim Heben von Patienten, meint Siegfried Jedamzik. Der Allgemeinarzt aus Ingolstadt ist nicht nur Mitentwickler der elektronischen Gesundheitskarte (eGK), er ist auch Geschäftsführer der Bayerischen Modellregion Telematik, kurz Baymatik, die zur Einführung der eGK in der Region gegründet wurde, sowie der in Ingolstadt ansässigen Bayerischen Telemedallianz, die die Telemedizin im Freistaat vorantreiben soll. Darüber hinaus ist er Vorsitzender des regionalen Praxisnetzes GOIN sowie des Ärztenetzwerk-Zusammenschlusses Medibund Bayern und betreibt im Nordosten Ingolstadts mit zwei weiteren Medizinern eine hausärztliche Gemeinschaftspraxis. Was hält der "Papst der Telemedizin", wie Jedamzik (67) von manchen genannt wird, vom Pflegeroboter Robbe, der 2008 in Japan entwickelt wurde und eine Art elektronisches Haustier sein soll? Die Robbe, meint er, komme bei den Senioren gut an. "Die ist schön kuschelig und hat solche Glupschaugen." Dennoch sei ihm persönlich ein Pflegeheim, das Hunde oder Katzen zulässt, lieber.

2025 wird die elektronische Gesundheitskarte, deren Einführung sich seit Jahren hinzieht, voll funktionsfähig sein. Ab 2019 sind Ärzte und Apotheker verpflichtet, darauf den Medikationsplan zu speichern. Dies bringe zusätzliche Sicherheit, was Wechselwirkungen von Medikamenten anbelangt. Das sei "die DNA der elektronischen Gesundheitskarte". Auch Arztbriefe und Notfalldaten werden in der Patientenakte gespeichert sein. Gesundheitsapps seien zunehmend im Kommen, schon jetzt gebe es rund 300 000. Bis zum Jahr 2020 könne der Hausarzt auf Teledermatologie zurückgreifen. "Wenn ein Patient zu mir kommt, kann ich ein Bild an den Dermatologen schicken." In Altenheimen wird es für unmobile Menschen mobile Augenuntersuchungen geben.

Das Klinikum testet zurzeit den Roboter RP-Vita, von Geschäftsführer Heribert Fastenmeier "Robby" genannt. Er soll Spezialisten im Bereitschaftsdienst die Arbeit erleichtern, die über Bildschirm mit dem Patienten kommunizieren können. Der Roboter rollt wie von Zauberhand geführt ins Krankenzimmer. Theoretisch. Denn an der Zimmertüre ist erst mal Endstation. In der Notfallklinik verlief der Test deshalb schwierig. Alle Türen mussten von Hand geöffnet werden. "Bei unserer heutigen Baulichkeit ist die Nutzbarkeit fraglich", so Fastenmeier. Besser geeignet ist die fast türlose Intensivstation. Ende Juli läuft die Testphase aus. Dann wird entschieden, ob und in welchem Bereich "Robbys" Einsatz etwas bringen könnte. Die Bildqualität jedenfalls sei "phänomenal".

Demnächst soll im Klinikum eine Medical-App eingeführt werden. Sie soll Patienten angeboten werden, damit diese in der Nachsorge mit dem Klinikum Kontakt halten können, etwa nach einer ambulanten Operation. Interessant sei die App auch für Schwangere oder Chroniker. 2025 wird es noch viel mehr Apps am Klinikum geben: darunter eine Welcome-App, über die die Aufnahme im Krankenhaus geregelt werden kann.

Und dann wären da noch die Probleme in Notaufnahme und Notfallpraxis, die sich, wie alle Kliniken in Deutschland, schon jetzt vor Patienten nicht retten können - weil immer mehr von ihnen keine Notfälle sind. Jedamzik will dieses Problem, wenn ein Testlauf am Ingolstädter Klinikum zustande komme und erfolgreich sei, für ganz Deutschland lösen. Schon jetzt, nicht erst 2025! Ein Callcenter, in dem Menschen anrufen und ihre gesundheitlichen Probleme schildern können, wie es in England und der Schweiz bereits erfolgreich gehandhabt werde, soll die Lösung sein. Die Anrufer erfahren, ob es nötig ist, sofort die Notaufnahme aufzusuchen, oder ob sie am nächsten Tag zum Hausarzt gehen können. Schildert der Anrufer etwa Symptome für einen Herzinfarkt, werden umgehend Rettungsdienst und Krankenhaus informiert. Zwei Dinge sind laut Jedamzik wichtig, damit dieses System funktioniert: fachlich geschultes, gut ausgebildetes Personal und ein streng nach Vorgabe abzuarbeitender Fragenkatalog. "Es geht nur um eine qualifizierte Beratung, nicht um Diagnose", erklärt Jedamzik. Er selbst war zwei Tage in der Schweiz und hat den Mitarbeitern des Callcenters über die Schulter geschaut. "Ich war beeindruckt, mit welcher Ruhe und Sachlichkeit die kommunizieren." In der Schweiz gab es laut Jedamzik bei sechs Millionen Anrufern keine einzige Klage. 62 Prozent der Anrufer konnten sich selbst behandeln, zehn Prozent mussten sofort zu einem Haus- oder Notarzt. Bei nur einem Prozent war die sofortige Einlieferung in eine Klinik notwendig. In 14 Tagen stellt Jedamzik das Konzept den Führungskräften des Klinikums vor. Dann soll entschieden werden, ob das System ein Jahr lang in Ingolstadt erprobt werden soll. "Ich bin absolut überzeugt, dass das ein Erfolg wird", sagt Jedamzik. "Dann ist das die Lösung des deutschen Notfallproblems."