Rund die Hälfte der Kundgebungsteilnehmer auf dem Theaterplatz waren Flüchtlinge aus den Oberstimmer und Ingolstädter Asyleinrichtungen. Sie baten um ein Bleiberecht und Chancen auf Arbeitsstellen. Redner aus den Camps betonten ihren Integrationswillen.
Rund die Hälfte der Kundgebungsteilnehmer auf dem Theaterplatz waren Flüchtlinge aus den Oberstimmer und Ingolstädter Asyleinrichtungen. Sie baten um ein Bleiberecht und Chancen auf Arbeitsstellen. Redner aus den Camps betonten ihren Integrationswillen.
Hammer
Ingolstadt
Eigentlich hätte die Demonstration draußen vor der Max-Immelmann-Kaserne in Oberstimm stattfinden sollen. Denn dort im Transitzentrum war am gestrigen 11. April ein Besichtigungstermin für die Presse geplant gewesen. Doch die  Regierung von Oberbayern verschob den seit Monaten feststehenden Termin kurzfristig.  Obwohl, oder doch weil das Interesse gerade so groß daran ist, wie der Bayerische Flüchtlingsrat mutmaßt, der mit zu der Protestkundgebung aufgerufen hatte. Denn das Transitzentrum Manching/Ingolstadt, wie der offizielle Titel für das Abschiebelager lautet,  soll eine Art Modell für die sogenannten Anker-Einrichtungen werden, in denen Flüchtlinge deutschlandweit teils zu Tausenden untergebracht werden sollen. So zumindest der Plan, den der neue Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) − wie im Berliner Koalitionsvertrag vereinbart − vorantreibt.

 Die  Vertreter verschiedener Parteien stellten sich gestern mitten im Landtagswahlkampf der CSU beim Thema Flüchtlinge verbal entgegen. Grünen-Landeschefin Sigi Hagl sprach von einer „Aushebelung der Rechtsstaatlichkeit“ in den Lagern. Sie mahnte einmal mehr an, dass Seehofer „statt einem Abschiebe-Masterplan einen Integrations-Masterplan“ entwickelt. 

Die Landtagsabgeordnete Claudia Stamm, deren Partei „Mut“ die Kundgebung federführend organisiert hatte, forderte wie Hagl die Schließung von Oberstimm und vergleichbarer Massen-Lager. Die Menschlichkeit werde dort „wegorganisiert“. Stamm erinnerte an die Verantwortung Deutschlands und besonders Bayerns, aus dem die Hälfte aller bundesdeutschen Waffenexporte stammen würde. Das griff auch Eva Bulling-Schröter, die Landtagspitzenkandidatin der Linken, auf, die der Ingolstädter Stadtspitze zudem „keine Empathie“ gegenüber den Menschen in den Containerlagern vorwarf. In Bamberg würde der Rathauschef eine Schließung der dortigen Großeinrichtung fordern, in Ingolstadt höre man nichts.
 Stephan Theo Reichel von der Kirchenorganisation Matteo rief ganz im Stil von US-Präsident Ronald Reagan und dessen bekannter Rede in Berlin („Mr. Gorbatschow, tear down this wall!“) auf Englisch: „Mrs. Merkel, Mr. Söder, close this camp!“ Die vielen nigerianischen Besucher der Kundgebung jubelten daraufhin besonders laut.

Ein Mann und zwei Frauen aus Afrika stellten sich anschließend  am Mikrofon vor das Publikum und schütteten ihr Herz aus. Sie dankten für die Aufnahme in Deutschland nach ihrer Flucht und  wünschten sich ein Bleiberecht. „Geben Sie uns die Chance auf eine Arbeitsstelle, auf Wohnungen. Wir werden gute Bürger sein, wollen Steuern zahlen, eure Gesetze befolgen“, sagte der Mann namens George.

Bereits am Vormittag hatte der Bayerische Flüchtlingsrat bei einer Pressekonferenz weitere Bewohner von Ingolstädter Einrichtungen präsentiert.     Sie beschrieben, wie monoton das tägliche Leben in den Containern an der Manchinger Straße und an der Marie-Curie-Straße ablaufe.  „Wie in einer kleinen Hölle“, sagte Dmytro Skyrta, der mit seiner Familie (schwangere Frau und einjährige Tochter) seit einem knappen Jahr auf dem Parkplatz P3 lebt. Der Ukrainer musste, so sagt er, aus politischen Gründen aus Kiew fliehen.

Als Anwalt  habe er mit einem Team im Auftrag der Oppositionspartei die Korruptionsmechanismen der aktuellen Regierung aufgedeckt. Jetzt werde er von der Geheimpolizei verfolgt.  Sobald  er einen Fuß auf ukrainischen Boden  setze, drohe ihm die Verhaftung. Er sei sehr froh, in Deutschland zu sein. „Aber wir verstehen auch, dass wir Gäste sind. Die Deutschen sollten  nicht für uns zahlen.“ Skyrta sagt: „Wir sind voller  Energie, wollen arbeiten, wollen Steuern zahlen.“ Doch man lasse ihn eben nicht, bis sein Verfahren abgeschlossen ist, so der 32-Jährige.  Er sieht als mutmaßlich politisch Verfolgter  gute Chancen. Aber es könne, so  sage ihm sein Anwalt, noch zwei Jahren bis zur Anerkennung  dauern. 

Ähnlich frustriert klingt Abasi Abdul Khalil, der seit  einem knappen Dreivierteljahr    unweit des Ingolstadt Village im Lager lebt. Der Kinderarzt aus Kabul würde auch gerne hier arbeiten, helfen, sich einsetzen, sagt er. Aber er ist ebenfalls  zum Nichtstun verdammt. „Wir kennen Deutschland als Land, das die Rechte von Menschen schützt. Deshalb kommen die ganzen Afghanen hierher“, sagt der 52-Jährige. Er  habe sich daheim in der Politik engagiert, sei aber von den Taliban bedroht und vor dem Einzug ins Parlament erpresst worden. Also sei er über Nacht geflohen. „Das Leben im Camp ist sehr schwierig“, sagt er nun. Probleme mit jungen Afghanen in Ingolstadt und anderswo führt er auf die Perspektivlosigkeit der Menschen zurück. Und so schnell dürfte sich trotz der Demonstration nicht viel daran ändern.