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18.02.2008 20:34 Uhr | 308x gelesen
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Immer ein paar Nasenlängen voraus


Bild: Immer ein paar Nasenlängen voraus .  Ingolstadt (DK) Heiko Lüßmann-Geiger entgeht nicht die kleinste Duftwolke: Sein Geruchssinn ist hoch entwickelt. Der 46-Jährige leitet für die Audi-Qualitätssicherung ein Team, das unangenehme Ausdünstungen aufspürt. Für den DK hielt er in der Stadt seine Nase in den Wind – und witterte so manche Überraschung.

Ingolstadt (DK) Heiko Lüßmann-Geiger entgeht nicht die kleinste Duftwolke: Sein Geruchssinn ist hoch entwickelt. Der 46-Jährige leitet für die Audi-Qualitätssicherung ein Team, das unangenehme Ausdünstungen aufspürt. Für den DK hielt er in der Stadt seine Nase in den Wind – und witterte so manche Überraschung.



Die Blumen in den City-Arcaden kann der Experte nur aus der Nähe genießen. Wegen des dominanten Mischgeruchs in vielen Einkaufszentren gingen die Duftstoffe meist recht schnell unter, erklärt er.
Dollstraße, früher Nachmittag, kaum zwei Grad über Null: Es riecht nach Fisch. Mit jedem Meter gewinnt das maritime Odeur an Penetranz. Doch keiner bemerkt es. Die Intensität ist zu niedrig für Normalriecher. Heiko Lüßmann-Geiger rümpft als einziger die Nase. Wegen des Gestanks. Er hat den Fisch längst gewittert, denn der 46- Jährige ist ein Superriecher. Experte für Olfaktorik heißt das im Fachjargon. Sein Gespür für Düfte und Ausdünstungen aller Art ist sensationell entwickelt.

Lüßmann-Geiger könnte bei Thomas Gottschalk auftreten und wetten, dass er es schafft, einen gebackenen Waller 500 Meter gegen den Wind zu erschnuppern. Oder einen Döner Kebab. Wobei: Das wäre fast zu leicht. "Wegen des hohen Fettanteils riecht Döner wesentlich intensiver als andere Speisen." Entsprechend hartnäckig hängt er in der Luft. Daher zählt Döner-Dampf zwar zu den olfaktorischen Gemeinschaftserlebnissen, aber der Mann mit der trainierten Nase nimmt dafür früher Witterung auf als andere.

Seine ganz besondere Gabe hat den Diplom-Chemiker beruflich auf die richtige Fährte gebracht: Er leitet bei Audi das sechsköpfige Geruchsteam, das von allen nur Nasen-Team genannt wird und als Spezialeinheit der Qualitätssicherung gilt. Der Auftrag lautet, alle der bis zu 500 Bauteile, aus denen sich ein Wageninneres gemeinhin zusammensetzt, auf störende Gerüche zu untersuchen und damit in der Entwicklungsphase eines Fahrzeugs den Komfort für die Kunden zu optimieren. Ein unangenehmer Geruch, erklärt Lüßmann-Geiger, provoziere negative Assoziationen, die sich im schlimmsten Fall ein Leben lang mit diesem Wagentyp verbinden. Wer je in einem Audi saß, soll die Marke in guter Erinnerung behalten. Doch sobald stinkende Fußmatten oder die oft penetrante Duftnote von Kunststoff die Aura des Autos trüben, bleibe der Sinn für die Stärken auf der Strecke, sei es die Motorleistung oder das Design. Salopp gesagt: Das Auge riecht mit.

Gestank trübt die Optik

Gestank darf die Optik nicht trüben. Diese Erkenntnis erwähnt Lüßmann-Geiger auch auf dem Rathausplatz. Den Geruch dort findet er nämlich in Ordnung. Grinsend fügt er an: "Es wäre schlimm, wenn’s hier auch noch stinken würde." Im Vorraum der Sparkasse, wo die Automaten stehen, nimmt der Experte "einen eher unangenehmen Mischgeruch" wahr. Im Schalterbereich mit dem Steinfußboden schlägt das Unwohlsein in Behaglichkeit um.

Im Gegensatz zum Westpark, erzählt Lüßmann-Geiger. "Der ist sehr kompakt gebaut, da ist alles intensiv, da treffen zu viele Gerüche zusammen." Ähnlich in den City-Arcaden, wo er bei seiner Runde Blumen und Bücher ("Bildbände rieche ich am liebsten, wegen der großen Fotos") nur aus der Nähe in all ihrer olfaktorischen Pracht genießen kann, denn der Duftmix in dem Gebäudekomplex verhindert, dass die charakteristischen Gerüche der Blüten oder der Druckerfarben recht weit kommen. In den weitläufigen Shopping-Malls, wie er sie aus den USA kennt, sei die Luftmischung besser und damit das Erlebnis für Superriecher wie ihn wesentlich interessanter.

Der wichtigste Faktor für ein ansprechendes Raumklima, erklärt Lüßmann-Geiger, sei eine gute Lüftung. "Der Geruch, der reingebracht wird, muss auch wieder raus, und zwar am besten dezent." Zug dürfe deshalb auch nicht entstehen.

Noch ein wichtiger Faktor: die Teppiche. Die mit Schaumrücken riechen intensiver als Exemplare mit Juterücken. Den Unterschied erkennt er schnell. Lüßmann-Geiger macht keiner etwas vor, seiner Spürnase entgeht nichts: "Ich merke es auch gleich, wenn ich heimkomme und die Kellertür ist offen."

Nächste Station: Theresienstraße. Aus dem alten Volksfürsorgehaus, das derzeit Handwerker in der Mangel haben, zieht eine wenig anheimelnde Wolke herüber. Der Laie ahnt: Das kommt von den Schleifarbeiten. Der Chef-Schnupperer von Audi ergänzt: "Es ist das Öl, das den Geruch verursacht, denn Metall riecht nicht."

Um so mehr der Bauernlaib, den er in einer Bäckerei beriecht. Kümmel, Fenchel, Koriander steigen ihm in die Nase, allerdings gleichzeitig. "Bei Gewürzmischungen die einzelnen Stoffe zu erkennen, ist schwer."

Dafür fällt ihm in der Hohe-Schul-Straße sofort auf, dass irgendwo ein Anlieger etwas im Ofen einschürt, das sich noch zum allgemeinen Ärgernis entwickeln dürfte. Denn es stinkt. Gescheit sogar. Sagt zumindest der Experte. Da erst merken es die Umstehenden. Bald schafft es der bedenkenlose Heizer, sogar den Geruch zu überlagern, der den Dunstkreis der Hohen Schule bis dato dominiert hatte: altes Öl parkender Autos.

Auch wenn dieses Odeur weniger zum Verweilen einlädt, nutzt Lüßmann-Geiger die Gelegenheit, für ein sinnliches Erlebnis zu werben, das Nase-in-die-Luft-halten auch Laien bieten kann: "Man muss nur mal kurz inne halten und sich konzentrieren, dann merkt jeder, welcher Geruch an einem Ort dominiert." Wer dieses sinnerfüllte Testschnuppern eifrig wiederhole, werde feststellen: "Es riecht jede Minute anders."

Trotz aller Ermutigung weiß der Experte, dass er allen weniger Sensiblen in der Olfaktorik immer mehrere Nasenlängen voraus sein wird. Dafür leidet er mehr, wenn’s mal so richtig stinkt. Alle Stoffe, die seine Auffassungsgabe bei der Arbeit beeinträchtigen würden, kann er (das trifft sich gut) auch privat überhaupt nicht riechen: Knoblauch, Kaugummi, Kohl (den er zu den penetrantesten Stinkern zählt), Deo, Parfüm. Rasierwasser – "alles ganz schlimm".

Und man stelle sich vor, was ein sensibler Genießer wie Heiko Lüßmann-Geiger durchmachen muss, wenn er Rauchern, Knoblauchfreunden oder ungeduschten Mitbürgern zu nahe kommt. "Da riech ich dann immer ganz schnell weg!"

 

Von Christian Silvester

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