Ingolstadt: Aus der Steckdose zum Mond
Blick ins Elfen-Notizbuch: Xinyi Liao hat über ein Jahr hinweg Alltagsdinge fotografiert und in wundersame Wesen verwandelt (oben). In Vronis Ratschhaus in Ingolstadt stellt die junge Künstlerin bald aus. Ihre Zeichnungen (unten) zeigen eine andere künstlerische Facette. - Fotos: Eberl
Ingolstadt

Die Frage, ob das Kunst ist, muss der Betrachter selbst entscheiden. Dazu besteht ab Freitag, 17. November, Gelegenheit, wenn die 32-jährige Künstlerin und studierte Designerin, die aus China stammt und in Ingolstadt lebt, einen Teil ihrer Werke in Vronis Ratschhaus ausstellt und verkauft.

Liaos Elfen-Notizbuch ist eine Gegenüberstellung von dem, was ist, und dem, was sie darin sieht. Wer in den aufwendig gestalteten Bänden blättert, entschwindet aus dem grauen Alltag in eine farbenfrohe Fantasiewelt, wo aus einer normalen Straßenlaterne ein überirdisches Wesen mit einem überlangen Hals und einem übergroßen Auge wird. Damit blickt es in die Nacht. Eine schmucklose Bürodecke mit grellen Strahlern verwandelt sich in zwei geflügelte Wölkchen mit Heiligenschein. Die bunten Zeichenstifte auf dem Schreibtisch sehen aus wie Sonntagsspaziergänger. Ein Gebäude, ein Gartenzaun oder ein matschiger Schneerest - alles mutiert zu wundersamen Wesen. Babys mit Koboldohren wachsen wie Früchte an Bäumen oder schlüpfen aus Eiern.

Es ist die Welt, wie sie Xinyi Liao gefällt. "Vielleicht habe ich mir ja zu viele Comics und Animationsfilme angeschaut", lacht die 32-Jährige über ihr eigenwilliges Kunstprojekt. Aber sie ist überzeugt: "Jede Sache hat ein Leben, ein Gefühl." Sie blickt genau hin, erkennt und erfindet eine lustige Geschichte: "Diese alte Lampe - wo stand sie einmal? Was hat sie alles gesehen" So lässt sie ihre Gedanken schweifen und den Stift über das Papier streifen. Das alles hört sich einfach an, ist es aber nicht. "Ein Jahr lang, 365-mal täglich eine Elfe zu suchen und zu malen, das ist schon eine große Herausforderung", betont die Künstlerin ernst.

Die zierliche Chinesin steckt voller Energie und Schaffenskraft. Unter den vielen Skizzenbüchern und Zeichnungen kramt sie ihren Lebenslauf hervor, denn sie will sich in ihrer neuen Heimat eine berufliche Zukunft aufbauen. Xinyi Liao stammt aus der Millionenstadt Zhuzhou in der Provinz Hunan - das heißt übersetzt "südlich des Sees". In China hat sie erst Verpackungsdesign studiert und ihren Bachelor gemacht. 2012 kam sie nach Deutschland, heiratete zwei Jahre später ihren chinesischen Mann. "Ich musste fast alles von null anfangen", sagt sie. Sie büffelte Deutsch. Und sie besuchte an der namhaften Hochschule für Gestaltung Offenbach (HfG) die Klasse für Kommunikationsdesign des bekannten Grafikers Klaus Hesse.

Als man ihr erklärte, Ingolstadt sei eine Großstadt, musste sie schmunzeln. Für chinesische Maßstäbe, verglichen etwa mit der riesigen Industriestadt Zhuzhou, ist die Schanz ein Nest. "Ingolstadt ist klein, ruhig, und die meisten Leute sind freundlich", meint Liao. "Ich liebe die Stadt." Dann kramt sie wieder herum und zieht ihre Zeichnungen hervor: das Kreuztor, eine Gruppe Menschen an einem Tisch. Gerade diese ausdrucksvollen Menschenbilder, häufig entstanden bei zufälligen Begegnungen, zeigen Liaos geschulten Blick.

Vor drei Monaten fasste sie den Entschluss, sich selbstständig zu machen. Sie malt, putzt Klinken. Bietet ihre Kunst an, suchte Kooperationspartner. Auch für ihre neuestes Projekt: ein Imagedesign für Ingolstadt. Sie will Tücher und T-Shirts bedrucken, Motive für Postkarten entwerfen oder auch Handyhüllen. "Handyschuhe", sagt sie dazu. Ein Kinderbuch über die Geschichte Ingolstadts plant sie ebenfalls. Vorerst gibt sie Malkurse für kleine Kinder.

Xinyi Liao ist Mitglied des Berufsverbands Bildender Künstler und der Allianz Deutscher Designer. Und sie spielt Tischtennis beim TV 1861 Ingolstadt - wie es sich für eine Chinesin gehört. Es versteht sich von selbst, dass in dem Notizbuch auch eine "Pingpang"-Elfe auftaucht. Sie schaut allerdings etwas grimmig drein.