Dabei sei die jetzige Situation "nicht wie ein Gewitter über uns gekommen". Der Professor verwies auf zahlreiche Veröffentlichungen, Mahnungen und Warnungen aus der Wissenschaft der vergangenen Jahrzehnte (Bade: "Literaturkenntnis schützt vor Neuentdeckungen") und konstatierte ein langes Versagen der Politik.

Die kaum überschaubare Vielfalt an Zuständigkeiten rund um Flucht und Migration in den Bundesministerien belege, dass die Politik die Größe dieser Aufgabe lange falsch eingeschätzt habe. Bade plädierte stattdessen für ein eigenes Migrations- und Integrationsministerium - samt passendem Gegenstück auf europäischer Ebene. "Bloße Abschottung ist kein Ersatz für eine notwendige Migrationspolitik." Die Annahme sei falsch, man müsse die Bedingungen für Asylbewerber verschärfen, um einen nennenswerten Rückgang der Zuwanderer zu erzielen.

"Die Änderungen in den Statistiken gehen nicht auf solche Maßnahmen zurück, sondern auf den Verlauf der Krisen in den Herkunftsländern." Es seien regional und international abgestimmte Strategien notwendig. "Solange nicht an den Fluchtursachen gearbeitet werde, ist die reine Abwehr von Flüchtlingen ein Skandal. Wir müssen lernen zu teilen. Bloß zu spenden heißt noch nicht zu teilen."

Auch wenn es durch eine Zunahme an Übergriffen auf Flüchtlinge eine düstere Gegenwelt zur Willkommenskultur gebe, wertete er die Hilfsbereitschaft der Bürger als "stille soziale Revolution". Bürger zeigten, dass sie das Heft in die Hand nehmen könnten, um Probleme anzugehen. Zuwanderung könne für das "vergreisende Paradies im Zentrum Europas" demografisch nur hilfreich sein. ‹ŒFoto: M. Schneider