Ingolstadt: Wahrzeichen des Neuen Schlosses: die verzierten Kanonen.
Wahrzeichen des Neuen Schlosses: die verzierten Kanonen. Hier wollte der Förderverein des Armeemuseums in zwei Wochen 50. Jubiläum feiern. Doch wegen des Konflikts um die rechtsradikalen Schriften wird daraus erst mal nichts.
Hammer
Ingolstadt

Es drohte Krieg in festlichem Rahmen. Am 28. Oktober wollte der Verein der Freunde des Bayerischen Armeemuseums das 50. Jubiläum seiner Gründung feiern. Im Neuen Schloss. Doch in der einstigen Herzogsresidenz blickte man diesem Jubeltag mit großem Unbehagen entgegen. Denn das Verhältnis zwischen dem Leiter des staatlichen Museums, Ansgar Reiß, und dem Vorsitzenden von dessen Förderverein, Ernst Aichner, gilt seit der Berufung des heutigen Direktors als zerrüttet; das war 2010. Reiß' Vorgänger hieß Aichner. Der jetzt publik gewordene Skandal um geschichtsrevisionistische und rechtsradikale Texte auf der Homepage des Freundeskreises hat die Spannungen verschärft. Es schien auf einen Showdown vor dem Jubiläumsfest zuzulaufen.

Doch am Donnerstag kündigte Aichner auf DK-Anfrage an: "Die Feier wird verschoben." Auf das Frühjahr. Bis dahin müsse diese Sache aufgearbeitet werden. "Wir klären das!", betonte er. Zuerst im Vorstand, dann im Gespräch mit dem Armeemuseum. Auch der langjährige Vorsitzende des Vereins und heutige Ehrenvorsitzende Manfred Dumann rief beim DK an. Er bekräftigte: "Wir gehen nicht auf Tauchstation. Es tut uns leid. Wir wollen uns nicht herausreden. Wir übernehmen die volle Verantwortung, ohne jetzt Schuld hin und herzuschieben. Unser Verein ist es wert, dass man sich weiter für ihn engagiert!" Und er fügt an: "Auch wenn wir im Neuen Schloss nicht immer mit Weihrauch empfangen werden."

Aichner gestand im DK-Gespräch Fehler ein. "Ich wusste nicht, dass ich presserechtlich für die Internetseite verantwortlich bin. Ich dachte, das sei der Administrator." Also Walter Vogel, Major der Reserve, Mitglied im Vorstand des Freundeskreises und Autor sehr fragwürdiger historischer Beiträge. Wie berichtet, hat Aichner "sofort die Löschung der Texte veranlasst", als er im Juli davon erfahren hatte. Er sei davon ausgegangen, "dass alles beseitigt ist". Jetzt fühlt er sich "übergangen". Aichner hat Vogel über den Justiziar des Vereins dazu aufgefordert, die Betreuung der Seite aufzugeben. "Ich lasse mir ab sofort alles vorlegen, was dort veröffentlicht wird", so der 74-Jährige. "Ich habe jetzt wieder einiges gelernt. Das passiert ganz sicher nicht mehr!"

Fort Prinz Karl Katharinenberg
Ansgar Reiß, Leiter des Armeemuseums.
Johannes Hauser
Ingolstadt

Wie berichtet, hatte der Verein der Freunde auf seiner Internetseite zahlreiche Beiträge veröffentlicht, die eindeutig revisionistischen Inhalts sind. Das bedeutet: Von der internationalen Wissenschaft anerkannte Tatsachen werden radikal bestritten, gern auch flankiert von Verschwörungstheorien. Dafür propagieren die Autoren (meist Hobbyhistoriker) ihre ganz eigenen Versionen der Geschichte. Die Unterstellung, Publizisten, Wissenschaftler, Journalisten und Lehrer würden von den Siegern des Zweiten Weltkriegs "gelenkt und manipuliert", ist in diesen Artikeln ein gern eingesetztes Kampfmittel. Einige Autoren positionieren sich unverhohlen auf rechtsradikalem Terrain. Franz Seidler zum Beispiel, ehemaliger Professor an der Universität der Bundeswehr. Er beklagt in einem auf der Homepage verbreiteten Artikel, dass "alle Werte, die im Dritten Reich gepflegt worden sind", etwa Opferbereitschaft, heute als demokratiefeindlich gelten würden. Oder der General a. D. Gerd Schulze-Rhonhof, 2015 Redner bei einer Versammlung der Freunde des Armeemuseums. 2014 hat ihm die als rechtsradikal klassifizierte "Gesellschaft für freie Publizistik" den Hutten-Preis verliehen. In seiner Dankesrede behauptet Schulze-Rhonhof, dass es von Politik, Medien und manchen Historikern "als sinnvoll erachtet wurde, das Volk der Deutschen gegen eine Vielvölkermischung auszutauschen". Eine bekannte Verschwörungsparole der NPD.

Auch dieser Text war bis vor Kurzem auf der Seite des Fördervereins abrufbar; das ist dokumentiert und mehrfach bezeugt. Am 6. Oktober gegen Mittag - nach zwei Gesprächen des DK mit Aichner - zog Administrator Vogel den Stecker. Die Homepage war komplett offline. Doch am Montag, den 9. Oktober, ging sie wieder ans Netz. Mit den meisten revisionistischen Schriften. Vogel veröffentlichte vorübergehend auch einen Brief, den er im Juli an Reiß geschickt hatte, nachdem der ihn dazu aufgefordert hatte, die rechtsradikalen Inhalte sofort zu beseitigen. Vogel: "Auf Wunsch des Herrn Dr. Aichner habe ich Anfang August das gesamte Menü ,Aktuelles' in den Hintergrund gestellt, damit etwas Zeit für die Präzisierung Ihrer Kritik bleibt." So war es. Er hat nur den Link von der Startseite entfernt, aber nicht die Texte gelöscht.

Die Homepage werde "von A bis Z überarbeitet", kündigte Ehrenvorsitzender Dumann am Donnerstag an. Ein neuer Administrator sei bereits berufen. Die kritisierten Artikel würden komplett verschwinden. "Und von Schulze-Rhonhof kommt alles raus", so Dumann. "Dann heißt es: Auf ein Neues!"

Bis Donnerstagabend war die rechtsradikale "Hutten"-Rede Schulze-Rhonhofs als pdf-Datei abrufbar. Man musste dazu auf der Startseite www.freundeskreis-armeemuseum.de in der Adresszeile ein "/publikationen/vorträge" anfügen. Am Freitag schritt der neue Administrator zur Tat: Er nahm die Seite erneut komplett vom Netz.

Kommentar von Christian Silvester

Jetzt werden schon wieder die ersten genervten Stimmen laut: Was soll die ganze Aufregung um die alten Geschichten vom Krieg? Oder: Warum bekommen diese ewig Gestrigen so viel Aufmerksamkeit in den Medien? Warum? Weil man gegen Rechtsradikalismus immer Front machen muss. Auch wenn er noch so pseudogelehrt und altväterlich daherkommt. Es gibt im Förderverein des Armeemuseums unleugbar einige Mitglieder, die ein Fall für den Verfassungsschutz sind oder fleißig daran arbeiten, einer zu werden.

Revanchisten, die sich – von der Welt entrückt – tief in ihren historischen Schrebergärten eingegraben haben und jeden mit Schmähungen überziehen, der nicht ihrer Meinung ist (krasse Textbeispiele liefert auf Wunsch die Redaktion). Warum ist Ansgar Reiß in die Offensive gegangen? Weil es die Pflicht eines staatlichen bayerischen Museums ist, rechtsradikales Gedankengut zu bekämpfen – und das erst recht, wenn es im Namen der „Freunde des Bayerischen Armeemuseums“ verbreitet wird. Der Museumsleiter erfüllt den gesellschaftlichen Auftrag seines Hauses und kommt zugleich seiner persönlichen Verantwortung als Historiker nach. Es ist mithin auch die Aufgabe einer dem Grundgesetz und dem Deutschen Pressekodex verpflichteten Zeitung, Autoren zu kritisieren, die allen Ernstes behaupten, Hunderttausende redliche Wissenschaftler, Journalisten und Lehrer in aller Welt seien nichts als manipulierte und charakterlose Volltrottel. Niemand darf Ernst Aichner unterstellen, er sei dieses Ungeistes Kind; damit täte man ihm unrecht.

Aber er hätte die Verbreitung der rechtsradikalen Schriften unbedingt verhindern müssen! Aichner war 31 Jahre lang Leiter eines staatlichen Museums, da sollte er über die presserechtliche Verantwortung (die auch im Internet besteht) eigentlich Bescheid wissen. Der Ehrenvorsitzende Manfred Dumann hat rechtzeitig die Flucht nach vorne gewagt und sein Bedauern ausgedrückt. Er kündigt an: Die Seite werde „von A bis Z überarbeiten“ und dann „auf eine Neues!“ Doch damit dem Freundeskreis ein echter Neuanfang gelingt, muss er schon noch mehr Altlasten loswerden als nur einige Textdateien gruseligen Inhalts.
 

„Solche Freunde sind eine Bürde“


Josef Kirmeier, Lehrbeauftragter an der Universität München und Leiter des Museumspädagogischen Zentrums in München, war am Dienstag im Ingolstädter Neuen Schloss, um bei der Präsentation von Franz Hofmeiers neuem Buch „Im Maschinenraum des Ersten Weltkriegs. Eine Spurensuche in Ingolstadt“ ein Grußwort zu sprechen (Bericht folgt). Der Historiker war über die gerade bekanntgewordenen revisionistisch-rechtsradikalen Umtriebe im Freundekreis des Armeemuseums schon bestens im Bild – und „entsetzt“.

„Solche Freunde sind eine Bürde!“, sagte er im Gespräch mit dem DK. Was die Autoren treiben, sei „Gesinnungsgeschichtsschreibung, und zwar rechtsnational bis rechtsextrem!“ Einige seien bei rechten Verlagen und würden vom Verfassungsschutz beobachtet. „In dem Artikel ,Ist die City of London der mächtigste Staat der Erde?’ von Wolfgang Berger“ fehlt nur noch das Gerede vom ,internationalen Finanzjudentum’“, sagt Kirmeier. „Mit dieser rückwärtsgewandten Geschichtsdarstellung dieser Freunde des Armeemuseums wird der Bildungsauftrag des Museums mit Füßen getreten! Und das ist nicht tragbar! Anstatt immer noch, wie im 20. Jahrhundert, die Frage nach der Kriegsschuld in den Mittelpunkt zu rücken, muss man heute den jungen Leuten erklären: Was bedeutet Krieg? Welche Folgen hat er? Welche Lehren ziehen wir daraus?“

Kirmeier gerät fast in Rage, wenn er über die rechtsradikalen Texte spricht, die auf der Homepage des Fördervereins verbreitet wurden. Der Leiter des Museumspädagogischen Zentrums fordert daher: „Die aufrechten Demokraten im Freundeskreis sollten sich jetzt ernsthaft fragen: ,Wo stehen wir?’ Sie müssen sich positionieren! Denn dort, wo der Verein jetzt steht, ist es gefährlich, richtig gefährlich!“ (sic)