"Ich hatte eine diebische Freude, den Vorstand abzuwatschen"
Ingolstadt (DK) Ihr Altersunterschied beträgt 52 Jahre, und die Arbeitswelten, von denen sie berichten, könnten konträrer kaum sein: Fritz Böhm, geboren 1920, Chef des Betriebsrats bei Audi von 1950 bis 1985, und Peter Mosch, Jahrgang ’72, der den Gesamtbetriebsrat seit 2006 leitet.

Die erfolgreiche Geschichte der Mitbestimmung: Junge Audi-Auszubildende haben die Wanderausstellung "60 Jahre Arbeitnehmervertretung" erstellt, die gestern erstmals gezeigt wurde.
Im Gespräch mit DK-Redakteur Christian Silvester erzählen der Ehrenbürger und der junge Spitzenfunktionär, der den Aufsichtsräten von Audi, VW und Porsche angehört, die Geschichte von 60 Jahren Mitbestimmung am Standort Ingolstadt.
Herr Böhm, bitte noch mal für die Enkel-Generation: Wie darf man sich die Anfänge der Auto Union vorstellen?
Fritz Böhm: Die Arbeitsbedingungen waren unvorstellbar. Es ist für mich ein kleines Wunder, wenn ich mir heute ansehe, was aus diesem Unternehmen geworden ist. Es ist nicht zu fassen, wenn Sie sich vorstellen: Wir haben damals Motorräder und den Schnelllaster gebaut – ohne Presswerkzeuge. Die Laster wurden einfach zusammengeschweißt, die Frontpartie wurde über Holz geklopft – und fertig war die Karosserie. Das Schönste war ja, dass alles im zweiten Stock des Zeughauses (die heutige Berufsschule I, d. Red.) geschweißt wurde – über Kopf! Acht Stunden lang! Dann haben die Leute alles die Treppen runtergetragen, wo teilweise im Freien montiert wurde.
Welche war Ihre erste Aufgabe im Unternehmen?
Böhm: Ich war Arbeiter im Rohrlager und musste das Gewicht mit Tabellen in Längen umrechnen. Mein erster Stundenlohn betrug 77 Pfennige. Auf dem Buckel habe ich für die gesamte Motorradproduktion – das waren damals garantiert schon um die 400 Motorräder, die RT125 und die RT175 – die Rohre in die Produktion getragen, bis ich mir dafür selber eine Karre zusammengebaut habe. Nur als Beispiel. So waren die Arbeitsbedingungen generell. Die Kollegen mussten sich ihr Werkzeug kaufen, weil das, was sie von der Firma bekommen haben, unbrauchbar war. Die Unternehmensleitung hat gar nichts dabei gefunden. Kurz: Die Anfangsjahre waren voller Schwierigkeiten und Entbehrungen. Ich bin mir sicher: Wären das nicht Leute gewesen, die vorher durch Krieg und Gefangenschaft gegangen sind, dann hätten die diese Arbeitsbedingungen nicht akzeptiert. Aber im Vergleich zur Gefangenschaft war das Gold.
Beste Voraussetzung für den Aufbau eines Betriebsrats. Wie sind Sie dazu gekommen?
Böhm: Uns hat die Arbeit der IG Metall nicht so gepasst. Und da haben wir eine Oppositionsliste aufgestellt, was heute zum Rausschmiss aus der Gewerkschaft führen würde. Mit unserer zweiten Liste sind wir knapp gewählt worden. Kaum hatten wir uns einigermaßen etabliert, ging es 1954 mit dem großen Metallerstreik los. Nun hatten beide Seiten keine Erfahrung in Arbeitskämpfen. Auch das Klima war damals gar nicht mit heute vergleichbar. Es herrschte eine Art Klassenkampfatmosphäre. Der Arbeitgeber, das war der Böse, und die Gewerkschafter, das waren die Radikalen, durchsetzt mit Kommunisten und Revoluzzern. Der Streik wurde mit einer unerhörten Erbitterung geführt – auf beiden Seiten. Richtig feindselig. Die Gegenseite hat gedroht, dass die Leute aus den Werkswohnungen rausgeschmissen werden. Die Personalabteilung hat Trupps zu den Arbeiterfrauen geschickt, um die weich zu klopfen, und die haben wieder auf die Männer eingewirkt. Vor den Toren wurden Streikbrecher verprügelt, und die Firma hat alle möglichen Löcher aufgerissen, damit die Streikbrecher ins Werk kamen. Aber das hat ihnen nicht viel geholfen.
Solche Aufbauarbeit musste Ihre Generation nicht mehr leisten, Herr Mosch. Welche sind die größten Herausforderungen der Gegenwart?
Peter Mosch: Von meinen Vorgängern haben wir ein sehr gutes Fundament bekommen. Aber: Man muss zu jeder Zeit Antworten finden auf die Gegebenheiten, die es in der Industrie gibt, auf die Gegebenheiten, die es in einem Unternehmen gibt, und auf die Ansprüche, die die Menschen haben. Wenn ich das Spektrum der 20 Jahre, die ich bei Audi bin, betrachte, so habe ich zwei Arbeitskämpfe miterlebt, die für mich sehr prägend waren: 1995 der Bayernstreik und die Warnstreiks 1999/2000. Der Unterschied ist, dass sich die Taktik der Gewerkschaften verändert hat, und dass Großbetriebe wie Audi im Grunde nur in Warnstreikphasen mit drin sind. Wir bereiten uns zwar immer auf einen eventuellen Streik vor, aber den großen Schwur mussten wir Gott sei Dank die letzten Jahre nicht ablegen.
Was unterscheidet Ihre Arbeit im Wesentlichen von der zu Zeiten des Fritz Böhm?
Mosch: Die Rahmenbedingungen. Wir haben die Globalisierung, die uns stark prägt, und die Internationalisierung, das heißt: Wir müssen uns auch mit unserer Betriebsratsarbeit öffnen und uns mit den Kollegen aus Györ oder Brüssel zusammenschließen. Diese internationale Solidarität müssen wir noch ein Stück aufbauen. Unwahrscheinlich prägend ist, dass die Absatzmärkte immer weiter von Europa weggehen. Das bestimmt auch unsere Arbeit, weil bei uns die Ängste mitschwingen, was das in zehn oder 20 Jahren für Produktionsorte bedeutet. Bisher haben wir in Deutschland von jedem Audi-Auslandsstandort profitiert. Um es zusammenzufassen: Wir treten an, um Beschäftigung zu sichern. Zur Zeit von Fritz Böhm war dagegen der Aufbau der große Meilenstein. Wenn man anschaut, wie sich seitdem die Arbeitsbedingungen und die technisierten Möglichkeiten verändert haben, ist das kein hundertprozentiger Unterschied, sondern ein tausendprozentiger.
Welche Fähigkeiten muss ein guter Betriebsratschef zu allen Zeiten mitbringen?
Böhm: Er muss eine gute Auffassungsgabe haben, denn es stürmen ja auf ihn Probleme ein, auf die er überhaupt nicht vorbereitet ist. Dann muss er ein Kämpferherz haben, muss bereit sein, Risiken einzugehen. Dann muss er vor allem die Fähigkeit haben, Menschen für sich zu gewinnen und sie auch entsprechend einzusetzen. Ein Betriebsrat muss den Versuch machen, seine Ideen in die Leute hineinzubringen, dafür sorgen, dass alles umgesetzt wird – und die Fähigkeit haben, es zu kontrollieren. Ich war jahrelang ein Einzelkämpfer und konnte zunächst nur mit den Kollegen arbeiten, die in den Betriebsrat gewählt wurden, und das waren nicht unbedingt immer die fähigsten, sondern auch jene, die die besten Witze erzählen konnten und beim Saufen mitgehalten haben.
Mosch: Wichtig ist außerdem die Überschrift: "Wir als Arbeitnehmer müssen auch heute noch unsere Erfolge erkämpfen." Es wird einem nichts geschenkt. Und die Unternehmerseite ist freiwillig nicht bereit, bestimmte Dinge herzugeben. Als Betriebsrat muss man daher in allen Hierarchien unterwegs sein, von den Beschäftigten im Presswerk bis in die Vorstandsetagen. Dabei darf man keine Angst vor den Hierarchien haben.
Böhm: Also die habe ich nie gehabt. Ganz im Gegenteil, ich hatte manchmal eine diebische Freude, den Vorstand abzuwatschen und die Brüder bei Versammlungen ins Messer laufen zu lassen. Gut, das war ab und zu nicht ganz fair . . .
Mosch: In Betriebsversammlungen entsteht ja oft eine Eigendynamik, und da wird dann der Vorstand mit dem einen oder anderen Thema konfrontiert, das er nicht so gerne hört. Aber das muss er aushalten. Da habe ich auch manchmal eine diebische Freude: Als Betriebsratsvorsitzender lasse ich mir nicht vorschreiben, was ich auf einer Betriebsversammlung zu sagen habe! Und dieses Recht nehme ich mir weiterhin!
Böhm: Man muss ja auch ab und zu mal einen Spaß haben.
60 Jahre Produktion in Ingolstadt – was spricht heute noch für diesen Standort?
Böhm: Durch die Modellpolitik von Ferdinand Piëch hat sich Audi so gut entwickelt, dass schon seit 20 Jahren Ergebnisse erzielt werden, die in beachtlichem Maße zu VW gehen. Audi ist eine Perle des VW-Konzerns! Wir haben 2008 mehr Geld verdient als VW! Am Standort Ingolstadt hat sich gezeigt, dass die Mannschaft, von der Führung bis hinunter, hoch qualifiziert und hoch motiviert ist. Man kann sagen: Die Audi-Leute haben sich noch nie so stark mit dem Produkt und der Firma identifiziert wie heute.
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